Die Piefke Saga geht weiter

10. Januar 2012

 

 

Die Deutschen: Sie sind gekommen, geblieben und sie haben nicht vor, wieder von der Wiener Bildfläche zu verschwinden. Still und heimlich haben sie die Balkan-Straße und Little Istanbul zahlenmäßig hinter sich gelassen. Die Piefke treffen sich immer noch in der eigenen Szene, bei ihren eigenen Stammtischen. Ganz unter sich.

Es ist ein frostiger Winterabend. Nebel liegt über dem 1. Bezirk. Wenn man die Türen zum Gasthaus Floß öffnet, strömt einem der warme Duft der Wiener Küche entgegen. An zusammengerückten Tischen sitzen über fünfzig Gäste. Mit Kennerblick erwägen sie ihre Bestellungen zwischen Gansleinmachsuppe, Eiernockerl und Kaiserschmarn. Der Kellner reicht die ersten Wiener Schnitzel. So österreichisch die Tafelrunde auch isst, so ist sie doch vor allem eines: DEUTSCH! Beim Stammtisch der „Piefke Connection“ kommen Deutsche zusammen, die sich Österreich schmecken lassen. Auch außerhalb des Restaurants. Sie haben sich nicht nur für ein Studium und für die Arbeitsstelle, sondern für ein Leben in der neuen Wahlheimat entschieden haben. Dem Österreicher, dem schmeckt das gar nicht!

Ansturm der Deutschen

Seit 2002 haben sich die Deutschen glatt verdoppelt: Aus 75.000 sind 150.000 geworden. Allein 26.000 Studienplätze gehen im kleinen Österreich an den großen Nachbar. Was waren es noch für Zeiten zwischen 1990 und 2000 als nur 5.000 deutsche Studenten in Österreich eingeschrieben waren. Da gab es noch keine Luckabar – „Dein Deutsches Lokal mitten in Wien! Mit deutschen Bieren wie Veltins, Jever, Augstiner & Co.“ Da gab es keinen Hafenjungen - „Dein Hamburger Imbiss mit Fritz-Kola und Franzbrötchen in Mariahilf“. Niemand musste sich drei Stunden vorher anstellen, um in die monatliche Schauspielbar des jungen Burgtheaters reinzukommen. Im Charlie P’s und im MQ musste man kein Piefkenesisch en masse ertragen. Und schon gar nicht musste man als „Ösi“ von „Deitschen“ zu Public Viewings und Parties an der Donau geladen werden. Von eigenen Stammtischen ganz zu schweigen.

Stolz, ein Piefke zu sein

Es war 2008 als die Deutschen allgegenwärtig wurden. Allein die Studentenzahlen schossen von 15.000 auf 20.000 weil in Österreich die Studiengebühren abgeschafft wurden. Damals nahm auch die Piefke Connection ihren Anfang. Wer die Fußball EM-Spiele der Deutschen schauen wollte, durfte mit Cordoba Anhängern zusammensitzen, die aus Prinzip auf eine Niederlage der Piefkes hofften. So gründete Jockel Weichert die Gruppe zum gemeinsamen Schauen. Inzwischen ist die Piefke Connection mit 1400 Mitgliedern weitaus mehr als ein Fußballtreffpunkt. Vom monatlichen Stammtisch über Clubbesuche bis zum gemeinsamen Skiurlaub reichen die Freizeitveranstaltungen. Fußball bleibt nach wie vor wichtig: Diesen Sommer kamen auf Einladung der Connection 4000 Menschen zum Schauen der EM-Qualispiele 2012 zwischen Österreich und Deutschland. „Viele Österreicher konnten Klischees und Ressentiments gegenüber Piefkes abbauen. Sie haben gesehen, dass wir eh nicht so schlimm sind, wie es der Ösi allgemein in die Wiege gelegt bekommt“, freut sich Jockel. Den PR-Unternehmer zog der Beruf vor Jahren nach Wien. Andere beim Stammtisch kamen wegen dem Studium und sogar wegen der Liebe.

