"Entfolg' der Bitch sofort!"

27. November 2015

Sie sehen sich täglich, schreiben ununterbrochen auf Whatsapp und machen eine Eifersuchtsszene nach der anderen: Die Jugendlichen von heute lieben anders als die Generationen davor.


Von Melisa Erkurt
 

„Entfolg’ der Bitch sofort!“, schreit Tatjana* ihren Freund an. Vor der gesamten Klasse macht sie ihm eine Szene, reißt ihm das Handy aus der Hand und will damit den Raum verlassen. Ihr Freund Daniel* hält sie fest, sie schlägt daraufhin auf ihn ein und brüllt: „Lass mich los, du Arschloch!“ Die Mitschüler der beiden schauen während der gesamten Zeit desinteressiert auf ihre Smartphones oder unterhalten sich miteinander, als wäre nichts. Szenen wie diese empfinden die Schüler als normal. Nicht nur, weil sich Daniel und Tatjana, das Klassenpärchen, täglich so fetzen, sondern weil sie sich in ihren eigenen Beziehungen genauso verhalten.

Eifersucht, Paar, Beziehung, Streit
Foto: Marko Mestrovic

„Mein Freund und ich streiten mehrmals am Tag. Meistens ist einer von uns eifersüchtig, weil der andere ein Bild von einer fremden Frau oder eben einem Mann auf Instagram geliket hat“, erklärt Tatjanas Klassenkollegin Maria* das tägliche Drama, als wäre es ganz selbstverständlich. Eine Trennung kommt für sie und ihren Freund nach acht Monaten Beziehung trotzdem nicht in Frage: „Es ist schön einen Freund zu haben“, sagt sie, ohne begründen zu können, was genau sie an ihrer Beziehung gut findet.

Die Kids von heute lieben anders. Sie sind nicht wie die Generation davor, die Angst hat sich zu binden, in einer Beziehung etwas zu verpassen. Diese Generation will um jeden Preis eine Beziehung. Die Eltern sind geschieden, jede Woche sind sie mal abwechselnd bei Mama und dann bei Papa. Die Jugendlichen sehnen sich nach Sicherheit, Stabilität, glauben diese in der eigenen Partnerschaft zu finden und nehmen dafür Streit und Dramen in Kauf.

„Er ist meine große Liebe“, versucht Maria weiter zu erklären, warum sie trotz der Eifersuchts-Szenen mit ihrem Freund zusammen bleibt. Dessen ist sie sich mit ihren 15 Jahren und nach achtmonatiger Beziehung schon ganz sicher.

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Foto: Marko Mestrovic

Traumpaar

„My girl“, „Big love“, „Traumfrau“, „Mein ein und alles“, „Für dich würde ich sterben“ – Auch die Instagram und Facebook-Profile von Tatjana und Daniel sind voll von solchen Liebesbekundungen. Sie posten Fotos von sich, eng umschlungen, sich küssend. „Traumpaar“, schreiben ihnen ihre Freunde unter das Foto. Und das obwohl sie alle anwesend sind, wenn sich das vermeintliche Traumpaar mal wieder an die Gurgel geht.

Tatsächlich ist das jetzt keine inhaltslose Floskel, die jungen Verliebten werden im Streit immer öfter handgreiflich: Er hält sie gewaltsam fest, sie rammt ihre Faust in seinen Bauch, er drückt sie noch enger an sich, sie schlägt mit dem Fuß in seinen Schritt. Zumindest hier sind die Geschlechter gleichberechtigt, es kann nämlich keinesfalls nur von Gewalt an Mädchen gesprochen werden, sie tritt hier definitiv beidseitig auf. Aber die Jugendlichen selbst, die finden das ganz normal und liegen sich nach zwei Stunden wieder in den Armen, als wäre nichts gewesen - nur um am nächsten Tag wieder aufeinander einzuschlagen, weil sie einem anderen Jungen auf Instagram folgt und er das gemeinsame Pärchen-Profilfoto gelöscht hat.

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Foto: Marko Mestrovic

Emoticons statt Emotionen

Soziale Netzwerke haben die Beziehungen der Teenager verändert. Sie haben die Art verändert, wie sie lieben. Sie schicken Herz-Icons per SMS, anstatt sich in die Augen zu sehen und „Ich liebe dich“ zu sagen. Wenn sie verletzt sind, blocken sie den anderen auf Whatsapp, anstatt dies offen anzusprechen. Wenn sie sich treffen, machen sie stundenlang das perfekte Pärchen-Selfie, statt die gemeinsame Zeit mit kuscheln und reden zu verbringen. Haben sie Liebeskummer, lassen sie ihrer Trauer mit einem tiefgründigen Zitat auf tumblr freien Lauf, anstatt für sich allein über das Geschehene nachzudenken. Echte Emotionen gehen verloren, nur für Eifersucht bleibt im real life Platz, dafür gibt es eben noch kein passendes Emoticon.


