Die Gastarbeiterroute - Gräber von türkischen Verkehrsopfern in der Obersteiermark entdeckt

08. März 2010

Die Endstation...

Meine Recherchen über die Gastarbeiterroute führten mich gestern nach Kalwang in die Obersteiermark, um dem kleinen Friedhof neben dem Unfallkrankenhaus einen Besuch abzustatten.

Ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1978 beinhaltete ein Interview mit dem damals dort ansässigen aber mittlerweile bereits selbst verstorbenen Totengräber, der sich darüber beklagte " vor lauter Sarg schleppen bereits einen Leistenbruch bekommen zu haben." Er hatte wirklich viel zu tun, das ist bekannt. Ein großer Teil der Verstorbenen wurde kurz nach dem Begräbnis für die Überführung in die Heimat wieder exhumiert.

Ein tödlich verunglückter Gastarbeiter auf der Durchreise musste - soferne die Angehörigen den Leichnam nicht in die Heimat überführen wollten oder konnten innerhalb von 72 Stunden am Sterbeort bestattet werden.

Dieses Foto aus der "Kleinen Zeitung" von 1978 brachte mich auf die Spur:

 

Am Friedhof in Kalwang gab es eine Ecke, in der ausschliesslich die durchreisenden Gastarbeiter nach tödlichen Unfällen begraben wurden. Diese habe ich gefunden, jedoch sind nur mehr 5 Gräber erhalten geblieben.

In Kürze werden wohl auch die paar letzten Gräber von der Bildfläche verschwunden sein, da diese von niemandem betreut werden. Die damalige "Ecke" ist mittlerweile durch die Friedhofserweiterung auch schon versetzt worden, die türkischen Gräber liegen nun mittendrin.

 

Dieser Grabstein wurde wohl in der Heimat angefertigt und nach Österreich gebracht. Ich wäre dankbar, wenn jemand diesen für mich übersetzen könnte - ist hier tatsächlich nur ein Kind alleine begraben worden? Wo sind die Eltern?

Kayim Faruk, Fadine, Fadime - bitte kann mir das jemand erklären? Ich würde mir in Zukunft leichter tun, solche Gräber zu entschlüsseln. Ich sprehe ja kein Wort türkisch, aber liegen hier Eltern mit ihrem Kind begraben?

Schlimme Hintergrundgeschichten haben mich gestern auch von einem dort ansässigen Autoabschlepper erreicht, der mir erzählte wie sehr die hinterbliebenen Türken nach Unfällen gestritten haben, "du hast meinen Sohn umgebracht" und ähnliches...  Viele Unfälle entstanden aus der Situation, dass viele Familien im Konvoi gefahren sind, wenn der erste überholt hat taten die nächsten das "auf Teufel komm raus" - und überholten ebenfalls - aber dann schon äusserst riskant - um den Anschluss nicht zu verlieren. Das ging allzuoft nicht gut aus...

Dann war der Wagen zertrümmert, die ganze Habe lag weit verstreut an der Unfallstelle, wurde eingesammelt und aufbewahrt bis zur Abholung durch Angehörige. Hier ein seltenes Originalfoto aus den späten 1970er Jahren:

Das alles lag nach einem schweren Unfall auf der Strasse... Im Hintergrund sieht man ein Stück eines vollbepackten Ford Transit. Er gehörte zu dem verunglückten Konvoi.

 

Nach wie vor suche ich Menschen, die damals dabei waren und vielleicht einen kleinen Bericht für dieses Werk zur österreichischen Verkehrsgeschichte beisteuern möchten. Es ist auch ein Teil Eurer Geschichte.

Viele Grüsse

der fred

www.gastarbeiterroute.com

 

Kommentare

 

kann mich erinnern, wie wir damals mit unserem blauen ford 3 tage lang unterwegs gewesen sind. damals sind bekannte von uns bereits in 1,5 oder 2 tagen angekommen. die haben nichtmal gehalten um ihre kinder aufs klo zu bringen, sondern haben sie die notdurft in sackerl verrichten lassen, die sie dann-schwupps- ausm fenster geworfen haben.

offensichtlich hatten es viele wirklich sehr eilig. die, die tatsächlich angekommen sind, können von glück reden, wenn ich mir die bilder ansehe.

