Gestörtes Essen

06. Juni 2014

Sie haben sich fast zu Tode gehungert oder jede Mahlzeit wieder erbrochen. Heute gelten sie als gesund. Aber gibt es überhaupt gesunde Ex-Essgestörte? Vier Frauen erzählen ihre Geschichte.

Von Fedora Chudoba und Marko Mestrović (Fotos)

 

„In schwierigen Lebensphasen greife ich auch heute noch auf meine Krankheit zurück, um mit meinen Problemen klarzukommen. Dann gehe ich in den Supermarkt und kaufe für meine Fressattacke ein. Meistens Süßigkeiten und am liebsten solche, die leicht zu erbrechen sind“, erzählt Anna (Anm.: Name von der Redaktion geändert). Warum sie das macht? „Um mein Gewicht zu kontrollieren, Druck und Sorgen zu betäuben. Es gibt viele Gründe.“ Solange sie ihr Gewicht hält, gilt sie als klinisch gesund. Ihre Gedanken drehen sich trotzdem nur um das Eine, immer und immer wieder: Essen.

 

Wie Anna erkranken jährlich tausende Menschen an einer Essstörung: Magersucht, Bulimie oder Binge Eating, das ist eine Esssucht, sind inzwischen weit verbreitete und bekannte Krankheiten. Besonders betroffen sind dabei Frauen. Über 90 Prozent aller Erkrankten sind Mädchen und junge Frauen. Die Gründe für eine Erkrankung sind vielfältig, unklar und individuell, die Auswirkungen dafür umso klarer und verheerender.

 

Angefangen vom Ausbleiben der Regelblutung und Rissen in der Speiseröhre, bis hin zu Osteoporose, Herzrhythmusstörungen, chronischen Magen-Darm-Problemen oder gar zum Tod. Dr. Ossege, Leiter der Psychosomatischen Station am Wiener AKH, erklärt, wieso das so ist: „Essstörungen sind wie ganz ganz schwere Suchterkrankungen. Deswegen gibt es weder die perfekte Heilmethode, noch ist es leicht zu sagen, dass jemand geheilt ist. Vielmehr versuchen wir unseren Patienten beizubringen mit ihrer Krankheit umzugehen und Alternativprogramme zu ihrem Suchtverhalten zu entwickeln.“

 

Aber wie sehen diese Alternativprogramme aus? Gibt es überhaupt geheilte Essgestörte?

„Schon“, meint Dr. Ossege. „Denn auch wenn ein gewisses Risiko bestehen bleibt, ist es doch möglich dem Patienten eine gute Lebensqualität wiederzugeben.“ Ob das die „geheilten“ Betroffenen genauso sehen, erzählen sie in ihren anonymen Portraits.

 

 

 

„Wer will schon mit einer Frau ins Bett, an der man nur Knochen spürt?“

Hanna, 23

162cm

38kg

 

Ich war ab meiner frühen Kindheit magersüchtig. Auch heute bin ich noch sehr dünn, weil mein Körper einfach nicht zunehmen kann. Dabei fühle ich mich gesund und esse ständig! Solange ich mir denke, es zerreißt mich noch nicht, da geht noch was rein, esse ich. Mindestens sechs Mal am Tag und mindestens 3.500 Kilokalorien, selbst wenn ich nicht hungrig bin. Sonst laufe ich Gefahr abzunehmen und das will ich nicht! Ich möchte sogar unbedingt zunehmen und weibliche Rundungen annehmen. Besonders, weil ich mir inzwischen einen Freund wünsche und das einfach nicht klappt. Wer will schon mit einer Frau ins Bett, an der man nur Knochen spürt? Ich mag meinen Körper eigentlich, aber ich weiß, was für eine Einstellung die Leute haben und wie sie auf mich reagieren. Wenn ich dann auch noch erzähle, dass ich mal Anorexie hatte, kann ich richtig sehen, wie sich die Leute denken: „Na, so wie die aussieht, ist sie sicher noch nicht gesund.“ Deswegen überlege ich mir auch immer sehr genau was ich anziehe. Ich würde total gerne enganliegende schicke Kleider tragen oder dunkle enge Hosen. Leider sehen meine Beine darin aus wie Solettis und dann lasse ich es doch sein, aus Angst vor der Reaktion der anderen. Gewisse Kurven sind einfach was Schönes und ich möchte eben auch gerne weiblich aussehen. Eine weitere Nachwirkung meiner Krankheit ist, dass ich meine Tage noch nie hatte. Deswegen nehme ich jetzt seit einigen Wochen Hormone und habe nun endlich zum ersten Mal meine Regel bekommen. Ich habe gejubelt und das Bauchziehen ist fast aufregend. Ich fühle mich erwachsener, fraulicher, sicherer mit mir selbst und glaube in Zukunft auch Männern selbstbewusster gegenüber treten zu können!

