"Die sollten sich die Augen zunähen."

06. Februar 2015

Die bildliche Darstellung des Propheten Mohammed ist im Islam verpönt. Bei einer kleinen Tour durch Wien erlebt biber-Redakteur Onur Kas trotzdem überwiegend Muslime, denen die Meinungsfreiheit wichtiger ist.

Der Terror in Paris liegt ein paar Wochen zurück. Das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ verkaufte nach den Anschlägen sieben Millionen Exemplare, auf dessen Cover ein weinender Mohammed dargestellt ist. Daraufhin kam es in zahlreichen muslimischen Ländern zu heftigen Protesten und nicht wenige Muslime gaben in sozialen Foren den Karikaturisten selbst die Schuld an ihrem Tod. Grund genug für biber-Redakteur Onur Kas durch Wien zu gehen und sich selbst ein Bild zu machen. Wie denken Muslime über Mohammed und die Meinungsfreiheit?

muslimische Jugendliche, We love Mohamad
Marko Mestrovic, ATTA KENARE/AFP/picturedesk.com
U6-Station Handelskai. Auf dem Vorplatz der Millennium City haben zwei Jugendliche eine klare Meinung: Der 16-jährige Ahmed möchte Mohammed- Karikaturen gesetzlich verbieten lassen. Es sei keine Meinungsfreiheit, wenn ein Heiliger verunstaltet wird. Sein Freund Seyfullah stimmt ihm zu. Die Terroristen von Paris seien zwar keine richtigen Muslime gewesen, doch die Charlie- Hebdo-Redakteure seien selber schuld an ihrem Tod gewesen. Seyfullah kann sich sogar vorstellen, im „Islamischen Staat“ (IS) zu leben. Nur mit der Gewalt sei er nicht einverstanden. Schon sieht man Islamkritiker, Strache- Verehrer und Pegida-Anhänger selbstgefällig auf den Barrikaden aufschreien: „Wir haben es immer gewusst!“ Doch die beiden Jugendlichen sind eine klare Minderheit unter den Befragten.

Brunnenmarkt in Ottakring. In der engen Gasse zwischen den Marktständen tummeln sich trotz Kälte viele Menschen. Angesprochen auf die Mohammed-Karikaturen scheint der 26-jährige Student Kerem sich ein wenig zu schämen und erwidert: „Es kann sein, dass so etwas die Gefühle von Muslimen verletzt. Aber mal ehrlich. Es sind Bilder, über die man normalerweise lachen muss. Wenn meine Glaubensbrüder so reagieren, wird uns die Mehrheitsgesellschaft niemals verstehen und akzeptieren. Deswegen liegt es an uns Muslimen zu vermitteln, dass wir zur freien Meinungsäußerung stehen.“
Um die Ecke steht ein Maronistand, wo in einer kleinen Hütte ein älterer Herr sitzt und Koranversen lauscht, die aus seinem Handy ertönen: „Ich kann die Leute nicht verstehen. Auf den Straßen hängen überall Bilder. Und diese Fanatiker wollen tatsächlich Karikaturen verbieten? Dann sollten sie sich besser ihre Augen zunähen lassen.“
Woher kommt das angebliche Bildverbot im Islam und warum kommen ultrakonservative Muslime mit Bildern ihres Propheten nicht zurecht? In der Favoritenstraße Straße im 10. Bezirk versucht Fadime, 18, es zu erklären: „Damals gab es keine Kameras. Mit Zeichnungen besteht die Gefahr, dass Mohammed nicht richtig abgebildet und verunstaltet wird. Einen Gesandten Gottes unkorrekt darzustellen ist für viele Strenggläubige eine Sünde.“ Wie dieses Verbot entstanden ist und woher es kommt, kann Fadime nicht beantworten. Aber auch Fadime ist im Zweifel für Meinungsfreiheit.

Ein explizites Bildverbot existiert im Koran nicht. Die Unzulässigkeit von Zeichnungen entstand durch Überlieferungen von mehreren muslimischen Gelehrten in der Frühzeit des Islam und wurde vermutlich aus dem Judentum übernommen. Schon Abraham fragte einst: „Wollt ihr denn etwas verehren, was ihr selber zurechtmeißelt, wo doch Gott euch, und was ihr macht, geschaffen hat?“ Demnach wird befürchtet, dass eine Schöpfung von Bildern und ihren Inhalten zu ihrer Verehrung führen könnte. Da jedoch Gott als alleiniger Schöpfer gilt, steht die Verehrung nur ihm zu.

Woher auch immer das Bilderverbot historisch kommen könnte, so wie Fadime zählt auch für den Favoritner Moslem Rashid dies alles nicht weiter. Der 35-jährige stellt klar: „Österreich ist eine Demokratie und in einem solchen Land hat die freie Meinungsäußerung den höchsten Stellenwert.“

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Kommentare

 

sehr interessant! Es spricht für sich, dass es Jugendliche sind, die diese radikale Meinung vertreten. Bei ihnen muss man ansetzen und Aufklärungsarbeit leisten.

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