"Gebt ihnen das Mikrofon"

11. April 2019

Schüler haben keinen Bock auf die EU-Wahl – Wer erzählt so einen Blödsinn? Max, Jonas und Alma konfrontieren die Politiker der Großparteien mit kritischen Fragen und zeigen, dass die Insta-Generation mehr kann als Fortnite spielen. Über Uploadfilter, teures Katzenfutter und die angebliche Lüge vom Klimawandel. 

Von Anna Jandrisevits, Amar Rajković, Fotos: Marko Mestrović 

"Ich bin mit der Bim in die Schule gefahren, und wie schaut’s
mit Ihnen aus?“, ruft Max, 16 Jahre alt, den Politikern entgegen und der Festsaal bebt. Es wird gekichert
und applaudiert, die Schüler lieben die Konfrontation, heiße Luft und inhaltsleere Floskeln haben sie schon oft genug von Politikern gehört. Hände schießen in die Höhe, jeder möchte eine Frage stellen. Und so werden an diesem Dienstagvormittag in der Vienna Business School statt Marketing oder Mathe die Spitzenkandidaten zur EU-Wahl unter die Lupe genommen. 

Foto: Marko Mestrovic
Foto:Marko Mestrovic

Luca Kaiser (SPÖ), Christian Zoll (ÖVP) und Werner Kogler (Grüne) mussten sich den kniffligen Fragen der Schüler stellen. Foto: Marko Mestrovic. 

 

Scharfe Diskussion

Unter dem Motto „EUda, wozu?“
haben wir Schüler zu einer Diskussion mit Kandidaten der großen Parteien
zur EU-Wahl eingeladen. Claudia Gamon (NEOS), Werner Kogler (Grüne), Johannes Voggenhuber (Initiative 1 Europa), Luca Kaiser (SPÖ), Georg Mayer (FPÖ) und Christian Zoll (ÖVP) trauten sich in die Höhle des Löwen. Rund 200 Jugendliche, die das erste Mal das Kreuz Ende Mai bei der EU-Wahl setzen werden, sind topvorbereitet. 

So wie die 16-jährige Nina. Sie möchte von ÖVP-Kandidat Zoll wissen, ob er den Artikel 13 (Stichwort Uploadfilter) nicht als Zensur empfindet. Schließlich habe ja seine Partei im EU-Parlament dem Gesetzesvorschlag zur Urheberrechtsreform zugestimmt. Nina musste sich nicht extra dafür vorbereiten, sie hat mir ihren Freundinnen die Abstimmung live im Netz verfolgt. Passt so gar nicht in das Bild der betagten Kritiker, die der Jugend Desinteresse an der Politik vorwerfen. Der politische IQ unter den Jugendlichen in der Schule scheint den einer Stammtischrunde weit zu überflügeln. „Das Eigentums- und Urheberrecht ist sehr wichtig. Ihr wollt ja auch nicht, dass euer Sitznachbar unerlaubt ein Foto von euch ins Internet stellt“, lautet die Antwort von Zoll, die nicht unbedingt wohlwollend im Publikum goutiert wurde. 

Unterschiedliche Meinungen

Als die 15-jährige Schülerin Alma die Politiker mit dem Klimawandel konfrontiert, ist sich FPÖ-Kandidat Georg Mayer sicher, dass dieser nur gering von Menschen beeinflussbar sein kann. „Den Klimawandel gab es ja schon immer“, meint er. Viele Schüler schütteln bei dieser Aussage nur fassungslos den Kopf. NEOS-Spitzenkandidatin Claudia Gamon tut’s den Kids gleich: „Wir müssen handeln! Junge Menschen haben das Recht, auf derselben schönen Welt zu leben wie die Generationen vor ihnen.“ Spitzenkandidat Werner Kogler hat als Grüner den Klimaschutz in seiner DNA und fährt angeblich regelmäßig mit dem Zug nach Brüssel. Der blaue Kontrahent, Mayer, kann das so recht nicht glauben. Kogler klopft sich selber auf die Schulter und erhebt den mahnenden Zeigefinger: „Es kann nicht sein, dass 1 kg Fleisch günstiger ist als 1 kg Katzenfutter.“ Das junge Publikum nickt. Kein Wunder, Klima ist das Kernthema bei den Jugendlichen. Es ist auch ihre Zukunft.
Die „Fridays For Future“-Demonstrationen locken jeden Freitag tausende SchülerInnen an den Heldenplatz. Auch in der Handelsakademie geben mehr als die Hälfte der anwesenden SchülerInnen an, für den Kampf um Umweltschutz
ihre Schulstunden sausen zu lassen. Als der stv. Chefredakteur und Moderator Amar Rajkovic in die Runde fragt, welche Politiker ihren Kindern eine Entschuldigung für die Schule schreiben würden, wenn diese auf die Demonstration gehen wollen, heben alle, bis auf FPÖ-Kandidat Mayer, die Hand. Die Mehrheit der Politiker unterstützt also das Schwänzen für die gute Sache. 

