Geh‘ deinen Weg – egal, wie lange es dauert!

02. Juni 2022

Mit 25 Jahren auf eigenen Beinen stehen, Erfolg haben und eine Familie gründen. Autorin Nihal Shousha hatte eigentlich einen fixen Plan für ihr Leben. Warum es für sie aber doch kein Weltuntergang ist, diese Ziele noch nicht erreicht zu haben.

 

Nihal Shousha
Autorin Nihal Shousha

 

Von Nihal Shousha, Fotos: Zoe Opratko

 

Ich gehöre zu den wenigen Menschen, die schon als Kind genau wussten, was sie in ihrem Leben erreichen wollen. Bereits mit zwölf Jahren wusste ich, dass ich in Zukunft in der Welt der Medien Fuß fassen möchte und mir zudem eine Karriere als Modedesignerin aufbauen will.

Laut meinem Plan, den ich in meiner Kindheit geschmiedet hatte, sollte ich mit 25 auf eigenen Beinen stehen, finanziell unabhängig, selbstständig und erfolgreich sein und eine eigene Familie gegründet haben. Heute bin ich 25, Single und studiere noch. Ich mache zwar den Master und arbeite gleichzeitig in meinem Gebiet, jedoch heißt es trotzdem für viele Menschen in meiner arabischen Community, dass ich bis jetzt nicht viel erreicht hätte. Da eine Frau „in meinem Alter“ eher eine Familie als eine Karriere anstreben sollte oder eine Weiterbildung. Familie ist wichtig, aber Frauen existieren nicht nur, um eine Familie zu gründen. Jede Frau setzt für sich andere Prioritäten.

 

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© Zoe Opratko

 

Ich will mich nicht mehr rechtfertigen

 

Als sichtbare Muslima spüre ich zudem noch den Druck, ein Vorbild für meine Community sein zu müssen. Wenn ich mich falsch verhalte, passiert das scheinbar stellvertretend für all die 1,9 Milliarden Muslime weltweit. Ich darf keine Grammatikfehler machen, denn das deutet auf meinen Migrationshintergrund hin. Ich darf mich bloß nicht versprechen, sonst geht man automatisch davon aus, dass ich kein Deutsch kann. Ich muss mich mehr bemühen als alle anderen. Ich möchte das nicht mehr tun. Ich möchte mich nicht nur zu Wort melden, um zu beweisen, dass ich der deutschen Sprache mächtig bin. Ich möchte mich nicht extra in einem Gespräch einbauen, um meinen KollegInnen zu beweisen, dass ich ein normaler Mensch bin. Ich möchte ich selbst sein. Ich darf Fehler machen. Ich bin kein Vorbild, sondern einfach ich. Ich bin Nihal, eine simple Frau, die sich vom gesellschaftlichen Druck befreien möchte. Ich habe große Träume, die ich eines Tages erreichen werde, ohne dabei jemandem etwas beweisen zu müssen.

Wer sagt, dass man in einem bestimmten Alter bestimmte Dinge erreicht haben muss? Wer sagt, dass man in einem bestimmten Alter verheiratet sein oder Kinder haben muss? Es gibt kein perfektes Alter, um bestimmte Dinge im Leben zu erreichen. Das ist eine individuelle Reise, die jeder unabhängig von äußeren Einflüssen selbst bestimmen sollte. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass das Alter nur eine Zahl ist. Oft ist dieses einschränkende Denken tief in der Gesellschaft verankert. Je älter man wird, desto schneller rücken Ziele dabei in weite Ferne. Aber wieso? Das Leben hat mehr zu bieten, als dass man sich an Zahlen bindet. Wir sollten uns nicht mit irrelevanten Regeln selbst im Weg stehen.

 

Einen Gang zurückschalten

 

Ich hatte die Chance, in diverse Medienhäuser in Österreich zu schnuppern, und landete sogar meinen langersehnten Traumjob als Redakteurin in einem Medienkonzern. Dort verstand ich schnell, dass die Position nicht meiner Vorstellung entsprach und nicht zu mir passte. Mein Arbeitgeber und ich hatten unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Ziele. Die entscheidende Situation war, als eines Tages der Islamische Staat das Kernthema in einer Redaktionssitzung war und dabei jeder mich beobachtete und neugierig auf meine Reaktion wartete. In diesem Moment wusste ich, dass ich am falschen Ort und im falschen Umfeld war. Nachdem ich gemerkt hatte, dass ich mich in meinem Traumjob fehl am Platz fühlte, war das eine große Enttäuschung für mich. Immerhin hatte ich mir diesen Job jahrelang gewünscht! Ich bin in eine Schockstarre verfallen, als ich verstand, wie viele Medien bewusst nicht die ganze Wahrheit zeigen wollen. Ihnen war es wichtiger, über anregende Themen als über relevante gesellschaftspolitische oder unbehandelte Themen zu berichten.

In dem Moment begriff ich, dass es okay ist, etwas zu probieren und mir dann einzugestehen, dass es mir nicht gefällt. Es ist okay, wenn ich in eine Branche einsteige und wieder aussteige. Es ist okay, meine Ziele und Interessen zu ändern. Wie einen die Leute betrachten, ist das Letzte, was dich interessieren sollte. Ob du als verwirrt oder unentschlossen im Leben abgestempelt wirst, weil du dein Studium zweimal gewechselt hast oder drei unterschiedliche Richtungen studieren möchtest, ist bedeutungslos. Es ist in Ordnung, nicht zu wissen, was man studieren möchte oder ob man überhaupt studieren möchte. Momentan mache ich den Master aus reinem Interesse. Auch wenn manchmal Menschen in meiner Umgebung sarkastisch nachfragen, ob ich mein ganzes Leben mit dem Studieren verbringen möchte, werde ich mein Ding durchziehen. ●

 

 

Nihal Shousha ist 25 Jahre alt und ist in Wien geboren und aufgewachsen. Die Masterstudentin arbeitet als Journalistin & Social Media Assistentin.

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