Zweisprachige Erziehung: deutsch - österreichisch

Elisabeth lernte ihren Mann beim Walzertanzen kennen. Nein, er heißt nicht Franz und nennt sie auch nicht Sissi, aber ihre Schwierigkeiten hatten die beiden auch. „Für mich war schon nach dem ersten Treffen alles klar“, schwärmt Elisabeth, „aber er wollte einfach nicht in die Gänge kommen.“ Da musste sie als Frau die Initiative übernehmen. „Sonst wäre da nie etwas raus geworden!“  Heute ist ein dreijähriges Baby einer neuen deutsch-österreichischen Generation da. Ihr Kind erzieht Elisabeth zweisprachig. Im Kindergarten lernt ihr Sohn die österreichischen Ausdrücke. „Wenn er dann zu Hause die Haube haben will, reiche ich ihm eben die Mütze“, sagt sie lachend.

Tschüss und baba

Denn wer hier Deutsch spricht und sich etwa mit einem abgehackten „tschüss“ verabschiedet, kann eh gleich „pfiati und baba“ zu seiner Beliebtheit sagen. „Wenn ich Leute kennenlerne, heißt es: Ah, du bist Deitscher? Besonders nett meinen sie das nicht. Einmal wurde ich mit dem Kommentar: ‚Mein Beileid‘ stehen gelassen“, erzählt Peter. Sabines Arbeitskollege dagegen fragte letztens, ob sie ihm mal ihre Klappe geben kann. Bitte was? Die Klappe halten kennt der Deutsche, macht er nur nicht so gerne, aber jemandem die Klappe geben? So wird wegen einer Durchwahl aus einem Missverständnis noch weniger Verständnis für den Nachbarn. „Alle reden immer über die Türken und die Balkaner. Aber auch ich bin hier genauso ein Ausländer“, sagt Jockel.

Besser Tschusch als Deutsch

Sind die Deutschen also die neuen Tschuschen geworden? Wie unbeliebt sie tatsächlich sind, bekommen sogar Deutsch-Türken, Deutsch-Balkaner und andere deutsche Migranten, die nach Österreich ziehen zu spüren. Braune Augen, schwarze Haare, dunkler Teint: „In Deutschland war ich eigentlich immer ein Ausländer“, erklärt der türkischstämmige Deutsche Ali*, der wegen des Studiums nach Wien kam. “Hier werde ich zum Deutschen gemacht wegen dem Akzent.“ War der 24jährige in Köln immer mit Türken-Klischees konfrontiert, bekommt es der Neo-Deutsche auf einmal mit Deutschland-Vorurteilen zu tun.

Es wird spät am Piefke-Stammtisch. Jörg geht mal wieder in die Eiseskälte rauchen. Ihm geht’s da dezent gegen den Strich, wenn beim Stammtisch alle wie Beamte in der Runde aufeinander hocken. Er mag’s lieber lockerer: „Die Nörgler, Grantler und Spießer, die gibt’s auf der deutschen, genau wie auf der österreichischen Seite“, betont der Grafikdesigner.

*Name geändert

 

von Maida Dedagić

Foto: © Kzenon - Fotolia.com

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Kommentare

 

Herrlicher Artikel, Maida! 

Als ich nach dem "Abitur" in Berlin zurück nach Wien kam, zog die halbe deutsche Bekanntschaft gleich mit mir mit, selbstredend um zu studieren. Ob das der Grund ist, warum es mich dann doch nach Ungarn verschlagen hat? 

Nein, Spaß beiseite. Ich habe sogar Verständnis für die armen Preußen! Nicht nur, dass sie in einem noch gräuslicherem Schulsystem aufwachsen als wir, indem sich alles nur um Zahlen dreht und die Menschen nur noch für Noten lernen, nicht mehr für sich selbst, weil sie ja auch nur an Noten gemessen werden. Schon mit einem "Durchschnitt" hat man Schwierigkeiten, etwas anderes zu studieren, als BWL. Viele müssten Jahre auf einen Uniplatz warten, weil der Numerus Clausus sie zur Unterschicht degradiert hat...

Vielen geht es aber auch längst nicht mehr darum. Ein Umstand, den ich unbedingt nachvollziehen kann: Die Deutschen haben wohl erkannt, dass es bei uns viel gemütlicher und lustiger zugeht :)

Allein für diese Erkenntnis sollten wir sie herzlich in unsere Fittiche nehmen. Oder wie denkt ihr darüber?

Ich denke, wenn sie bei uns bleiben, werden sie uns in Zukunft sehr hilfreich sein. Sie sind Monochronisten. Sie arbeiten präzise, pünktlich, zuverlässig und nüchtern...

Zu viel des Guten?

 

A botzn Gschicht...!!!

um es mit österreichischen Worten zu sagen ;)

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