„Er schlägt dich. Das bedeutet, er liebt dich."

04. Juni 2021

l„Du hast ihn provoziert.“Er wird seine Gründe gehabt haben.“„Bleib bei ihm, den Kindern zuliebe.“ Schluss damit! Gewalt an Frauen ist nie gerechtfertigt. Es gibt keine Ausreden, egal ob du aus Yozgat, Kiew oder dem Waldviertel kommst.



Von Nada El-Azar, Esra Gönülcan, Miriam Mayrhofer und Victoria Dyadya
Fotos: Zoe Opratko und Susanne Einzenberger

Credit: Zoe Opratko
Credit: Zoe Opratko

Land der Berge, Land der Femizide? Der Ex-Partner einer Wiener Trafikantin übergießt sie mit Benzin und zündet sie an. Sie stirbt. Der Mann einer Salzburgerin schießt auf sie, weil sie sich von ihm trennen will. Sie stirbt. Der sogenannte „Bierwirt“ schießt auf seine Ex-Partnerin. Sie stirbt. Die Femizide in unserem Land scheinen nicht zu enden. Wir stehen 2021 bei elf Frauenmorden (Stand: Ende Mai), das macht uns übrigens zu traurigen Spitzenreitern im EU-Vergleich. Bitte einmal wirken lassen: In keinem anderen Land der Europäischen Union werden so viele Frauen von Männern ermordet.

Während die Politik lange genug weggeschaut hat, legen wir den Finger in die Wunde. Traditionell geleugnete Gewalt im ländlichen Raum, Ehrenvorstellungen in der arabischen Community oder die Täter-Opfer-Umkehr unter ukrainischen Männern sind einige der Aspekte, die von unseren vier RedakteurInnen auf den Tisch gelegt werden. Das zeigt: Gewalt an Frauen ist Allgegenwärtig. Sie hat keine Herkunft, aber ein Geschlecht.

 

Miram Mayrhofer ist 24 Jahre alt und ist in einem kleinen Dorf in Oberösterreich aufgewachsen. Dort wird Gewalt an Frauen schon seit Generationen mit einem „Stell dich doch nicht so an“ abgewunken und verharmlost.

Credit: Susanne Einzenberger
Credit: Susanne Einzenberger

Die G‘sunde Watschn
Von Miriam Mayrhofer

„Früher haben’s sich da nicht so angestellt, heute sind’s alle so zimperlich.“ „Ohne ihn lebst auf der Straße.“ „Jetzt sei ned so undankbar, was leistest du schon?“ „Was die Leute von dir denken werden.“

Willkommen im Landleben, wo jede*r jede*n kennt und Freund oder Familie nennt. Das ist schön, wenn man Zusammenhalt und Gemeinschaft erlebt. Viel weniger schön ist es, wenn man Probleme hat, finanzielle Schwierigkeiten, ein Alkoholproblem oder eben einen rabiaten Mann.

Rabiat ist die Verharmlosung für wild, aggressiv, gewalttätig. Dann steht Frau am Land nämlich plötzlich allein da und obwohl es viele wissen und zum Dorfklatsch machen, hilft man ihr nicht. Warum nicht? Na, weil man sich doch nicht in die privaten Angelegenheiten anderer Leute einmischt. Das gehört sich nicht. Aber gehört es sich, dass ein Mann seiner Frau eine g’sunde Watschn gibt? Gehört es sich, dass man sie unter Druck setzt bei ihm zu bleiben, obwohl er sie schlecht behandelt, niedermacht, „wertlos“ macht? Die Rolle der Frau am Land ist konservativ geprägt und verlangt neben Ehefrauen- und Mamadasein oft auch, dass sie sich nicht zu viel beschwert und traditionsbewusst ist.

Gewalt an Frauen ist auch am Land ein strukturelles Problem und eine traurige Tradition. Frau schämt sich, Hilfe bei öffentlichen Stellen zu suchen, wo sie doch jede*n kennt und jede*r sie. Es wird verharmlost, dass viele Männer gern einen „über den Durst trinken“, sich betrinken, und dann halt ein „bisserl rabiat“ mit ihrer Frau umgehen. Klar sieht man das beim Dorffest, hört man es, wenn beim Nachbarn herumgeschrien wird. Aber man ist froh, dass man es selbst nicht fühlt, nicht fühlen muss. Keinen Schlag und kein verletzendes Wort, weil auch das Gewalt ist. Was die Leute am Land zu Gewalt an Frauen denken? „Jo, mei, was soll ma duan?“

 

Esra Gönülcan ist 20 Jahre alt, Wienerin und hat kurdisch-türkischen Background. Sie hat die Rechtfertigungen à la „Schweige, wenn er dich schlägt. Das Zeug von Anstand“ innerhalb ihrer Community satt.

Credit: Susanne Einzenberger
Credit: Susanne Einzenberger

„Er liebt mich.
Er wird sich ändern.“

Von Esra Gönülcan

„Er liebt mich. Er wird sich ändern.“ Mit diesem Satz kehrte sogar meine 20 Jahre junge Freundin Gewalt unter den Teppich.

Das ist in meiner kurdisch-türkischen Community keine Seltenheit. Diese leeren Argumente werden tatsächlich gebracht, um Gewalt gegenüber Frauen zu normalisieren. Dir wird vorgeschrieben, dass du einfach den Mund halten musst, wenn es um Gewalt in der Familie geht. Manche definieren das als Respekt und Anstand, wenn du gegenüber Frauengewalt nicht aufschreist.

