Filowien

06. Februar 2015

Sie gelten als ruhig, gläubig und amerikanophil. Die philippinische Community in Österreich umfasst 30.000 Personen, trotzdem kennen die wenigsten ihr Innenleben. Ein Lokalaugenschein.

von Olivia Mrzyglod und Susanne Einzenberger (Fotos)

Basketball, Filos, Wien
Foto: Susanne Einzenberger
Sonntag 11:00, „Pfarre Maria vom Berge Karmel“ in Wien Favoriten. Auf den ersten Blick findet hier eine gewöhnliche, katholische Messe statt. Dann fällt auf: Junge Menschen, R’n’b Songs und lautes Gelächter. Und das in einer Kirche?
Willkommen beim Gottesdienst der Filipino Catholic Community!

Seelige Inselbewohner
„Hier wird gesungen, gepredigt und gelacht“, erklärt uns Diana. Sie ist eine von vielen jungen Austro-Filippinas, die den Weg jeden Sonntag hierher finden. „Manche werden von ihren Eltern gezwungen, viele kommen freiwillig her. Die Kirche ist für philippinische Jugendliche ein sozialer Treffpunkt“, so Diana. Zum krönenden Abschluss gibt es eine Tanz-Choreo zu satten Hip-Hop- Beats.
In Österreich leben laut Angaben der philippinischen Botschaft etwa 30.000 Menschen mit entsprechendem Background. Nur 5000 davon sind im südostasiatischen Land geboren, das aus 7107 Inseln besteht. Rund 90% der knapp 100 Millionen Einwohner sind streng katholisch. Die Amtssprache ist Tagalog, in Österreich kommuniziert man in einem Tagalog-Englisch-Mix mit spanischen Begriffen (Anm. d. Red.: 1566–1901 waren die Philippinen eine spanische Kolonie).

Basketball: Eine philippinische Sucht
Schauplatzwechsel, 15. Bezirk. Die Halle bebt. „Defense“, „DEFENSE!“ hört man die Mamas von den Rängen rufen. „It‘s getting hot in here“ singt Nelly aus den Boxen. Der Schweiß tropft von der Decke. Die „Mosquitos“ tragen hier ihre Heimspiele in der U14 der philippinischen Basketball-Liga aus. Einmal pro Woche verwandelt sich die Halle zu einem basketballverrückten Dollhaus.
Die Aufnahmeregeln sind streng: „Halbe, oder ganze Pinoys (Tagalog für „Filipiinos“) dürfen teilnehmen“, erklärt uns Vincent Pedico, Gründer der Amateur-Liga. “Die Idee schoss ihm über Nacht in den Kopf. Am nächsten Morgen standen schon Marketingpläne und Termine fest. Von da an drehte sich die Welt des 30-Jährigennur noch um Basketball. Der Familienvater kommentiert die Spiele, seine Mutter kocht für die Kantine. Wo sonst Käsekrainer und Laugenbrezel regieren, werden Siopao (ähnlich einem Germknödel mit Fleischfüllung) serviert. Balut, ein halb ausgebrütetes Entenei, gefüllt mit einem kleinen Embryo, steht auch auf dem Menü. „Man muss aufpassen! Manchmal bleibt eine Feder zwischen den Zähnen hängen“, erklärt uns ein anwesendes Mädchen.

Filos, Wien, Basketball
Foto: Susanne Einzenberger
Filos, Wien, Basketball
Foto: Susanne Einzenberger
Filos, Wien, Basketball
Foto: Susanne Einzenberger
Filos, Wien, Basketball
Foto: Susanne Einzenberger