Zum grabstein: Faruk ist ein Männername, Fadime, der der Frau.
Der Name in der Mitte, Fadine, ist mir neu.
Entweder sie haben sich verschrieben und dann den Namen der Frau nochmal richtig daneben geschrieben, oder es ist das Kind, das so geheißen hat...

 

wieder eine neue facette - das bild rundet sich immer mehr ab...

1973 wurden die namen der opfer in den zeitungen noch veröffentlicht. leider ist kein genaueres datum am grabstein, da wird die suche mühsam. aber ich bekomme es noch raus, und dann habe ich vielleicht auch gesichter zu dem grabstein, da damals auch fast immer die passfotos der opfer in den zeitungen veröffentlicht wurden.

lg
fred

 

nachdem hier scheinbar niemand türkisch spricht :-), habe ich nun selber versucht, einen der grabsteine mittels übersetzungsprogramm für mich verständlich zu machen.

der grabstein beinhaltet folgende worte:

"Feci Trafik Kaza Sinda Hayata Göz lerini yuman inci altay in ruhuna fatiha..."

als übersetzung kam da dieses raus...

"Die Implementierung des schlechtesten Verkehrsunfalles Sinda, das ihr ist, der weg in den Geist vom alten und überschritt..." äääähhhhh wie bitte??

geh seid´s bitte so nett und könnts ihr mir bitte einen satz daraus machen den man auch verstehen kann? ich würde gerne das richtige zu dem grabstein auf meiner internetseite dazuschreiben.

der ganze text ist am grabstein - siehe foto im blog!

daaaaaaaaanke!!!!!

lg
der fred

 

"Feci Trafik Kaza Sinda Hayata Göz lerini yuman inci altay in ruhuna fatiha..." equals ca : der geist der altay inci ist hier begraben nachdem sie bei einem verkehrsunfall verstorben ist"

weil "gözlerini yuman" bedeutet ca hat ihre augen geschlossen " und fatiha ist aus dem koran .. das buch hatte ich zuletzt in meiner hand da war ich 5 .. falls du türkisch Wort zu Wort übersetzen magst kommt nur schwachsinn raus :D

 

vielen dank mustafa - das mit dem schwachsinn habe ich bemerkt :-) jedenfalls das war das jetzt eine ganz grosse hilfe, nun kann ich dieses kapitel fertig machen!

lg
fred

 

bevor du lobeshymnen auf den musti loslässt =))

wort wörtlich zu übersetzen macht in dem fall keinen sinn!
ich würde es sinngemäß übersetzen:

"Inci Altay, die bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kam, möge in Frieden ruhen"

(steht eh auch so in etwa auf deutsch darunter)

 

schlaumeier ...

 

jetzt habe ich es schon verarbeitet - sinngemäss wird es eh so und so stimmen.

wenns wärmer wird fahre ich mit block und weichen bleistiften noch einmal dort hin und versuche die letzten beiden grabsteine zu entziffern, vielleicht bekomm ich aus der gravur noch irgendetwas raus. ich habe das gefühl, dass das alles nicht mehr lange dort stehen wird. aber bei -6 grad und schnee war das am letzten sonntag kein vergnügen.

bin gespannt, ob ich noch weitere friedhöfe finde, die so besondere bereiche hatten, muss da mal den neuralgischen unfallschwerpunkten nachgehen.

jetzt habe ich aber wenigstens info, wie das nach so einem unfall abgehandelt wurde. der totengräber dort ist zwar selbst schon 1984 gestorben, aber es existiert ein grosser zeitungsbericht von 1978 mit sehr vielen infos. stehen alle bereits online.

danke nochmals und ciao!
der fred

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