Ein Liebesbrief an meine WG-Zeit

13. September 2019

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von Aleksandra Tulej, Foto: Christoph Liebentritt

"Ich hab die Quelle des Gestanks in der Küche entdeckt, eine Kartoffel war verschimmelt Level Tschernobyl.“ Ich gehe meine alten WhatsApp-Chats durch und muss schmunzeln. Solche Nachrichten werde ich wohl nie wieder verfassen. Ich blicke gerade auf vier Jahre WG zurück: Drei Mitbewohnerinnen, zwei kaputte Türen, eine überlebte Raben-Attacke und 35 vertrocknete Topfpflanzen später ist es für mich an der Zeit, in mein erstes eigenes Zuhause zu ziehen. Was wunderbar und aufregend ist, dennoch werde ich die WG-Zeit vermissen: Man hat aufeinander aufgepasst, man hat einander Klamotten „geborgt“ (hust), zusammen Essen verbrannt, um dann beim Lieferservice zu bestellen, und man ist gemeinsam irgendwie dann doch ein Stück mehr erwachsen geworden.

Ich hatte das Glück, nie in einer WG gelebt zu haben, wie man sie aus Klischees kennt: Es gab nie einen Putzplan, es gab keine Streitigkeiten über Kühlschrankfächer und den Klopapieranteil haben wir auch nie mittels Centbeträgen ausgerechnet. Eher ging es um das Gefühl, nicht mehr bei den Eltern zu leben, aber so ganz erwachsen und selbständig musste man dann doch noch nicht sein. Wenn die Klobrille wieder mal hin war, wurde sie halt mit Gaffa-Tape befestigt, Briefe vom Finanzamt und Nachrichten von potentiellen Liebesbekanntschaften wurden gemeinsam mit gleichem Unverständnis entziffert, abenteuerliche „Das ist eh noch nicht soo arg verschimmelt, hauen wir's bei den Nudeln rein“-Feststellungen in der Küche ausdiskutiert. Ich werde es vermissen, zu Messages wie „Duu ich schlaf beim XY, ich weiss ich wollte nix mehr von dem aber tell u morgen, argh egal, busssiii“ aufzuwachen. Ich weiß auch nicht, wer mir jetzt an dem einen oder anderen Hangover-Sonntag meine Pizza geschnitten ans Bett bringt. Aber diese Sonntage sind ohnehin schon viel seltener geworden. Vor vier Jahren war jedes Wochenende Party normal, heute bin ich eher froh, wenn mich nach 21 Uhr niemand mehr anruft. In dieser WG-Zeit hat sich in meinem Leben unglaublich viel weiterentwickelt. Schleichend, aber doch. Hier ein Abschluss, hier ein neuer Job, hier endlich die Erleuchtung, wie man Reis kocht, ohne ihn anzubrennen. Ich bin dankbar dafür, dass ich dieses „Erwachsenwerden“ nicht von null auf hundert durchmachen musste. Dankbar für all die Szenarien, die sich in der WG-Zeit in meinem Leben abgespielt haben. Für den Jüngling in Boxershort, der in der Morgendämmerung plötzlich in meinem Zimmer stand und mich aus meinem Dornröschenschlaf riss, weil er die Türe mit der meiner Mitbewohnerin verwechselt hatte. Immerhin konnte ich diesem Herren dann den Weg weisen – andere männliche Exemplare unserer Gesellschaft hielten es nämlich für angemessen, die WG-Haustüre beim morgendlichen Hinausschleichen sperrangelweit offen zu lassen. Dafür liebte es der Nachbar von Nebenan umso mehr, an selbige Türe zu hämmern, wenn ihm die Geräuschkulisse nicht gedeihte. Und das seltsamerweise nicht bei meinen Solo-Deutschrapkonzerten in der Küche, sondern bei der klangvollen Yoga-Unterlage aus dem anderen Zimmer. Aber abgesehen von dem seltsamen Mann-Tür-Verhältnis in dieser Wohnung bin ich für die wirklich wichtigen Dinge dankbar. Ich bin dankbar für all die Lektionen, die ich in diesen Jahren gelernt habe. Dankbar für all die angebrannten Pfannen, tropfenden Wasserhähne, für das gemeinsame Nachbarn-Stalken um 2 Uhr morgens in der Küche. All das hat mich schleichend auf den nächsten Schritt in meinen Leben vorbereitet. Aber mal sehen, wie lange es dauert, bis sich die erste verschimmelte Kartoffel meldet. 

 

 

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