Die Bettelmafia

29. Oktober 2018

„Die Leiden des jungen Todor“

Von Todor Ovtcharov


Bitte Brüderchen, wir sind doch Lands - männer! Du kannst keinen anderen Bulgaren im Stich lassen! Gib mir 2-3 Euro, damit ich mir ein Kebabchen kaufen kann, ich sterbe vor Hunger!” Dieser Landsmann hat mich in der Ecke gezwungen. Er spricht mich in meiner Muttersprache an und ich fühle mich unangenehm. Ich kann doch kein Lands - mann ohne 2-3 Euro und somit auch ohne ein “Kebabchen”lassen. Er hat mich erwischt und ich muss solidarisch sein.

Ich weiß, dass falls ich ihn noch ein Mal treffe, dann bekommt er nichts mehr von mir. Erstens werde ich nicht mehr so unvorbereitet sein und zweitens sagt Berthold Brecht in die „Dreigro - schenoper“, dass Bettler höchstens drei Mal Mit - leid erzeugen können. Und die Klassiker haben immer Recht. Ein Bekannter von mir meint, dass er immer in guter Gesundheit ist, weil er jedem Bettler was gibt und sie ihm immer Wohlleben und Gesundheit wünschen. Ich weiß nicht, ob er Recht hat, aber ich mache es ähnlich wie er. Einer meiner Lieblingbettler in Wien ist einer, der immer Heavy Metal hört und sich mit dem Erbettelten Konzertkarten für seine Lieblingbands kauft. Ich habe mal auch einen Bettler gesehen, der mit einem Schild “Ich sammle Geld für ein neues BMW” in der Fußgängerzone saß. Wo er wohl das alte geparkt hatte?

Ich kenne persönlich einige Bettler, die sich als Zeitungsverkäufer ausgeben. Sie verdienen ungefähr 20 Euro am Tag und sind sicherlich kein Teil von einer organisierten Gruppe. Sie betrach - ten sich eher als Kämpfer für die freie Presse. Ich habe auch einen Bettler gesehen, der mit dem entwaffnenden Schild stand “Ich bin eine dre - ckige Sau und bin zu faul um zu arbeiten!” Das ist so ehrlich, dass man nicht mal böse auf ihn sein darf. Trotzdem sprichen vor allem die rechten Parteien immer wieder von der Bettelmafia, die echte Mafiacapos von Osteuropa nach Wien bringen. So wie im Kusturica Film “The Time of the Gypsies” nur ganz ohne Romantik. Ich frage mich, ob Wiener eher Geld an einem Bettler geben würden, wenn er sie im Wiener Dialekt anspricht, so wie ich mit meinem Landsmann? Eigentlich habe ich auch mal als Bettler gear - beitet. In einem großen Geschäft für Baumateri - alian habe ich Spenden für die Clown Doktoren gesammelt. Als Spendensammler, oder besser gesagt professioneler Bettler hatte ich eine rote Nase an und bettlte die Leute an ihr Restgeld an der Kasse in meine Spendendose zu werfen. Ich lächelte die ganze Zeit und war ganz sympatisch in meinem Bettlerjob. Viele gaben mir ein Biss - chen Geld. Trotzdem wurde ich nach drei Tage gefeuert. Von allen Bettlerkollegen hatte ich am wenigsten erbettelt.

Um im Zeitgeist zu bleiben muss ich wohl auch aufhören Bettlern Geld zu geben. Sogar denjenigen, die mich auf Bulgarisch ansprechen. Trotzdem mache ich weiter, denn Politiker im Gegensatz zu den Klassikern haben nicht immer Recht.

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