Fremd in der Heimat

25. Februar 2021

Österreichs Gesetzeslage verweigert Tausenden hier geborenen Menschen die Staatsbürgerschaft. Die Abschiebungen der letzten Zeit lösen ein neues Gefühl der Angst unter den Kindern der Diaspora aus. Junge Menschen erzählen, wie es ist, wenn man in der Heimat nie zu Hause ist.

Text: Anna Jandrisevits, Fotos: Zoe Opratko

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

Kann Mama abgeschoben werden?“, schreibt Kani ihrer Schwester. Die 17-Jährige macht sich Sorgen. Auf Instagram hat sie von den Abschiebungen in Wien erfahren, sie hat Menschen gesehen, die mitten in der Nacht ihr Zuhause verloren haben. Mit Schrecken hat sie die Geschichte von den Kindern Tina, Lea, Sona und Ashot und ihren Müttern verfolgt. Kanis Eltern sind Kurden aus dem Iran. Sie selbst hat die österreichische Staatsbürgerschaft, ihre Mutter jedoch nicht. Kann ihrer Mutter also dasselbe passieren? Kanis Schwester beruhigt sie, sagt ihr, dass Mama nichts geschehen wird. Es ist ein Gespräch, das viele mit ihren Geschwistern, Kindern, Müttern und Vätern in Österreich führen. Dass sie niemals „richtig“ dazugehören werden, fühlen sie schon lang. Aber diese Angst ist neu: Könnten sie oder ihre Liebsten einfach weggeschickt werden?

Um erst einmal zu beruhigen: Österreich schiebt niemanden ab, der sich legal im Land aufhält. Auch nicht Kanis Mutter, die eine Aufenthaltsgenehmigung hat. Die dramatischen Abschiebungen haben allerdings gezeigt, dass „Illegalität“ moralisch dann absurd und grausam wird, wenn Kinder sie erben. Unabhängig davon, ob sie hier geboren wurden, hier aufwuchsen, zur Schule gehen und verwurzelt sind: Wie etwa im Fall der 12-jährigen Tina. Die Frage, warum Kinder wie sie nicht längst ÖsterreicherInnen werden konnten, drängt sich ebenso auf, wie die generelle Frage: Warum wird man nicht per Geburt Österreicherin und Österreicher? Denn es betrifft nicht nur Extremfälle im Asylbereich, sondern alltäglich viele Migrantenkinder zweiter und dritter Generation.

 

PROZESS VOLLER HÜRDEN

Mehr als 220.000 Menschen sind in diesem Land geboren, haben aber keine österreichische Staatsbürgerschaft. Weitere Tausende leben schon seit Jahrzehnten in Österreich und stehen vor massiven Einbürgerungshürden. In fast keinem anderen Land ist es so schwierig, die Staatsbürgerschaft zu bekommen, wie in Österreich. Laut einer Studie des „Migrant Integration Policy Index“, die 52 Länder untersucht hat, ist Österreich beim Zugang zur Einbürgerung gemeinsam mit Bulgarien Schlusslicht in Europa. Europäische Spitzenreiter bei der Einbürgerung sind Portugal und Schweden und selbst in den USA sind dort geborene Menschen automatisch US-Staatsbürger. Hierzulande schaut man stattdessen auf den Pass der Eltern, es gilt das Abstammungsprinzip (Ius sanguinis), und nicht das Geburtsrecht, das den Geburtsort berücksichtigt (Ius soli). So haben selbst hier geborene Kinder erst nach sechs Jahren Aufenthalt die Möglichkeit der Einbürgerung und müssen denselben komplizierten und kostspieligen Prozess durchlaufen, wie neu Zugezogene: Sie müssen bis zu 2000 Euro bezahlen, Deutsch- und Integrationsnachweise erbringen und dürfen oft nicht einmal harmlose Verkehrsdelikte begangen haben. Diese österreichische Gesetzeslage führt nicht nur zur Ungleichbehandlung, sie nimmt Jugendlichen das Gefühl von Zugehörigkeit. Im Extremfall droht die Abschiebung, wie Ende Jänner in Wien, als die Kinder mitten in der Nacht mit einem riesigen Polizeiaufgebot vor den Augen ihrer protestierenden MitschülerInnen abgeschoben wurden. Diese Geschehnisse sind keine Einzelfälle. In Österreich stehen Hunderte Kinder und Jugendliche vor ihrer Abschiebung. „Wer hat das Recht, sie einfach so abzuschieben und ihnen das alles zu nehmen?“, fragt sich Meri. Seit 18 Jahren ist Wien ihr Zuhause, wie Kani ist sie hier geboren, aufgewachsen und geht zur Schule. Österreich ist ihr Leben. Trotzdem hat Meri die mazedonische und nicht die österreichische Staatsbürgerschaft, weil ihre Eltern sie zwar beantragt aber nie bekommen haben. Wenn die Zeit kommt, will sie unbedingt die Staatsbürgerschaft beantragen. „Das wäre eigentlich nur die Bestätigung von dem, was ich eh schon bin.“