Stempelt mich als respektlos und anstandslos ab, aber ich halte bei diesem Thema ganz bestimmt nicht meinen Mund. Denn ich sehe den Ursprung von diesem Problem genau in diesen kulturellen Gewohnheiten. Ich habe einen gesunden Menschenverstand und Gerechtigkeitssinn. Gewalt darf nicht heruntergespielt werden. Wir dürfen Frauen nicht den Mund zubinden und Frauenschlägern den Rücken stärken. Kein Mensch darf einem anderen Mensch Schaden oder Leid zufügen. Diese Grundwerte müssen endlich alle begreifen.

Liebe Männer! Wenn ihr dieses menschliche Grundwissen in eurer familiären Erziehung nicht erworben habt, dann erzieht euch doch selber. Stellt in Frage, warum manche unter euch den Drang haben, ihre Männlichkeit und Stärke mit Gewalt zu beweisen. Seit wann gilt man als unmännlich, wenn man Frauen respektvoll gegenübersteht?

 

Nada El-Azar ist 25 Jahre alt und hat arabische Wurzeln. Sie hat es satt, dass es erst dann einen Aufschrei gibt, wenn es zu einem „Ehrenmord“ kommt. Die Vorstellung von einer „Familienehre“ muss endlich ein Ende haben.

Credit: Susanne Einzenberger
Credit: Susanne Einzenberger

Nicht im Namen der Familienehre!
Von Nada El-Azar

„Er hat sie ja nicht umsonst geschlagen.“ „Sicherlich hat sie ihn provoziert.“ „Er bringt ihr halt ein bisschen Ehre bei.“ Solche Aussagen gehören leider zur Realität vieler junger Frauen, die aus konservativen Familien kommen. Jedoch beginnt Gewalt nicht erst dann, wenn „die Hand ausrutscht“. Finanzielle Abhängigkeit vom (zukünftigen) Ehemann, Kleidervorschriften, ständige Kontrolle darüber, wie man sich als Frau in der Öffentlichkeit zu bewegen hat und Überwachung der Sexualität – das sind alles Formen von versteckter Gewalt, die nicht zu unterschätzen sind. Diese Fremdbestimmung wird auch durch wichtige weibliche Bezugspersonen wie ihre Mütter ausgeübt, die es leider häufig selbst nicht anders kennen. Viele Mädchen hinterfragen gar nicht, warum sie anders erzogen werden als ihre Brüder und finden sich mit der Vorstellung der „Familienehre“ ab, die auf ihren Schultern lastet. Jedoch sind Selbstbestimmung über den eigenen Körper, wie der Zugang zu Verhütungsmitteln und die freie Entscheidung über ihre Karriere und ihre Partner wichtig, das Selbstbewusstsein von Mädchen zu stärken – auch in ihren späteren Beziehungen. Gewalt wird über den Schutz der „Familienehre“ gerechtfertigt und wird leider erst dann verurteilt, wenn sie in ihrer extremsten Form enden: dem Ehrenmord. Diese Vorstellungen schaden nicht nur den Frauen, sondern auch den Männern, denen eingetrichtert wird, dass sie gefälligst ihren Schwestern und Frauen „ihre Grenzen zeigen“ sollen. Es ist Zeit, diese Vorstellungen zu durchbrechen und laut zu sein!

 

Victoria Dyadya ist 27 Jahre alt und ist in der Ukraine aufgewachsen. In post-sowjetischen Staaten gibt es oft noch ein veraltetes Verständnis von Rollenbildern, die oftmals zu Gewalt innerhalb der Familie führen. Zu Lasten der Frau, natürlich.

Credit: Susanne Einzenberger
Credit: Susanne Einzenberger

„Er schlägt dich. Das bedeutet, er liebt dich“
Von Victoria Dyadya

„In meiner Heimat, der Ukraine, bekommen Frauen oft den Spruch „Er schlägt dich – das bedeutet, er liebt dich. Das heißt, dass du ihm nicht egal bist.“ zu hören. In post-sowjetischen Ländern ist diese Mentalität noch tief verankert. Dort gilt das Credo, dass familiäre Streitigkeiten nicht nach außen gelangen sollten. Ganz nach dem Motto: „Man wäscht Schmutzwäsche nicht in der Öffentlichkeit.“ Zur Polizei zu gehen, wenn dein Mann dich geschlagen hat, ist verpönt. Deshalb schweigen die Frauen. In den post-sowjetischen Ländern sind die Rollen von Mann und Frau immer noch stark vorgegeben. Während der Mann arbeitet und das Geld nach Hause bringt, kümmert sich die Frau um die Kinder. Wenn sie mit dem Verhalten des Mannes nicht zufrieden ist oder wenn eine lebensbedrohende Situation entsteht, hat sie oft keinen Ausweg. Sie würde auf der Straße landen und den Kontakt zu ihrer Familie verlieren, ganz nach dem Spruch „Was würden die anderen sagen?“ Es ist schwierig für die Opfer, ihre Ehemänner anzuzeigen, weil sie die Ernährer der Familie nicht verlieren wollen. Manchmal nimmt die Polizei keine Anzeige an. Das bedeutet: Der Streit ist irgendwann vorbei, die Familie wird aber „umsonst“ zerstört. Die Polizei unternimmt nur dann etwas, wenn es bereits Tote gibt. Mittlerweile ist die emotionale und physische Gewalt gegenüber Frauen in der Ukraine zu einer sozialen Norm geworden. Ich habe auch schon mitbekommen, dass Männer darüber scherzen, dass sie selbst die Opfer seien, wenn die Frauen sie mit „ihren kurzen Röcken provozieren würden“. Die Männer haben Angst vor starken Frauen, die ihnen die Position des Hauptverdieners der Familie streitig machen würden. Dabei vergessen diese Männer, die sich oft als „echter Mann“ bezeichnen, was es wirklich bedeutet, ein „echter Mann“ zu sein: Einfach respektvoll mit Frauen umzugehen.

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