DIE NEUEN ÖSTERREICHER

29. Januar 2010
Der lange Marsch zum Respekt: Sie sind die am bislang besten integrierte Generation jener, die als „Gastarbeiter“ willkommen geheißen wurden, dann als „Tschuschen“ verunglimpft und bald ehrfurchtsvoll als Frau oder Herr Doktor, Ministerialrat oder gar Minister angesprochen werden könnten.

Von Ivana Martinović. Fotos: Lucia Bartl, Christian Müller. Fotomontage: biber

Der Verein Wirtschaft für Integration hat mich als Jurymitglied geladen, um ein paar Kids zu bewerten, die zum Redewettbewerb „Sag’s Multi“ angetreten sind. Im Kopf habe ich das Bild von mir selbst, wie ich einst als Flüchtlingskind zitternd und verunsichernd Referate runtergelabert habe. Doch was ich zu hören bekomme, ist etwas ganz anderes: selbstsicher, ohne Röte im Gesicht, erzählen diese Kids über ihre Heimat, ihre Geschichte zwischen zwei Welten und wie es ist, sich als Migrantenkind zu behaupten. Als ich dann noch Worte in meiner Muttersprache höre, steckt mir ein Kloß im Hals und treibt mir Tränen in die Augen. Endlich ist meine Muttersprache (wieder) ein Teil von Wien! Diese Kids bringen Schätze aus verschiedenen Kulturen mit, sehen aber in Österreich ihr Zuhause. Sie sind zielstrebig, wollen Karriere machen und im Land mitbestimmen. Gebt ihnen nur die Gelegenheit sich zu beweisen, und sie werden euch zeigen, wo’s langgeht! biber sprach mit fünf von diesen neuen Österreichern.

 
Roma n Salat ovi ć:
„Die österreichischen Politiker langweilen die Jugend“
Alter: 15 Jahre, geboren in Wien
Staatsbürgerschaft: Österreich
Migrationshintergrund: Eltern aus Bosnien-Herzegowina
Muttersprachen: Kroatisch, Deutsch
Schule: Privatgymnasium Fliesgasse, 1150 Wien
 
Bist du „a woschechter“ Österreicher?
Meine Mutter ist auch hier geboren, da werde ich wohl ein
echter sein. Aber auf die Traditionen aus der alten Heimat
meiner Eltern lege ich trotzdem wert. Wir fahren oft runter
und treffen die Familie. Wenn ich aber aus dem Urlaub
zurück bin, fühle ich mich wie daheim angekommen.
 
Welche Sprache sprichst du besser?
Zuhause sprechen wir mehr Deutsch. Kroatisch nur, wenn
viele Verwandte da sind.
 
Bock auf Politik?
Ich werde wählen, sobald ich darf. Ich will auch mit meiner
Stimme mitbestimmen. Aber die meisten Politiker langweilen
die Jugend. Der Einzige, der sich durch sein Auftreten etwas
besser bei der Jugend macht, ist Strache. Die anderen sollten
sich mehr um die Jugend kümmern.
 
Schon mal als Ausländer beschimpft worden?
Nein! Wahrscheinlich, weil man mir das nicht ansieht. Wenn
ich dünklere Haut hätte, vielleicht. In Österreich ist dann
eine Beschimpfung wahrscheinlicher.
 
Was willst werden, wenn du „groß“ bist?
Fußballstar! Wenn das nichts wird, Sportwissenschaften studieren
oder vielleicht Manager eines Ausnahmetalentes.
 
Jova na Savi ć:
„Ich will selbst politisch etwas verändern“
Alter: 13 Jahre, geboren in Wien
Staatsbürgerschaft: Österreich
Migrationshintergrund: Mutter aus Kroatien, Vater aus Bosnien-Herzegowina
Muttersprachen: B/K/S(bosnisch/kroatisch/serbisch), Deutsch
Schule: Rainergymnasium, 1050 Wien
 
Bist du „a woschechte“ Österreicherin?
Ich fühle mich wie zwischen zwei Stühlen. Allerdings gefällt
mir diese goldene Mitte. Ich will mich gar nicht nur für eine
Seite entscheiden. Es ist super, Teil beider Länder zu sein.
 