Infolge der Abschiebungen in Wien hat die Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch eine Initiative für die faire Einbürgerung hier geborener Kinder gestartet, die dazugehörige Petition wurde bereits mehr als 35.000 Mal unterzeichnet. Die Menschenrechtsorganisation fordert, dass die Staatsbürgerschaft mit der Geburt automatisch verliehen wird, wenn zumindest ein Elternteil schon 6 Jahre in Österreich lebt – ähnlich wie es etwa in Deutschland der Fall ist. Zudem fordert die Petition, dass in Österreich geborene Kinder, deren Elternteil kürzer hier lebt, im Alter von 6 Jahren eine bedingungslose und kostenfreie Staatsbürgerschaft erhalten. Dadurch sollen auch Fälle von abgeschobenen Minderjährigen verhindert werden. „Es geht darum, dass Kinder, die hier zur Welt kommen, als Österreicher und Österreicherinnen die gleichen Rechte, die gleiche Anerkennung und den gleichen Schutz durch den Staat haben“, sagt Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch.

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

DER EWIGE KAMPF

Die Abschiebungen in Wien schockierten vor allem Jugendliche, die sich mit den Betroffenen identifizieren können. Als Mirjana von den Schicksalen der Kinder in der Zeitung las, hatte sie trotz ihrer Aufenthaltsgenehmigung Angst, dass ihr dasselbe drohen könnte. „Man kann sich nie sicher sein, dass es einem nicht selbst passiert.“ Mirjana, deren Eltern aus Serbien stammen, ist in Wien geboren. Wie die 17-Jährige kommen jedes Jahr etwa 14.000 Menschen in Österreich zur Welt, die keine österreichische Staatsbürgerschaft erhalten und dadurch weniger Rechte haben, so Pollak von SOS-Mitmensch: „Das Thema wird von Jahr zu Jahr dringlicher.“ Auch Aylin, Mirjanas Mitschülerin, spürt plötzlich ein neues Gefühl der Angst, seit sie von den Abschiebungen weiß. Ihre Eltern kommen ursprünglich aus der Türkei und Versuche, die österreichische Staatsbürgerschaft zu beantragen, scheiterten. Auch ihre Familie hat eine Aufenthaltsgenehmigung, obwohl sie schon lange in Wien lebt. „Ich werde oft von Verwandten gefragt, wieso ich die Staatsbürgerschaft nicht habe, und ich kann es nicht ordentlich erklären“, erzählt Aylin. „In solchen Momenten fühle ich mich, als wäre ich nicht ein Teil von diesem Land. Es ist zwar nur Papier, aber trotzdem.“ Aylin lebt seit 17 Jahren in Wien, sie ist hier geboren und aufgewachsen. Als sie neben der Schule im Einzelhandel tätig werden wollte, musste sie eine Arbeitserlaubnis nachweisen.

