Die Welt der Nazis macht uns sprachlos

15. Mai 2019

von Lisa Kiesenhofer

„Kleine Germanen“ ist eine Dokumentation über Rechtsextremismus früher und heute. Mit Animationselementen und Stimmen von Insidern trifft der Film den Zuseher tief in der Magengrube und regt zum Nachdenken an.

Ein deutscher Soldat ist stolz auf seine Wunden. Ein Satz, den die meisten Kinder noch nie gehört haben. Für Elsa ist er jedoch seit frühem Kindesalter Teil ihrer Einstellung, ihres Verhaltens und ihrer Identität. In den 1970er Jahren wird Elsa von ihrem Großvater, der ein überzeugter Nazi ist, aufgezogen. Sie bekommt so eine Weltanschauung vermittelt, die sich für die Erhaltung der deutsch-elitären Rasse einsetzt, Juden und alles Fremde ausschließt und sich durch Disziplin, mentale Stärke und Strenge definiert.

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"Kleine Germanen" läuft ab 30.5. im Kino. (C) Filmladen Filmverleih

Das ist die Rahmengeschichte der Little-Dream-Entertainment-Produktion „Kleine Germanen“. Produziert wurde der Streifen von Mohammad Farokhmanesh, Frank Geiger, Ali Samadi Ahadi und Armin Hofmann. Die Animadok nimmt die Geschichte der kleinen Elsa nur als Ausgangspunkt für eine umfassende Analyse der rechten Szene – damals und heute. Die NS-Ideologie zieht sich wie ein roter Faden durch die Szenen – durch Symbole in Bildern und Sprache. Beispielsweise beim Krieg-Spielen, wo Elsa eine SS-Uniform an hat und ihren Opa, der einen Stern der Roten Armee am Kopf trägt, jagt. Außerdem dreht sich viel um die Themen Religion, Angst gegenüber Migranten und germanische Abstammung.

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Elsa spielt mit ihrem Opa in SS-Uniform. (C) Filmladen Filmverleih

Als Elsa Dreizehn ist, lernt sie Thorsten kennen und verliebt sich in ihn. Er ist in einer rechtsextremen Bewegung aktiv, in der er noch eine große Karriere vor sich hat. Mit 18 heiraten die beiden und bekommen ihr erstes Kind, Marit. Die Nazi-Idylle scheint perfekt, bis ihr Sohn mit Trisomie 21 zur Welt kommt. Schnell stellen sich Vater und die Bewegung gegen die eigentlich überzeugte rechte Familie. Nach Jahren der Misshandlung gelingt Elsa mit ihren Kindern der Ausbruch aus der Szene, der jedoch kein gutes Ende nimmt.

Durch die Interviews mit Personen, die noch immer in der rechten Szene aktiv sind, wird der Film zu etwas Einzigartigem. Er gibt einen intimen Blick auf eine Gesellschaftsgruppe und Ideologie, über die viele Menschen zu wenig wissen. Der Zuseher versteht auch besser, wie es passiert, dass Menschen für nationalistisches oder rechtsextremes Gedankengut begeistert werden können. Expertenstimmen runden die Diskussion ab. Dass die Erziehung, geprägt durch einen national-darwinistischen Züchtungsgedanken, den Ausstieg aus der rechten Szene beinahe unmöglich macht, ist die Kernbotschaf des Films.

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Österreichs Identitären-Chef Martin Sellner kommt im Film zu Wort. (C) Filmladen Filmverleih

Alles in Allem ist der Film emotional, ergreifend aber nicht übertrieben. Dadurch, dass Stimmen verschiedener Menschen gesammelt werden, bewahrt der Dokumentarfilm seine Sachlichkeit. Ein besonderes Stilelement ist das Format der Animationsdoku. Die Hauptgeschichte hebt sich durch den besonderen Stil deutlich von den anderen Erzählsträngen ab und gibt einen Rahmen vor. Dennoch schafft es „Kleine Germanen“, nicht überladen zu wirken. – Ganz im Gegenteil: Im Vergleich zu einer klassischen Nachstellung wirkt die Animation gut gemacht und künstlerisch-kreativ. So und durch alle Details, die die Doku visuell und sprachlich wieder gibt, wird der Film zu einem fesselnden und bewegenden Streifen, der wirklich zum Nachdenken anregt.

Der Animadok-Film „Kleine Germanen“ ist ab 30. Mai in den Kinos zu sehen.

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