Zeit für Streit

Die 15-jährige Maria trifft sich fast täglich mit ihrem Freund Orhan. Die beiden besuchen nicht dieselbe Schule, sie treffen sich meistens in einem Café oder im Park. Wenn sie wieder zuhause sind, schreiben sie sich ununterbrochen auf Whatsapp. Meistens Belangloses wie: „Ich geh’ jetzt auf die Toilette, du?“ Aber auch gestritten wird weiter per Sofortnachricht. Schickt Maria ihrem Freund mal kein Herz am Ende ihrer Nachricht, ist Orhan beleidigt: „Was soll das, liebst du mich nicht mehr?“ Sieht Maria, dass Orhan gerade ein Mädchen auf Facebook geaddet hat, kann sie nicht bis zum nächsten Treffen warten, um das anzusprechen, sondern schreibt direkt auf Whatsapp: „Wer ist die Bitch? Gefällt sie dir besser als ich, oder was?“

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Foto: Marko Mestrovic

Tatjana und Daniel sind auch beinahe 24 Stunden am Tag in Kontakt miteinander. Zusätzlich zu der gemeinsamen Zeit, die sie in derselben Klasse verbringen, gehen sie nach der Schule gemeinsam zu McDonalds oder Shisha rauchen. Das Paar findet es ganz normal, sich so oft zu sehen, alles gemeinsam zu unternehmen – das macht heute jeder so, sagen sie. Ob da nicht auch ein Teil des Problems liegt? Wenn man sich so oft sieht, ständig aufeinander hockt, worüber kann man sich denn dann noch unterhalten? Man hat ja alles gemeinsam erlebt. Was bleibt, ist streiten, das geht immer.

Frag mich!

Wie finden die Pärchen überhaupt zueinander? Zettelchen mit „Willst du mit mir gehen?“ wandern schon lange nicht mehr durch die Schulbänke. Auch das wurde digitalisiert. Auf der sozialen Plattform Ask.fm stellen die Jugendlichen ihrem Schwarm anonym Fragen wie: „Bist du verliebt? Mit welchem Buchstaben fängt der Name von der Person an, auf die du stehst?“ Zunächst checken die Teenies dabei anonym ab, ob sie überhaupt Chancen haben. Im nächsten Schritt geben sie ihre Identität preis, folgen sich gegenseitig auf Instagram und schauen jedes neue Video, das ihr Schwarm auf Snapchat lädt.

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Foto: Marko Mestrovic

Ohne Freund bist du nix

Die 15-jährige Alena ist weder auf Facebook, noch auf Instagram, Ask oder Snapchat. Zurzeit hat sie aber auch keinen Freund – ob darin ein Zusammenhang besteht? Wenn sie all diese Beziehungsdramen in ihrem Freundeskreis miterlebt, ist sie manchmal erleichtert Single zu sein. Trotzdem hat sie das Gefühl nicht dazuzugehören. „Die, die einen Freund haben, sind immer die Coolen“, weiß die Schülerin. „Ohne Freund bist du nichts“, erklärt ihre Freundin Janika das Dilemma. Sie ist gerade auch nicht in einer Beziehung, hätte aber sehr gerne einen Freund: „Jemanden, der immer für einen da ist.“ Dieser Wunsch wird immer stärker, wenn sie all diese Fotos von Pärchen in den sozialen Netzwerken sieht. Dabei weiß sie doch eigentlich, dass diese verliebten Fotos Fassade sind und die Pärchen, die sich fürs perfekte Selfie küssen, sich im nächsten Moment heftig in den Haaren liegen.
Mit ehemaligen Freundinnen haben sich die zwei Mädchen auseinandergelebt, weil die nur noch Zeit mit ihrem Schatz verbringen und nur über Beziehungs-Themen sprechen möchten. „Eine Freundin hat elfmal mit ihrem Freund Schluss gemacht, jetzt gerade sind sie zum zwölften Mal wieder zusammen“, erzählt Alena nüchtern.  

On-Off

Tatsächlich kommen On-Off-Beziehungen bei Teenagern sehr häufig vor. Ergibt Sinn, im ständigen Streit kann einem auch Mal: „Ich mach Schluss“, ausrutschen. Dabei macht es den Anschein, als wären sich die Teenies gar nicht über die Bedeutung eines Schlussstrichs im Klaren. „Die kommen eh wieder zam“, tönt es durch die Klasse, wenn Tatjana und Daniel mal wieder Schluss gemacht haben. „Wir trennen uns gefühlt jede zweite Woche“, erzählt Tatjana. „Aber ich weiß immer, dass wir eh wieder zusammenkommen“, fügt die 16-Jährige bestimmt hinzu, „so ist das nämlich mit der großen Liebe, da gibt man nicht einfach bei einer Kleinigkeit auf.“ Tatjanas Klassenkollegen und Kolleginnen nicken: „Den Spruch poste ich gleich auf Insta unter unser gemeinsames Foto“, sagt Freund Daniel. Das muss Liebe sein.


*Namen von der Red. geändert

 

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