"Geh bitte, Alma."

22. Januar 2018

Dürfte nicht einfach sein als Feministin für Peter Pilz zu arbeiten. Nationalratsabgeordnete Alma Zadić über blauen Machismus im Parlament,  die Rückkehr von Peter Pilz und warum Österreich mehr kritische Frauen wie Nicola Werdenigg braucht.


biber: Frau Zadić, wer wird für Peter Pilz den Platz im Nationalrat räumen müssen?

Zadić: Wir starten jetzt einen gemeinsamen Prozess, der oder diejenige wird jedenfalls nur freiwillig gehen. Wir werden niemanden zwingen, sein Mandat niederzulegen. Ich hoffe, es wird keine Medienjustiz darüber geben.

Feministin und Politikerin bei Peter Pilz sind für Sie kein Widerspruch?

Natürlich nicht, wir sind vier starke Feministinnen (Anm.: Liste Pilz hat acht Abgeordnete im Parlament) in der Liste, die bald einen anderen Namen tragen wird. Wir hoffen, dass Peter Pilz zurückkommt, weil er mit seiner Art und Arbeitsweise sehr wichtig für das österreichische Parlament ist.

Alma, Zadic, Politikerin, Liste Pilz, Feminismus
Christoph Liebentritt

Sie haben sich dieses Restaurant am Hannah Arendt-Platz als Interviewort ausgesucht. Warum?

Ich bin mit Hannah Arendt während meines Studiums in den USA das erste Mal in Verbindung gekommen. Ihre Schriften haben mir geholfen zu verstehen, wie es zu so einem Krieg wie in meiner alten Heimat Bosnien und Herzegowina kommen konnte. Ich würde mir viel mehr Straßennamen von starken Frauen in der Innenstadt wünschen und nicht „nur“ hier am Stadtrand. (Anm. der Redaktion: Das Interview fand in der Seestadt/Aspern statt)

Welche Frauen bewundern Sie?

Nicola Werdenigg hat in Österreich die Me-Too-Debatte neu entflammt. In Österreich wurden in der Debatte leider immer nur zwei Namen genannt: Ehemaliger Wr. Zeitung Chefredakteur Reinhard Göweil und eben Peter Pilz. Dabei wäre es wichtig, hier über strukturelle Benachteiligung von Frauen zu sprechen. Eine weitere Frau, die ich unglaublich für ihren Mut und Zivilcourage bewundere ist Rosa Parks. 

Warum war ich Alma und nicht Frau Dr. Zadić, ich habe dem Herrn nie das Du-Wort angeboten.

Wurden Sie feministisch erzogen?

Ja, mein Vater hat mir vermittelt, wie wichtig es ist, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch durchzusetzen, er hat mich sehr gefördert. Väter haben einen großen Einfluss auf ihre Töchter und sollten ihn auch positiv nutzen.

Sind Sie für eine Frauenquote in der Politik?

Junge Mädchen brauchen weibliche Vorbilder in hohen Position, um es eines Tages auch tatsächlich zu schaffen. Frauen können sich gegenseitig auch sehr gut bestärken. Als Anwältin habe ich oft in Besprechungen und Verhandlungen erlebt, dass dort wo mehr Frauen am Tisch sitzen, sie auch ernster genommen werden und sich gegenseitig auch bestärken können. Ich spreche dann immer von einer weiblichen „Critical Mass“.

Notizblock, Pilz
Christoph Liebentritt

Was hat Sie in der kurzen Zeit als Politikerin im Parlament besonders geärgert?

Bei meiner zweiten Rede hat ein FPÖ-Abgeordneter dazwischen geschrien: „Geh, Alma, das stimmt doch nicht.“ Im ersten Augenblick war ich etwas perplex. Warum war ich Alma und nicht Frau Dr. Zadić, ich habe dem Herrn nie das Du-Wort angeboten. Das hätte er bei einem Mann nie getan, behaupte ich.

Wieso haben Sie einen hart erkämpften Platz in einer internationalen Anwaltskanzlei verlassen und engagieren sich stattdessen im Haifischbecken Politik?

