Geht doch!

21. September 2016

Wir haben vier Wiener WGs besucht, in denen das selbstverständlich funktioniert, wovor sich der besorgte Bürger fürchtet. Zusammenleben mit Flüchtlingen.

Von Volina Serban und Zakarya Ibrahem

Wohnen mit Flüchtlingen
Foto: Zoe Opratko

Wasserflaschen auf der Toilette

Mohammad (26) & Patrick (21)

Gleich nachdem wir die Burschen-WG betreten, wundern wir uns über die Sauberkeit. „So hat es mir meine Mutter beigebracht: Die Wohnung ist immer sauber zu halten“, erzählt uns Mohammad. Er wohnt seit fünf Monaten mit zwei Deutschen und einem Italiener in der WG im zweiten Bezirk. Mohammad spricht erstaunlich gut Deutsch. Kein Wunder: Sein Zimmer ist mit Post-its mit deutschen Vokabeln tapeziert. Wir fragen Mohammad und Patrick, wie sie mit den gelebten Kulturunterschieden klarkommen. Patrick hält kurz inne: „Wir haben schon sehr verschiedene Lifestyles. Ich trinke Alkohol, Mohammad nicht. Er passt immer bei Fleisch auf, dass es halal ist, mir ist’s gleich“, antwortet Patrick und resümiert: „Alle Bewohner unserer WG achten auf die kulturellen Unterschiede und respektieren sich gegenseitig.“ Das heißt aber nicht, dass sie keine lustigen Alltagsgeschichten parat haben. „Einmal hatten wir kein Klopapier mehr und ich habe erwartet, dass Mohammad welches kauft. Stattdessen sind ein paar Wasserflaschen auf der Toilette aufgetaucht“, erzählt Patrick amüsiert. Er wusste nicht, dass in Syrien Wasser gegenüber dem Klopapier bevorzugt wird. Auch Mohammads religiösen Rituale waren ein kleiner Kulturschock für Patrick. „Ich bete fünf Mal am Tag und während des Gebets bin ich 100 Prozent darauf konzentriert“, erzählt der 26-jährige Syrer. Patrick war zu Beginn verwirrt, warum ihn Mohammed erst nach fünf Minuten zurückbegrüßt hat, wenn er zu Hause angekommen und an ihm vorbeigegangen ist. Mittlerweile ist das Rätsel gelöst. Nicht bekannt ist, ob Patrick mittlerweile die syrische After-Toilette-Reinigung anwendet.

wohnen mit Flüchtlingen
Foto: Zoe Opratko

Milkshake mit Datteln

Magdalena (21), Benedict (24) und Ehsan (19)

Ehsan hatte es nicht leicht im Leben. „Die Gegend in Afghanistan, in der meine Familie lebt, ist seit Jahren unter der Kontrolle der Taliban“, erzählt der 19-Jährige. Viele Freunde und Verwandte sind durch Bombenexplosionen ums Leben gekommen. Anfangs war es auch in Österreich nicht einfach für ihn. „Im Flüchtlingscamp lernt man kein Deutsch und hat keinen Bezug zur Realität“, erinnert sich Ehsan. Als seine jetzige Mitbewohnerin Magdalena eine Arbeit über Flüchtlingsunterkünfte schreibt, erfährt sie von der Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ und ihrer Aktion, Geflüchtete bei Privatpersonen unterzubringen. „Ich hatte ein freies Zimmer in meiner Fünfer-WG, ich fragte mich: Warum nicht mitmachen?“ Einen Monat später sitzen Magdalena, Benedict und Ehsan auf ihrem Balkon im 22. Bezirk. „Wir verbringen viel Zeit hier, wenn wir alle zuhause sind“, erzählt Benedict, der dritte Mitbewohner. Diese Gespräche laufen problemlos ab, denn Ehsans Deutschkenntnisse sind nach nur einem Jahr ausgezeichnet. Die Miete kann der Afghane nicht bezahlen, dafür reicht das Geld nicht aus. Hier springen Magdalenas Freunde und die Organisation „Flüchtlinge Willkommen“ mit Geldspenden ein. „Es gibt bei uns keine Vorwürfe oder Vorurteile wegen verschiedener Ansichten“, meint Benedict. Stattdessen suchen sie bewusst nach Gemeinsamkeiten: Magdalena freut sich zum Beispiel immer, wenn Ehsan etwas zu essen zubereitet. „Einmal hat er einen Milkshake mit Datteln und Bananen gemacht – der war der Hammer! Oder ein würziges Gericht mit Eiern und Tomaten“, schwärmt die 21-Jährige. Klingt lecker, hast du uns was übrig gelassen, Magdalena?