Welche Sprache sprichst du besser?
Meine Eltern legen viel Wert auf eine zweisprachige Erziehung.
Damit meine kleinen Schwestern unsere B/K/SMuttersprache
lernen, wird diese überwiegend gesprochen.
Ich hab das Gefühl, besser Deutsch zu können. Deutsch ist
meine Gefühlssprache, meine Geschichten schreibe ich am
liebsten auf Englisch.
 
Bock auf Politik?
Klar! Ich finde, dass die FPÖ falsch über Ausländer urteilt.
Wir sind gebürtige Österreicher, nur eben mit der Besonderheit
mit zwei Kulturen aufzuwachsen. Ich will später selbst
politisch tätig sein und die Stimmung gegen Ausländer hier
verändern.
 
Schon mal als Ausländer beschimpft worden?
In der Volksschule haben die Kinder immer absichtlich meinen
Namen falsch ausgesprochen. Als dann mehr Ausländer
in der Klasse waren, wurde ich nicht mehr beschimpft.
 
Was willst werden, wenn du „groß“ bist?
Internationale Anwältin. Ich will noch andere Sprachen lernen,
damit ich Menschen in Not weltweit vertreten kann.
 
Lucas Che n:
„Wahlergebnisse betreffen uns alle – Leute, geht wählen!“
Alter: 18 Jahre, geboren in Wien
Staatsbürgerschaft: Österreich
Migrationshintergrund: Eltern aus China
Muttersprachen: Chinesisch, Deutsch
Schule: Handelsschule Hamerlinggasse, 1080 Wien
 
Bist du „a woschechter“ Österreicher?
Ich kenne nichts anderes außer Österreich, China nur von
wenigen Besuchen. Ich fühle mich hier zu Hause, aber meine
chinesischen Wurzeln würde ich dennoch nicht verleugnen
und bin stolz darauf. Ich bin ein chinesischer Österreicher.
 
Welche Sprache sprichst du besser?
Ich spreche Deutsch besser. Und meine Eltern sprechen
auch mit meinem Bruder und mir Deutsch, damit sie ihre
Sprachkenntnisse perfektionieren. Mit Verwandten sprechen
wir aber Chinesisch. Ich hab mir aber vorgenommen, auch
die chinesische Schrift irgendwann zu lernen. Ich hatte noch
keine Gelegenheit dazu.
 
Bock auf Politik?
Ich bin schon zur Wahl gegangen. Jeder mit Wahlrecht sollte
wählen gehen. Was beim Ergebnis rauskommt, betrifft uns
alle. „Hab keine Zeit gehabt“ ist die blödeste Ausrede.
 
Schon mal als Ausländer beschimpft worden?
Ich persönlich nie. Hab’ allerdings oft erlebt, wie ausländische
Mitschüler beschimpft und wegen ihrer Sprache
gehänselt wurden. Ich finde das scheiße!
 
Was willst werden, wenn du „groß“ bist?
Internist. Ich hab mich immer schon für Medizin interessiert
und werde das auch später studieren. Ein Gott im weißen
Kittel. (lacht)
 
Sonya Puthuparambil :
„Wenn ich im Ausland bin, werd ich nach Kampusch und Hitler gefragt“
Alter: 18 Jahre, geboren in Wien
Staatsbürgerschaft: Österreich
Migrationshintergrund: Eltern aus Südindien
Muttersprachen: malayalam, deutsch
Schule: Vienna Business School Augarten, 1020 Wien
 
Bist du „a woschechte“ Österreicherin?
Kann ich nicht sagen. Ich bin beides, Inderin und Österreicherin.
Wenn ich im Ausland bin, fragen mich die Leute
allerdings nach Kampusch und Hitler. Seltsam nicht?
 