Vor dem Wahlkampf wurde ich völlig unerwartet von Stephanie Cox gefragt, ob ich bei der Bewegung mitmachen möchte. Nach einem längeren Gespräch mit Parteigründer Peter Pilz spürte ich das Feuer in mir, in der Politik anzupacken. Ich sehe in der Politik viele Gestaltungsmöglichkeiten, um das Abdriften der Gesellschaft nach rechts zu verhindern.

Ich hatte ein Schlüsselerlebnis mit dieser Lehrerin, die mir bei einer Textaufgabe nicht geholfen, sondern den Zettel mit den Worten „du kannst es eh nicht.“ aus der Hand gerissen hatte.

Wie haben Sie Ihre Ankunft damals vor 25 Jahren in Wien wahrgenommen?

Ich kam mit zehn Jahren aufgrund des Krieges in Ex-Jugoslawien nach Wien. Hier war ich in einer Schule im dritten Bezirk, in der ich damals die einzige Person mit schlechten Deutschkenntnissen war. Ich habe mich vernachlässigt gefühlt und meine damalige Lehrerin wollte, dass ich die Klasse wiederhole. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis mit dieser Lehrerin, die mir bei einer Textaufgabe nicht geholfen, sondern den Zettel mit den Worten „du kannst es eh nicht.“ aus der Hand gerissen hatte. Wir sind dann in den 15. Bezirk gezogen und dort habe ich mich wohl gefühlt, ich war auch nicht die einzige Person, die nicht Deutsch sprechen konnte. Die Schule in der Ortnergasse hat mich sprachlich gefördert und dafür gesorgt, dass ich mich in der Gesellschaft willkommen fühle.

Alma, Zadic, Politikerin, Liste Pilz, Feminismus
Christoph Liebentritt

Warum haben manche Jugendliche mit Migrationshintergrund Probleme sich zu Österreich zu bekennen?

Die Jugendlichen wachsen hier auf und kommen in die Identitätsfindungphase. Wer bin ich? Woher komme ich? Das Identitätsthema bedeutet mir sehr viel, ich habe auch schon einen TEDx-Talk zu diesem Thema gehalten. Persönlich hat es für mich „Klick“ gemacht als ich in den Staaten studiert habe und festgestellt habe, dass ich mich nicht entscheiden muss. Ich bin sowohl Bosnierin als auch Österreicherin.

Wie beurteilen Sie bis jetzt die Integrationsvorhaben der Regierung?

Ich habe das Gefühl, dass die Regierung bewusst versucht, die Integration zu verhindern. Letztendlich waren es die Ängste der Bevölkerung, die den regierenden Parteien den Wahlsieg eingebracht haben. Die Idee, Menschen in Quartiere einzusperren halte ich für kontraproduktiv. Ich stelle besorgt fest, dass die jetzige Regierung sehr stark in Richtung Neo-Liberalismus geht, soziale „Benefits“ kürzt und Großkonzerne entlastet.

Ist Neo-Liberalismus das Problem?

Am Ende des Tages sind diverse Probleme auf den Neo-Liberalismus zurückzuführen. Ich finde es schade, dass nur darüber gesprochen wird, wie viele Flüchtlinge ins Land kommen dürfen, niemand aber das westafrikanische Freihandelsabkommen mit der EU in Frage stellt, das gerade unterschrieben wurde. Dieses wird Mittel- und Kleinunternehmer vorort massiv gefährden. Dadurch werden noch mehr Menschen nach Europa flüchten. Das gleich gilt für Klimaflüchtlinge. Wir müssen uns mit den Problemen auch außerhalb Österreichs beschäftigen.

 

Wer ist sie?

Name: Alma Zadić

Alter: 33

Geburtsort: Tuzla, BiH

Beruf: Politikerin/Anwältin

Besonderes: erste bosnischstämmige Abgeordnete im österreichischen Parlament für Liste Pilz

 

Text: Amar Rajkovic

Mitarbeit: Kamal Alzooz

 

 

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