Gemüse ist unser Fleisch

04. Dezember 2011

Am Balkan wird Essen mit Fleisch übersetzt. Je höher die Fleischberge, desto zufriedener die Menschen. Alle Menschen? Nicht alle. Eine bisher unbekannte Spezies verzichtet auf die Fleischeslust: Die Balkan-Vegetarier!

 

Jusuf Roga, 26

„Du bist Vegetarier? – Dabei siehst du so stark aus.“ Solche Sprüche hört der sportliche Informatikstudent Jusuf Roga oft, seit er fleischlos isst. In die Wiege wurde ihm das Vegetariertum nicht gerade gelegt; zu Hause in Sarajevo drehte sich alles ums Fleisch. Sein Onkel schlachtete Lämmer für das muslimische Opferfest Kurban, und der kleine Jusuf sah zu, wie die Tiere am Hals ausbluteten. Bei seiner Mama gab es jeden Tag Hühnerwurst sorgfältig in eine Semmel gepackt. „Irgendwann konnte ich diese Wurst nicht mehr sehen und sabotierte Mutters Jause.“ Er strich Wurst, Fleisch und später auch Fisch vom Speiseplan.

Militant war er nie: „Mir ist egal, ob jemand Fleisch isst. Wenn sich Frauen nackt für den Tierschutz ausziehen, interessiert mich weniger die Botschaft dahinter, als die Nackte vor mir.“ Warum sich so viele seiner Landsleute ein Leben als Vegetarier nicht vorstellen können, versteht er nicht. „In Sarajevo gäbe es so viele Alternativen zum Fleisch: Pita-Sorten mit Kürbis, Käse oder Spinat zum Beispiel, oder die herrlichen vegetarischen Eintöpfe, die meine Mama kocht.“ Doch die Fleischeslust ist tief am Balkan verwurzelt. Letztens fragte ihn ein Freund: „Isst du als Vegetarier eigentlich nur Huhn?“

 

 

 

Armina Hasanović, 20

Armina ist anders – selbst unter Vegetariern. Armina ist Vegetarierin und hantiert täglich mit Fleisch: im Supermarkt an der Feinkosttheke. „Mir wurde früher schon anders, wenn ich nur an Presswürste dachte. Dann bekam ich den Nebenjob in der Feinkost. Heute kann ich die Würste ohne Probleme angreifen.“

Die 20-Jährige, deren Mutter aus Mazedonien und deren Vater aus dem Irak stammt, ernährt sich seit ihrem sechsten Lebensjahr fleischlos. „Ich esse kein Fleisch, weil ich einfach zu viel davon in meiner Kindheit gegessen habe. Meine Eltern mussten mir zu Mitternacht Würstchen machen, damit ich überhaupt ins Bett gehe.“ Die dunkelhaarige Matura-Schülerin konnte kein Fleisch mehr sehen.

In einer Familie, die Essen mit Fleisch gleichsetzt, bedeutet das: Beilagen essen. „Bei Familienessen wird überhaupt nicht auf mich geachtet. Überall ist Fleisch drin. Je mehr Fleisch auf dem Tisch, desto wohlhabender fühlt sich eine Familie. Ich steh’ dann blöd da – mit Aufstrichen, Reis oder Salat. Wenn sie gnädig sind, gibt es zum Geburtstag Paprika mit Reisfüllung.“

Es kommt noch schlimmer: Armina muss sogar tierische Anschläge über sich ergehen lassen. „Sie versuchen, mir Fleisch in die Suppe zu mischen und hoffen, dass ich nicht drauf komme. Die ganze Verwandtschaft beschäftigt eine Frage: Wer schafft es als Erster, mich wieder zum Fleischessen zu bringen?“

 

Igor Šarkanović (32)

„Als Kind wollte er Fleischhauer werden, seine Mama kochte den ganzen Tag Fleisch, er liebte den Geruch. Heute ist der 32-Jährige Computer-Manager froh, dass er mit der Maus am Computer klickt und nicht Stier-Hälften zerhackt.

„Vor zehn Jahren erkrankte ich an Krebs. Ich habe zu meditieren begonnen. Das hat mir gezeigt, was mein Körper braucht: Fleisch war definitiv nicht dabei.“

Früher war es für ihn schwer, am Kebapstand vorbeizugehen und nicht daran zu denken, wie es ist, in ein frisches Dürüm zu beißen. Doch mittlerweile hat er seinen Speichelfluss selbst auf Jugo-Hochzeiten unter Kontrolle – und dort spielen sich die wahren Fleischorgien ab. Igor tritt mit seiner Band auf solchen Hochzeiten auf. Wenn seinen Kollegen in der Pause das Fett aus dem Mund trieft, bleibt er bei Kraut und Brot. „In der Freizeit habe ich sogar eine Zeit lang für meine Bandkollegen gegrillt.“

Igor weiß, dass sein Opa seine Oma beauftragt hat, ihn mit raffinierten Gerichten und Fleisch-Gerüchen doch noch zum Fleischesser zu machen. Denn für Opa sind Vegetarier keine richtigen Menschen. „Wer könnte ihm da böse sein?“, zeigt Igor Verständnis für die fleischige Balkan-Mentalität.

 

Jelena Cvetković (32)

Jelena ist seit zwei Jahren mit Igor zusammen – und auch sie ist Vegetarierin. „Aus Respekt vor allen Lebewesen lehne ich besonders Fleisch aus Fleischfabriken ab. Als Vegetarierin hab‘ ich ganz neue Geschmäcker entdeckt. Der intensive Fleischgeschmack deckt ja alles zu.“ Bei Heimatbesuchen in Serbien sorgen ihre Beilagenteller, bestehend aus Erdäpfeln und Šopska Salata, für Kopfschütteln und ätzende Kommentare ihrer Familie. „Die Kritik wird aber mit jedem Jahr leiser. Sie merken langsam, dass man auch als Vegetarier eine Chance hat, zu überleben“, schmunzelt die Grafikdesignerin. In Igors Familie geht das Verständnis für seinen Sonderweg mittlerweile so weit, dass Vater und Bruder während seines Besuchs in Bosnien bis zu einer Woche komplett auf Fleisch verzichten. „Sie nutzen den Besuch zur Selbstreinigung.“

 

 

von Ama Mostarac, Marko Mestrović und Philipp Tomsich (Fotos)

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Kommentare

 

Bin selber Jugo-Vegetarierin, in einigen Monaten werden es zwei Jahre. laugh

Super Artikel! Solch einen Artikel habe ich mir schon lange von biber gewünscht. ^^

 

Lg 

Ajla

 

Ich bin meistens ein Zwangsvegetarier..... Zählt das auch? :D

btw, cool story!

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