Es ist nur Papier, aber es beeinflusst das gesamte Leben. Nicht nur bürokratische Angelegenheiten sind komplizierter, auch das Wohlbefinden und der soziale Umgang der Kinder wird beeinträchtigt. Viele junge Menschen passen ihr Verhalten an die fehlende Staatsbürgerschaft an. Manchmal hat Mirjana den Eindruck, dass sie sich nicht schlecht benehmen darf. Seit sie klein ist, hat sie das Gefühl, dass sie sich von ihrer besten Seite zeigen muss. „Ich darf nichts falsch machen, weil ich Migrationshintergrund habe. Sonst denkt man vielleicht schlecht von mir oder hat Vorurteile.“ Auch Kani fühlt sich in bestimmten Situationen unter Druck gesetzt. „Wenn jemand in der Schule mit mir diskutiert und mich provozieren will, halte ich mich zurück, obwohl ich mir das eigentlich nicht gefallen lassen möchte.“ Schon mehrmals war die 17-Jährige kurz davor, mit der Schule aufzuhören. Während sich bei anderen SchülerInnen mit schlechten Noten nichts ändert, werden jenen mit Migrationshintergrund, wie Kani, oft Alternativen zur Matura aufgezeigt. „Es sind immer nur wir bei der Vertrauenslehrerin. Es sind wir, die schlimm sind und wir, die angeschrien werden. Es ist dieser ewige Kampf, den ich eigentlich langsam leid werde.“ Und dabei hat Kani die österreichische Staatsbürgerschaft. Gleichwertig zugehörig fühlt sie sich dennoch nicht.

 

EIN TEIL VON ÖSTERREICH

Bei Mirjana spielte die Staatsbürgerschaft letztes Jahr zum ersten Mal keine Rolle. In ihrer Schule fand eine „Pass-Egal-Wahl“ statt, das Klassenzimmer wurde zum Wahllokal. Mit echten Wahlkabinen, ausgewerteten Stimmen und Staatsbürgerschaften aus der ganzen Welt. Alle, die bei der richtigen Wahl nicht wählen konnten, durften teilnehmen. Viele SchülerInnen wählten zum ersten Mal in ihrem Leben. Während andere in ihrem Alter schon an richtigen Wahlen teilnehmen konnten, durfte Mirjana erstmalig ihre Stimme abgeben. „Die Stimmen haben nicht gezählt, aber trotzdem. Es war sehr schön.“ Auch Meri nahm an der „Pass-Egal-Wahl“ teil und beschreibt eine unvergleichbare Freude. „Obwohl es eine ungültige Wahl war, war es einfach dieses schöne Gefühl. Und ich würde dieses Gefühl gerne im echten Leben spüren. Ich wäre gerne ein Teil dieser Demokratie.“

Ginge es nach der Gesetzeslage in anderen Ländern könnten Aylin, Mirjana und Meri schon Staatsbürgerinnen sein. Sie könnten problemlos wählen gehen, und arbeiten, ohne um Erlaubnis bitten zu müssen – und sie müssten nie ängstlich daran zweifeln müssen, ob dieses Land für immer ihr Zuhause sein kann. Es sind nicht die jungen Menschen selbst, die sich hier nicht zu Hause fühlen, es sind andere Menschen, die ihr Heimatgefühl unterwandern und ihnen große Unsicherheit über die eigene Zukunft aufbürden. Es ist die Politik, die ihnen bürokratische Hürden in den Weg legt, und ein Teil der Gesellschaft, der sie im Glauben lässt, sie wären nicht „österreichisch genug“ für den Pass. Ein Argument, das man im Zusammenhang mit der Staatsbürgerschaft oft hört, ist, das Vorhandensein einer guten Integration. Wer gut integriert sei, habe die österreichische Staatsbürgerschaft verdient, so heißt es. Dadurch haben Kinder das ständige Gefühl, sich beweisen zu müssen, um in diesem Land wertgeschätzt zu werden. „Wir müssen ihnen zeigen, dass wir uns hier zu Hause fühlen und dass sie uns dieses Gefühl nicht einfach nehmen können.“, sagt Meri. Dabei sollten sich Kinder in ihrem Zuhause nicht behaupten müssen. Es sollte keine Rolle spielen, ob Tina, Lea, Sona und Ashot gut Deutsch sprechen oder ihre Eltern berufstätig sind. Sie verbringen ihr Leben in diesem Land, sie gehen hier zur Schule, sie haben hier ihre Freunde. Österreich ist ihre Heimat, so wie es die Heimat von Kani, Meri, Aylin und Mirjana ist. Das sollte Beweis genug sein.

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