Frühlingsgefühle im Herbst

11. Dezember 2007

Das hier soll keine Herzschmerzgeschichte mit allzu viel Inhalt und intellektuellen Gedanken sein. Sie schildert lediglich den Alltag und die dazugehörigen Gedankenspiele einer jungen, vollzeitbeschäftigten Person, die ihr Herz immer wieder bei Sekundenbekanntschaften aus der U-Bahn, S-Bahn, etc. liegen lässt. Zwar nur für ein paar Augenblicke – doch genau diese versüßen mir den Alltag. Mit dem Wechsel in die erste Person habe ich mich gerade selbst verraten. Bei dieser Person könnte sich um meine Wenigkeit handeln, jemanden, der den tristen Anblick einer typischen U-Bahngarnitur in Wien nicht mehr ertragen kann und sich gerne in eine Phantasiewelt voller bunter Farben und samtweicher Konturen stürzt. Zuerst habe ich mich nicht getraut über meine heimliche Leidenschaft zu berichten, ich hatte Angst davor als verrückter Autist, gar als Perverser abgestempelt zu werden. Aber nun traue ich mich, habe meinen ganzen Mut zusammengefasst und trete mit breiter Brust an die Öffentlichkeit um jeden diese wunderschöne, sinnliche Parallelwelt näher zu bringen. Den Anfang dieser realitätsfliehenden Leidenschaft bildete der Antritt zum Zivildienst im März. Davor ging ich meiner Beschäftigung als braver Student nach und nutzte die öffentlichen Verkehrsmitteln oft aber nicht regelmäßig. Häufig schwang ich mich auf meinen Drahtesel oder erkundete die Stadt zu Fuß. Die Zeit der körperlichen Ertüchtigung war nun vorbei, schließlich galt es jeden Tag durch ganz Wien zu flitzen und dabei pünktlich zu sein. Die ersten Fahrten zur Arbeit fielen grau und trostlos aus. Die Menschen schienen wie ferngesteuert sich zu bewegen, ich erkannte keine Emotionen, kein Lächeln, keine Tränen. Doch ich begriff schnell, dass es nur auf die Herangehensweise ankommt, um sich die kurze Fahrt in den Öffentlichen so angenehm wie möglich zu machen. Ich fing damit an mir Geschichten zu den Menschen auszudenken, ihre Hobbies, ihre Lebenslauf, ihre Gefühle mir auszumalen. Was anfangs eine große Abwechslung für mich bedeutete, wurde schnell langatmig und öde. Ich konnte nicht überprüfen wie nah ich mit meinen Spekulationen tatsächlich gelegen bin. Also begann ich meinen Fokus auf die weiblichen Fahrgäste und ihre optischen Vorzüge zu verrücken. Egal ob es die strenge Dame in Arbeitskleidung war, die dauernd telefonierende, künstliche Fingernägel tragende Nachtschichtgängerin oder die verloren wirkende Back-pack Touristin. Sie alle hatten ihren eigenen Reiz und die persönliche Distanz (ich kannte sie überhaupt nicht) gepaart mit der körperlichen Nähe (sie saßen neben mir) ergaben eine höchst interessante und prickelnde Kombination. Manchmal zogen mich gutaussehende Frauen so dermaßen in ihren Bann, dass die Umgebung vollkommen zur Nebensache wurde und die Bewegungen, die sie vollführten in Zeitlupentempo vonstatten gingen. Bei vielen spürte ich allen Ernstes Schmetterlinge im meinem Bauch flattern. Ich wusste, dies sei absurd und nicht erfolgsversprechend, aber es ging mir gut dabei, das war das wichtigste. Der Gedanke sie anzusprechen schwirrte oft in meinem Kopf herum, doch ich wusste, dass ich mit diesem Schritt meine Zurückhaltung aufgeben würde und zugleich das Fließband meiner Tagträumefabrik zum Stillstand bringen würde – und das wollte ich auf keinen Fall riskieren. Ich wollte bestimmt nicht das Mysterium entkleiden, das mich täglich mit guter Laune beschenkt, es lag nicht in meiner Absicht das spannende Gedankennetz zu entflechten um Klarheit zu schaffen. Mir gefällt der etwas verschwommene, farbenvolle, surreale Blick ausgezeichnet. Schließlich beschert mir dieser jeden Tag aufs Neue kurzweilige Momente und entzieht mich der Monotonie, die davor täglich bei mir Einzug hielt, während ich die öffentlichen Verkehrsmittel benutzte. Dies aber soll keine Aufforderung zur Zurückhaltung sein. Als ich einmal meine Reserviertheit aufgab und die unbekannte Schöne ansprach, sprang eine zweijährige Beziehung heraus. Frei nach dem Motto: U-Bahn-Fahren ist what you make of it!!

Kommentare

 

deine texte zu lesen ist immer wieder ein literarischer genuss für mich. 1. wie du dich ausdrückst, 2. mit wieviel gefühl du etwas schreibst, beeindruckt mich immer wieder aufs neue.

du hast die gabe, mit deinen worten bilder in den köpfen der menschen zu malen.

respekt!!!

 

Wow

Schließe mich der Ivana absolut an!!
Ein guter Tag beginnt mit der besseren Geschichte :-)
Und jetzt ab in die U-Bahn und ab in die Arbeit.
Schönen Tag Euch allen!

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