Die Ausländer der Oberschicht

18. Juli 2018

Sie sprechen gebrochenes Deutsch, hängen nur mit ihresgleichen ab und haben keinen Respekt vor ihren Lehrern – die Rede ist nicht von Kindern aus Brennpunktschulen, sondern von Schülern aus internationalen Privatschulen in Wien. 

Von Aleksandra Tulej, Fotos: Marko Mestrovic


Foto: Marko Mestrovic
Foto: Marko Mestrovic

„Ich hänge fast ausschließlich mit Leuten aus meiner alten Schule ab“, sagt Marie-Sophie*, die letztes Jahr an einer englischsprachigen internationalen Schule in Wien maturiert hat. „Man wächst eben in gewissen Kreisen auf. Das klingt jetzt mega eingebildet, aber ich habe erst nachdem ich die Schule abgeschlossen habe gemerkt, wie viele soziale Unterschiede es in Wien gibt“, gibt sie zu. Wenn es darum geht, Urlaub zu machen, Partys zu schmeißen oder teure Shopping-Trips zu veranstalten, sind Marie-Sophie und ihren Schulfreunden geldmäßig oft keine Grenzen gesetzt. Ein Wochenend-Trip nach New York oder einfach so mal eine neue Louis-Vuitton-Tasche sind keine Seltenheit für Marie-Sophie –und waren es auch nicht in ihrer Schulzeit.  

Foto: Marko Mestrovic
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„Dass das, was meine Freunde und ich machen, nicht „normal“ für Leute in meinem Alter ist, merke ich erst jetzt“, sagt die 19-Jährige, die heute Publizistik an der Uni Wien studiert. Sie braucht immer wieder eine Weile, um die richtigen Wörter auf Deutsch zu finden während sie erzählt, und wirft oft englische Ausdrücke ein. Das Mädchen hat britische Wurzeln, ist aber in Österreich geboren und aufgewachsen. Dennoch spricht Marie-Sophie kein einwandfreies Deutsch. Warum? 

In der Schule, die Marie-Sophie besucht hat, wird auf Englisch unterrichtet. Zuhause spricht sie auch Englisch, mit ihren Freunden  „denglisch“ – „Wir sprechen eigentlich eine Mischung aus Deutsch und Englisch, das hat sich schon zu Schulzeiten so etabliert. Weil es einfacher ist, und Englisch versteht sowieso jeder“, sagt das zierliche Mädchen und streift sich ihre blonden Haare hinter die Ohren, auf denen zwei große Perlenstecker schimmern. 

Foto:Marko Mestrovic
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Mommy und Daddy werden’s schon richten

An ihrer alten Schule spricht wirklich jeder englisch: Marie-Sophie war an einer Schule in Wien, die von Diplomatenkindern und Kindern der Oberschicht besucht wird. Viele von ihnen sprechen kein richtiges Deutsch. Die Rede ist hier von Internationalen Schulen, an denen die Unterrichtssprache Englisch oder Französisch ist. An diesen Schulen hat so gut wie niemand Deutsch als Muttersprache. Aber es ist hier eben nicht Türkisch, Serbisch oder Polnisch – also keine der klassischen „Gastarbeitersprachen“, sondern Französisch oder Englisch. Die „guten“ Ausländer eben. Obwohl diese Kinder aus einer anderen Schicht kommen als Schüler einer NMS, bleibt hier dasselbe Sprachenproblem, das beide Seiten betrifft. Aber diese Problematik wird eben anders betrachtet, wenn kleine Jungs in roten Hosen und Polo-Shirt Deutsch und Englisch mischen und „Mommy und Daddy“ statt „Anne und Baba“ sagen.

Ähnlich wie bei Marie-Sophie ist es bei Theresa*, die eine christliche englischsprachige Schule in Wien besucht hat. „Bei uns war und ist dieses ,denglish’ auch die Sprache, in der wir untereinander kommunizieren. Aber an internationalen Schulen ist das generell so, dass jeder von der Kultur und Sprache des anderen fasziniert ist“, sagt sie. Ihre Eltern sind beide Österreicher, Theresa spricht gutes Deutsch. 