Air Alaba
Rund 1.000 Basketballspieler philippinischer Herkunft haben schon mitgespielt. David Alaba ist der bekannteste unter ihnen. Der Bayern-Verteidiger und Österreichs Sportler des Jahres hat eine philippinische Mutter und einen nigerianischen Vater. Er schaut, so oft er kann, bei den Spielen vorbei. Die Begeisterung für 3er Würfe, Layups und spektakuläre Dunks lässt sich auf den amerikanischen Einfluss auf den Philippinen zurückführen. Die Amerikaner besiegten 1898 die Spanische Krone und erlangten damit Zugriff auf die Philippinen. Das wirkte sich nicht nur auf den Basketball, aber auch auf die Modetrends der jungen Filipinos aus. „Pinoys sind den Österreichern stiltechnisch immer einen Schritt voraus. Sie trugen schon Snapbacks und hatten Longboards, als die heimischen Kollegen noch Abercrombie&Fitch vergötterten“, so Faith lachend. „Auch die Namen sind stark amerikanisch beeinflusst. Princess ist einer der häufigsten Namen auf den Philippinen.“

Magic Mike

Filos, Wien, Karaoke
Foto: Susanne Einzenberger

Jeden Dienstag lädt das Ra’Mien zum Karaoke Tuesday. Im Keller des gleichnamigen Restaurants versteckt sich ein kitschig eingerichteter Club, der wöchentlich Musikfreunde asiatischer Abstammung anzieht. Vietnamesen, Chinesen und natürlich Filipinos. „Wir wollen Asiaten der zweiten Generation die Chance geben ihre Kultur kennenzulernen und auszuleben“, so der Veranstalter Martin Lee. Dass Filos und Karaoke unzertrennlich sind, zeigt sich schon an einem Gerät, das in jedem Haushalt unentbehrlich ist: Das Magic Mike - Ein Mikrofon mit integrierten Liedern zum Nachsingen. Statt Brettspielen steht am Familienabend gemeinsames Singen der 2000er Hits auf dem Programm. „Der größte Unterschied zwischen Filos und Österreichern ist, dass sie auch nüchtern tanzen“, erklärt Martin den kulturellen Unterschied. Wo wir gerade bei Stereotypen sind: Filipinos wird oft unterstellt, sie würden nur untereinander verkehren. Stimmt das?
Filos, Wien, Karaoke
Foto: Susanne Einzenberger

Isoliert und integriert
„Zu sagen sie seien isoliert ist übertrieben“, erklärt der Soziologe und Integrationsexperte Kenan Güngör. „Die Filipinos werden größtenteils als brave, fleißig arbeitende, fügsame Menschen angesehen. Sie zeigen keine große Sichtbarkeit. Solange sie nicht als störend auffallen, wird das per se als positiv wahrgenommen“, so Güngör. Mitte der 1970er wurden auf Kosten der Stadt Wien 400 diplomierte Krankenschwestern vom Inselstaat eingeflogen und vom damaligen Bürgermeister Leopold Gratz teilweise persönlich empfangen. Güngör sieht darin einen wichtigen Unterschied zu anderen Nationen: „Viele kommen durch Kriege, Armut, Gastarbeit und mit langen Asylverfahren in das Land. Die Filipinos hingegen wurden aktiv gesucht. Somit sind sie in der Wahrnehmung ‚die Erwünschten’“. Ähnlich sieht es auch Gérard: „Ich denke, Menschen von den Philippinen sind sehr anpassungsfähig und Genies, was Integration angeht.“ Der 29-Jährige lebt seit 15 Jahren in Wien und ist nach eigenem Beenden top integriert: „Wir haben kein Problem damit, unsere eigene Kultur auf die Seite zu legen, um gütig zu unserem neuen Heimatland zu sein. Als ich als Kind bei Freunden übernachtet habe, ermahnten mich meine Eltern immer: Sei keine Bürde für sie! Du bist nicht mehr bei dir zuhause...“
Zurück in der Pfarrkirche neigt sich die Tanzperformance dem Ende zu. Doch danach stürmt niemand nach Hause. Vor der Kirche stehen Essensstände, die deftige philippinische Küche anbieten. Hier wird nicht nur geschlemmt, sondern auch über die Identität sinniert. Die jungen Kirchenbesucher wissen: „Ich werde mein Leben in Österreich verbringen“. Bei den älteren Filipinos sind sich fast alle einig: „Wir lieben Österreich. Aber sobald unsere Kinder auf eigenen Beinen stehen, wollen wir unsere letzten Jahre auf den Philippinen verbringen.“

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