Führe ein normales Leben, sagten sie.

21. September 2016

Gastbeitrag von Anita Sukan

Such dir einen sicheren Job, sagten sie.

Finde einen anständigen Mann, sagten sie. Sucht euch gemeinsam ein schönes Zuhause, sagten sie. Gib nicht immer gleich alles aus, leg dir immer was auf die Seite, sagten sie.
Mit genau diesen Prinzipien schafften es meine Eltern, mit nichts zu beginnen und alles zu erreichen. Das Gleiche wünschen sie sich nun auch für mich - ein normales, konstantes Leben. Zu blöd nur, dass sich seit den 70ern alles geändert hat und es heute weder Konstanten noch Normalität gibt. Schaute man damals zuversichtlich in die Zukunft sah man anhaltenden Aufschwung, Entwicklung, ja sogar so etwas Utopisches wie Zinseszinsen - man hatte eine Perspektive.
Sieht man jetzt in die Zukunft, sieht man befristete Mietverträge, Stellenabbau, gescheiterte Ehen, Negativzinsen und Terroranschläge. Zwar bin ich ein eher kreatives Köpfchen aber die Vorstellung einer Zukunft, die einen Zeithorizont von über 5 Jahren überschreitet, überfordert zur Gänze mein Vorstellungsvermögen. Keine Konstanten und zu viele unbekannte Variablen, die alles bestimmen.

Such dir einen sicheren Job, sagten sie.

Zu blöd nur, dass im Zeitalter von befristeten Arbeitsverträgen, die immer wieder verlängert werden (oder auch nicht) es völlig sinnfrei ist, die zwei Wörter "sicher" und "Job" überhaupt im gleichen Satz zu erwähnen. Auch wenn man zu den glücklichen Mitte-20-Jährigen gehört wie ich, die das Wort unbefristet irgendwo im Vertrag stehen haben, ist das noch lange keine Garantie für ein regelmäßiges Einkommen am Jahresende. Abgesehen davon ist es ja eh verpönt, mehr als 3 Jahre beim gleichen Dienstgeber zu bleiben. Also da hätten wir die unbekannte Variable Job.

Finde einen anständigen Mann, sagten Sie.

Zu blöd nur, dass uns der liebe Gott Facebook, Tinder, Lovoo etc. geschenkt hat. Ich will gar nicht behaupten, dass es keine anständigen Männer gibt. Es gibt aber definitiv viel zu viele Unanständige. Und die Versuchungen lauern überall. Fast bin ich schon soweit, Fremdgehen in einer festen Beziehung einzukalkulieren.
Angenommen ich schaffe es doch, die Nadel im Heuhaufen zu finden, ist das noch lange kein gegessenes Thema. Bis ans Ende unserer Tage ist doch eine lange Zeit. Da gehen sich viele Klobrille-rauf-oder-runter-Diskussionen mit dem Lebensabschnittspartner aus, und jede von ihnen droht die tickende Zeitbombe namens Beziehung zu entfachen. Kommt also die unbekannte Variable Partnerschaft dazu.

Sucht euch ein schönes Zuhause, sagten sie.
Zu blöd nur, dass ich für ein schönes Zuhause immer tiefer in die Tasche greifen müsste. Ich bin sogar froh, dass meine Miete "nur" die Hälfte des Einkommens beträgt. Aber der "gute" Mietvertrag läuft auch bald aus... Also mal sehen wie das dann aussieht. Vielleicht ist eine Eigentumswohnung dann eine bessere Option? Eine 1000€ Rate für die nächsten 35 Jahre, das wäre doch zumindest mal eine langfristige Konstante. Aber stimmt, da braucht man auch einen gewissen Eigenanteil - was mich zum nächsten Punkt bringt.

Gib nicht immer gleich alles aus sondern leg dir immer was auf die Seite, sagten sie.
Zu blöd nur, dass am 3. jedes Monats gerade mal nur die Hälfte meines hart erarbeiteten Geldes am Konto liegt. Miete Strom, Internet, Handy - und GIS und Kirche wollen auch ein Stück vom eh schon recht kleinen Kuchen.
Ich bin froh wenn am Ende des Geldes kein Monat mehr übrig ist. Da brauche ich mich zumindest nicht darüber ärgern, dass mein Geld nicht ordentlich verzinst ist.

Führe ein normales, konstantes Leben, sagten sie.

Wie soll das heutzutage gehen, wenn alles worauf man mit Sicherheit zählen kann, die Unsicherheit ist, frage ich?

 

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Kommentare

 

Wie?! Die bezahlst du freiwillig?

 

aber wer über Geldmangel klagt aber Gis und Kirchensteuer zahlt pffff selber Schuld, kündigen und dann bleibt gleich mehr am Ende des Monats.

Und ja ich weiß wie es ist wenn du am 5. des Monats technisch pleite bist. Das habe ich jahrelang so gelebt und es hat Jahre gedauert bis ich aus dem Teufelskreis langsam raus gekrochen bin.

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