„Dass Kinder zwei Sprachen vermischen, ist kein Problem einer gewissen sozialen Schicht“,  sagt Bildungswissenschaftlerin Heidi Schrodt. Es geht nur um den Willen nach Verständigung. „Dabei ist es egal, ob es sich um französischsprachige oder türkischsprachige Muttersprachler handelt“, sagt Schrodt. Wer eine Fremdsprache kann, ist laut Experten klar im Vorteil. Aber, ist es dabei egal, welche? 

Foto:Marko Mestrovic
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 „Wenn ich französisch spreche, reagieren die Leute sehr positiv auf mich. Sie sagen dann, die „Sprache der Liebe“ sei so schön“, sagt Caroline*. Caroline ist 15 und geht in eine französischsprachige Privatschule im neunten Bezirk in Wien. Sie hat einen französischen Vater, ist hier geboren und macht im Deutschen gravierende Fehler - sowohl in Wort als auch in Schrift. Vor allem bei Artikeln und Wortendungen. „Ist doch nicht schlimm, jeder versteht mich gut genug“, lacht die Schülerin.  Arthur*, der dieselbe Schule besucht hat, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Bei mir war das immer ein Pluspunkt, dass ich französisch spreche.“ Arthur ist groß, blond, Mitte Zwanzig, in Wien aufgewachsen und kommt aus, wie man so schön sagt, „gutem Hause.“ Sein Vater ist Franzose, die Mutter Österreicherin. „Bei uns in der Schule gab es einige Diplomatenkinder, die erst später nach Österreich gekommen sind und somit nicht gut deutsch gesprochen haben. Die hatten dann sogenannten „allemand pour francais“- Unterricht, also verstärkten Deutschunterricht, während wir normalen Deutschunterricht hatten“, sagt er. 

Und wo genau sind die Unterschiede?  

Kommenden Herbst werden an ausgewählten Neuen Mittelschulen, AHS und Volksschulen in Österreich sogenannte Deutschförderklassen eingeführt. Schüler mit nicht-deutscher Muttersprache, deren Deutsch-Niveau noch nicht gut genug ist, um dem Unterricht zu folgen, kommen dann in diese Klassen und bekommen verstärkt Sprachunterricht – bis sie gut genug Deutsch können, um dem Regelunterricht zu folgen. 

Diese Neuerung ist besonders für Schulen mit hohem Migrationsanteil gedacht. Doch was ist eigentlich mit jenen Wiener Privatschulen, an denen der Ausländeranteil höher ist, als an einer durchschnittlichen NMS?  An vielen internationalen Privatschulen in Wien wird das so gehandhabt:  Die Kinder mit Deutsch-Defiziten bekommen eigenen Sprachunterricht, während die, die Deutsch als Muttersprache haben, einfach Deutschunterricht auf einem ihnen angepassten Niveau kriegen. Auf der Vienna International School, einer Privatschule in Wien, beispielsweise ist die Unterrichtssprache Englisch, wobei Deutsch ein Pflichtunterrichtsfach für alle SchülerInnen ist. „Die VIS ist von dieser Neuerung nicht betroffen, da wir nicht nach dem österreichischen Lehrplan unterrichten, sondern nach dem International Baccalaureate“, heißt es auf Nachfrage seitens der Schule. 

„Machen Sie sich um uns mal keine Sorgen“

Auch Arthur findet, dass die Deutschklassen an den NMS eine gute Idee sind, damit die Kinder rechtzeitig Deutsch lernen, wenn sie die Möglichkeit dazu zuhause nicht haben. 

Und wo genau liegt dann der Unterschied zwischen ihm und den Gastarbeiter- oder Flüchtlingskindern? „Meine Schulkollegen konnten vielleicht kein Deutsch, hatten aber Maturaniveau in Französisch, Englisch und oft noch in einer dritten Sprache. Damit kommt man in Österreich gut durch. Und wenn man sich an internationalen Jobs orientiert, haben diese Leute sehr gute Aussichten, Arbeit zu finden. Natürlich ist das so, dass Mama und Papa Kontakte und ausreichend Geld haben, was es noch leichter macht. Außerdem sind viele dieser Leute dann nach Frankreich oder in die USA zum Studieren gegangen, haben also Deutsch nicht wirklich gebraucht.  Jemand, der sein Leben lang in Österreich lebt, eine Fremdsprache wie zum Beispiel Serbisch spricht, in dieser aber schriftlich schlecht ist und dazu kaum deutsch spricht, tut sich später am Arbeitsmarkt richtig schwer“ , sagt er nachdenklich. 