Euda
Foto: Marko Mestrovic

Die Schüler ließen nicht locker und die Politiker kamen mit dem Antworten auf die kniffligen Fragen des Publikums gar nicht hinterher. Foto: Marko Mestrovic.​

 

Wortgefechte zum Klimawandel

„Menschen, die meinen, wir haben keinen Einfluss auf den Klimawandel, glauben auch, dass die Erde eine Scheibe ist“, entgegnet der Spitzenkandidat der Liste Jetzt und Initiative 1 Europa, Johannes Voggenhuber, dem FPÖ- Kandidaten auf dessen Aussage zum Klimawandel, der angeblich nicht von Menschen verursacht wird. Das Publikum bricht in schallendes Gelächter aus, Voggenhuber erntet zustimmenden Applaus, auch für seinen flammenden Appell nach 40 Jahren endlich was zu tun. Ob er nicht zu alt sei, die Jugend zu vertreten, will jemand aus dem Publikum wissen. Der 68-jährige Voggenhuber kontert mit einem Seitenhieb auf die ÖVP: „Nur weil jemand jung ist, heißt das nicht, dass er für Junge spricht.“ Kurz, Blümel und auch der anwesende Kandidat Zoll sind wahrscheinlich damit gemeint. Hier mischt sich der junge SPÖ-Kandidat Luca Kaiser ein und meint, dass man Krisen nur lösen kann, wenn man sie als solche anerkennt: „Wir können
es uns nicht leisten, unsere Zukunft
aufs Spiel zu setzen.“ Einige aus dem Publikum nicken zustimmend mit dem Kopf. Andere, wie der 17-jährige Max, nehmen diese Worte nicht wirklich ernst: „Alle reden groß, aber eine Lösung hat keiner.“ 

Die Aussagen der Politiker haben viele Schüler in ihrer Wahl nur bestätigt, auch den 18-jährigen Philipp: „Mein Kreuzerl ist am selben Fleck geblieben.“ ÖVP-Kandidat Zoll hat an die jungen Menschen plädiert, in die Politik einzusteigen, damit frischer Wind in das Parlament kommt. NEOS-Spitzenkandidatin Gamon konnte mit der Idee von den Vereinigten Staaten von Europa überzeugen. Als der 16-jährige Schüler Mosche in die Politiker-Runde fragt, ob auch der Islam zu Europa gehört, spitzen sich im Publikum alle Ohren. Nach kurzem Zögern antwortet FPÖ-Kandidat Mayer zuerst mit einem „Naja“. Erst, als der Moderator ihn zu einer klaren Antwort auffordert, ringt sich Mayer zu einem „Ja“ durch.

Euda
Foto: Marko Mestrovic

Heiße Wortgefechte lieferten sich die Politiker zum Klimawandel. Foto: Marko Mestrovic.

 

Konfrontation

Neben dem Umweltschutz erregt vor allem die Urheberrechtsreform die jungen Gemüter. Der 18-jährige Schüler Jonas nimmt sich bei FPÖ-Kandidat Mayer kein Blatt vor den Mund: „Bei
der letzten EU-Abstimmung wegen des Urheberrechts haben sich alle FPÖ-Vertreter ihrer Stimme enthalten“, meint er und langsam machen sich Schweißperlen auf der Stirn des FPÖ-Politikers sichtbar. „Warum sollte ich eine Partei wählen, die bei wichtigen Entscheidungen keine Meinung vertritt?“, konfrontiert Jonas den FPÖ-Kandidaten und tosender Applaus von seinen Mitschülern folgt. Für die Enthaltung der blauen Partei haben die SchülerInnen ebenso wenig übrig wie für die Zustimmung der Türkisen. 

 

Euda

Bei den Ergebnissen der Schüler-Wahl liegen die NEOS vor und nach der Diskussion vorne.

Die Zukunft hat gesprochen

Es ist 11:30 Uhr, mittlerweile steht fast der halbe Festsaal, die Zeit für den
Talk ist aber vorüber. Die Traube geht langsam wieder in ihre Klassenzimmer zurück. Die 16-jährige Nina fühlt sich nach der Diskussion besser aufgeklärt, ihr Ansporn für die Wahl ist jetzt größer. Jonas wünscht sich statt Ausweich-Taktiken klare Statements von den Politikern: „Sie kennen unsere Meinung zu Klimawandel und Uploadfiltern. Jetzt müssen sie handeln.“ Bei vielen Schülern, auch dem 18-jährigen Lorenzo, überwiegt nach dem Talk das Gefühl von Zugehörigkeit und Mitspracherecht: „Es bedeutet uns viel, in politische Diskussionen miteinbezogen zu werden.“ Verständlich, schließlich sind diese Kids unsere Zukunft und wer ihre Stimme auf dem Wahlzettel will, muss ihnen auch mal das Mikrofon geben. 

Foto:Marko Mestrovic
Foto::Marko Mestrovic

NEOS-Spitzenkandidatin Claudia Gamon geht als Siegerin mit 33 % aus der Schul-Wahl heraus. Die Politikerin konnte die Schüler mit Argumenten zum Klimaschutz und Netzpolitik überzeugen. Foto: Marko Mestrovic. 

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