Wohnen mit Flüchtlingen
Foto: Zoe Opratko

„Ibrahim integriert mich.“

Tünde (39) und Ibrahim (20)

Die 39-jährige Tünde hatte keine Ahnung, dass sie in eine WG zieht, in der ein Flüchtling lebt. „Als ich das herausgefunden habe, habe ich mich sehr darüber gefreut“, erinnert sich die gebürtige Ungarin. Tünde arbeitet ehrenamtlich mit geflüchteten Kindern und möchte bald ihren eigenen Flüchtlingshilfsverein gründen. Sie ist vor zwei Monaten in die WG gezogen, Ibrahim vor drei. Anfangs sind sie sich noch aus dem Weg gegangen, mittlerweile unternehmen sie viel zusammen. „Gestern haben wir uns bis Mitternacht über unsere Sprachen unterhalten“, erzählt Tünde. „Bei uns ist es umgekehrt: Nicht ich integriere ihn, sondern er mich“, so die 39-Jährige. „Er hat mich mehrmals gebeten, zusammen radeln zu gehen oder etwas in der Stadt zu machen.“ Vor seiner Zeit in Wien war er für sechs Monate in einem Flüchtlingscamp in Niederösterreich untergebracht. „Dort habe ich Deutsch immer auf der Straße aufgeschnappt“, so Ibrahim. Die Nachbarn waren freundlich und haben ihm oft einen Besuch im Camp abgestattet. Durch ihre Hilfe konnte er in diese WG einziehen. Und Tünde bei der Integration helfen.

Wohnen mit Flüchtlingen
Foto: Zoe Opratko

Süße Versuchung

Ali (30), Maryam (24) und Ilia (9 Monate)

Jasmin (36) und Richard (44)

Im Winter 2015 kamen Ali und Maryam nach Österreich. Sie war hochschwanger und zehn Tage nach der Ankunft gebar sie Ilia im AKH. „Wir mussten aber danach zurück zum Flüchtlingscamp. Dort haben wir ein Zimmer mit weiteren fünf Familien teilen müssen“, erzählt uns Maryam. Als eine Masernepidemie im Camp ausbrach, verschärfte sich ihre Lage umso mehr. Zur selben Zeit in Wien: Jasmin und Richard hatten eine leere Wohnung, die sie gerne einer bedürftigen Flüchtlingsfamilie mit Kindern zur Verfügung stellen wollten. Sie haben sich bei „Flüchtlinge Willkommen“ gemeldet und bekamen Maryam, Ali und Ilia im Jänner 2016 zugelost. „Österreich war ungenügend vorbereitet, vor allem auf Flüchtlinge mit kleinen Kindern“, sagt Richard. Ali und Maryam müssen mit 490 Euro im Monat über die Runden kommen. So viel bekommen zwei Asylwerber mit einem Kind monatlich vom Sozialamt in Form der Grundversorgung. Miete müssen sie nicht bezahlen, nur die Betriebskosten. Jasmin und Richard haben die mühsamen Behördengänge und Arztbesuche für ihre Gastfamilie übernommen. E-Card-Probleme, Anmeldefehler, lange Wartezeiten im Spital - Umstände, die nicht nur Neuankömmlinge vor schwierige Aufgaben stellen: „Das war für uns als Muttersprachler schon kompliziert“, so Jasmin.

Wohnen mit Flüchtlingen
Foto: Zoe Opratko

Die Patchwork-Familie hat auch Lustiges zu erzählen: Richard wollte mit einem Kräutertee punkten und überreichte ihn Maryam als Geschenk. Die 24-jährige Irakerin war etwas verwundert: „So etwas kannte ich nur als Heilmittel zum Stillen“, so Maryam schmunzelnd. Wie es richtig geht, wollen wir von ihr wissen. „Immer schwarz und mit viel Zucker!“, sagt Maryam und serviert uns eine heiße Tasse Schwarztee auf irakische Art. Urteil: Sehr süß.

Wohnen mit Flüchtlingen
Foto: Zoe Opratko

Infobox

Flüchtlinge Willkommen

Hast du ein Zimmer oder gar eine ganze Wohnung frei und möchtest Flüchtlinge aufnehmen? Auf der Homepage von „Flüchtlinge Willkommen“ erfährst du in drei Schritten, wie du Menschen wie Mohammad, Ehsan oder Maryam aktiv helfen kannst in ihrer neuen Heimat anzukommen. Übrigens können die Kosten für die Miete in einigen Bundesländern rückerstattet werden. Dafür sorgen die Unterstützer der „Flüchtlinge Willkommen“-Homepage.

www.fluechtlinge-willkommen.at

 

 

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