Arthur ist sich bewusst, dass er privilegiert ist. Schüler wie er lassen andere ihre Privilegiertheit auch oft spüren. Davon berichtet Simone*, eine ehemalige Lehrkraft aus Arthurs Schule, die anonym bleiben möchte.  „Manchmal habe ich den Eindruck gehabt, dass die Schüler das Lehrpersonal wirklich als Personal gesehen haben, das dazu da ist, ihnen zu dienen. Solche Kinder sehen oft nicht ein, was wir als Lehrer ihnen für die Zukunft bringen sollen. Sie wissen, dass sie quasi ihre Eltern im Rücken haben“, sagt die Lehrerin. Wenn sie die Schüler auf ihre schlechten Leistungen ansprach, bekam sie auch mal Sachen zu hören wie „Machen Sie sich um uns mal keine Sorgen.“ 

Laut Simone fehlt es an dieser Schule auch an jeglicher sozialer Durchmischung. Reich trifft auf noch reicher. Dabei ist die Idee hinter internationalen Privatschulen einst jene gewesen, dass es an mehreren Standorten auf der Welt denselben Lehrplan gibt: Für Kinder von Diplomaten und UNO-Angestellten. Damit diese es leichter haben, wenn sie alle zwei Jahre in ein anderes Land umziehen und dort dann zur Schule gehen. Eigentlich. Heute lautet die Devise an dem Großteil dieser Schulen: Wer zahlt, kommt rein. „Natürlich ist es praktisch, wenn ein Elternteil aus Frankreich kommt, und der andere aus Österreich – damit das Kind dann die Sprache nicht verlernt. Aber man sucht sich, indem man sein Kind auf so eine Schule schickt, ja auch ein gewisses Milieu aus“, sagt die Pädagogin. 

Foto:Marko Mestrovic
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„Sprache und Schicht spalten die Menschen“

Es gibt viele Migranten-Kinder aus bildungsfernen Schichten, die in Österreich geboren sind, aber nur schlechtes Deutsch sprechen.  Weil sie zuhause und mit Freunden eben nur in ihrer Muttersprache kommunizieren. Es entstehen also Parallelgesellschaften. Aber das ist kein Klassenproblem. Es zieht sich durch alle Schichten – auch in Privatschulen bilden sich Parallelgesellschaften,  der Unterschied ist nur, dass sie hier in einer privilegierten Blase und eben nicht am Rande der Gesellschaft leben.  

Stichwort Blase: Wer eine internationale Privatschule besucht, bleibt oft unter sich. Es ist schon einige Jahre her, dass Arthur maturiert hat . Sein ehemaliger Klassenkollege Remi ist immer noch einer seiner besten Freunde. Remi besitzt heute eine französische In-Bäckerei im ersten Bezirk.  Ob die beiden auch Freunde aus der Arbeiterklasse haben, oder Flüchtlinge persönlich kennen? „Leider nicht. Weil Sprache, Kultur und soziale Schicht die Menschen spalten“, sagt Remi.  

„Ich habe sehr wenige Freunde, die ich dieser Kategorie zuordnen kann. Ich glaube einfach, dass die Interessen teilweise verschieden sind und solche Bekanntschaften einfach deshalb nicht zustande kommen“, stimmt ihm Arthur zu. „Es ist nicht so, dass wir es nicht wollen. Aber frag mal eine person that went to a Hauptschule, wie viele Privatschüler es kennt“, sagt Marie-Sophie grinsend. Unabhängig von der Schulform gibt es aber auf beiden „Seiten“ immer wieder Schüler, die sich weigern, die Sprache des Landes, in dem sie aufwachsen, gut genug zu lernen. Weil es einfach bequemer ist, mit gleichsprachigen Mitschülern in der Muttersprache zu kommunizieren. 

Foto:Marko Mestrovic
Foto:Marko Mestrovic

Tatsache ist, dass die Communities an den verschiedenen Schultypen voneinander abgegrenzt bleiben. Im Vergleich dazu erscheinen die Sprachdefizite als geringeres Problem: Was bleibt, sind die Parallelgesellschaften. Es braucht eine bessere soziale Durchmischung und da helfen weder Sprachunterricht an teuren Privatschulen noch Deutschförderklassen an NMS. 

 

*Namen von der Redaktion geändert 

Alle Fotos wurden für die Geschichte nachgestellt.

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