Welche Sprache sprichst du besser?
Ich spreche Französisch, Englisch, Italienisch, Malayalam
und natürlich Deutsch. Ich versuche alle Sprachen zu perfektionieren,
weil ich es für meinen späteren Beruf brauche.
Deutsch und meine Muttersprache aber am besten.
 
Bock auf Politik?
Bundeskanzlerin würde ich nicht sein wollen, aber vielleicht
in einer Partei tätig. Aber ein „Obama“ wäre in Österrerich
vielleicht erst in 50 Jahren möglich.
 
Schon mal als Ausländer beschimpft worden?
Nein. Aber die Österreicher sind eher weltfremd, konservativ
und verschlossen. Deshalb will ich auch nach England
studieren gehen.
 
Was willst werden, wenn du „groß“ bist?
Ich will für NGOs und die UNO arbeiten. Jetzt allerdings
bin ich Vorstandsmitglied des indischen Kulturvereins in
Wien und Journalistin beim JugendKURIER. Ich hab auch
zahlreiche ehrenamtliche Praktika im Ausland gemacht,
z. B. bei der Organisation „Grenzenlos“ in Spanien.
 
Özlem Ciftcisoy:
„Unsere Generation wird alles ändern“
Alter: 16 Jahre, geboren in Wien
Staatsbürgerschaft: Türkei
Migrationshintergrund: Eltern aus der Türkei
Muttersprache: Türkisch
Schule: Gymnasium Henriettenplatz, 1150 Wien
 
Bist du „a woschechte“ Österreicherin?
Nein. Hab keine Staatsbürgerschaft. Fühl mich dann wie
eine Verräterin. Außerdem hab ich kein Land, weil ich hier
als Fremde gesehen werde und auch in der Türkei. Zu Hause
fühle ich mich nur „bei mir zu Hause“.
 
Welche Sprache sprichst du besser?
Ich nenne das Deutsch-Türkisch und mische die Sprachen.
Türkisch hab ich aber lieber.
 
Bock auf Politik?
Ja, sicher! Ich kann mir sogar vorstellen Bundeskanzlerin zu
werden. Ich kann gut quatschen, bin gut in der Schule und
will allen zeigen, was ich kann. Unsere Generation wird alles
ändern, weil wir alles erreichen können, was wir wollen.
 
Schon mal als Ausländer beschimpft worden?
Die Österreicher mögen die Türken nicht. Ich hab nicht so
viel Kontakt zu Österreichern. Kroaten find ich sympathisch
und hab eigentlich nur bosnische und türkische Freunde.
 
Was willst werden, wenn du „groß“ bist?
Ich will Rechtsanwältin werden.
 
 
Infobox:
Was ist „Sag’s multi“ ?
Der vom Verein Wirtschaft für Integration (VWFI) und EDUCULT organisierte mehrsprachige Redewettbewerb „Sag´s multi!“ richtet sich an Schülerinnen und Schüler aus ganz Wien ab der 7. Schulstufe. Dieses Projekt wird von UNIQA finanziert und findet in Kooperation mit dem Wiener Stadtschulrat statt. Rund 500 Schüler machten mit. Die Preisverleihung und Schlusspräsentation des Projekts finden am 8. Februar im Rathaus statt.
 
 

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Kommentare

 

finde den Bericht sehr gut..

 

:)

mir hat das interview echt spaß gemacht :)
& ich habe dadurch auch andere menschen kennengelernt.
echt super :D
lg, Jovana

 

... diese bunte vielfalt ;-) lassts euch nur net aufhalten!

 

ein FEHLER:

bei allen steht bei Muttersprache Deutsch, nur bei der Ötzi nicht! Kann sie etwa kein Deutsch? xD

ne Spaß, aber is einer Freundin beim überfliegen(!) aufgefallen.

 

stimmt...

 

hat sie selber so angegeben

iv.cucu.

 

ich kann sehr wohl deutsch hahah

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