 

 

„Rad im Kopf dreht sich immer noch“

Sophie, 25

162cm

54kg

 

Leider kann ich nicht behaupten, dass ich gesund bin. Und dabei bin ich es schon so leid! Zwar kann ich meine Fress- und Brechanfälle inzwischen gut kontrollieren, aber das Rad im Kopf dreht sich bei mir immer noch. Diese dauernden Gedanken ums Essen, mein Gewicht und meinen Körper. Oft frage ich mich, woran andere Menschen den ganzen Tag denken, wenn sie nicht ans Essen denken. Da ich kein natürliches Hunger- und Sättigungsgefühl habe, esse ich aus Vernunft. Ich würde so gerne wieder spüren, wie es ist, hungrig und satt zu sein. Ich schätze Essen eigentlich sehr, besonders durch meine Reisen in Länder, in denen viele Menschen Hunger leiden. Ich reise so oft wie möglich, weil mir diese Erfahrungen helfen, aus meiner essgestörten Welt auszubrechen. Trotzdem weiß ich, dass das Reisen immer eine Flucht ist und ich mir langfristig eine andere Lösung überlegen muss. Normales Alltagsleben ist ziemlich schwer für mich. Da gibt es so viele Orte und Situationen, in denen ich an meine Krankheit denken muss. Besonders der Westbahnhof ist schrecklich, weil einfach überall Essen ist. Das ist das Schwierige an einer Essstörung. Man kann nicht, wie ein Drogenabhängiger, aufhören die Droge zu nehmen. Man muss essen. Also muss man irgendwie lernen mit seinem Suchtmittel umzugehen. Ich wohne deshalb bewusst nicht alleine. Das würde ich mir nie zutrauen. Ich brauche die Sicherheit, dass da noch jemand ist. Das hilft mir alte Verhaltensmuster zu brechen und das will ich unbedingt! Denn ehrlich gesagt, essgestört zu sein ist unglaublich viel Arbeit. Und die will ich mir nicht mehr antun. Dafür liebe ich mein Leben zu sehr. Deshalb übe ich mich jetzt in positiver Faulheit!

 

 

 

 

 

„Wer bin ich, wenn ich nicht krank bin?“

Lisa, 25

168cm

57kg

 

Ich habe mich oft gefragt: Wer bin ich, wenn ich nicht krank bin? Wer soll sich dann noch für mich interessieren? Das hat mich lange in der Krankheit gehalten. Nicht zu essen war eben meine Art „Nein“ zu sagen, stark zu sein. Wenn mich jetzt etwas verunsichert oder überfordert, ist immer noch mein erster Impuls wieder in den Hunger und die Abstinenz zu flüchten. Aber dann frage ich mich: Willst du leben und unter Menschen sein oder dich wieder isolieren? Inzwischen kann ich mich für das Leben entscheiden.

Zum Beispiel gehe ich Essen mit anderen nicht mehr aus dem Weg. Früher war das unmöglich. Heute kämpfe ich auch dagegen an, wenn mir mein Kopf sagt: Du bist zu dick! Der Teil der Krankheit, der mir noch am ehesten zu schaffen macht, sind die unsichtbaren Kämpfe im Kopf. Das dauernde Überdenken, Zweifeln, die Angst, allein gelassen und übersehen zu werden. Viele Menschen verstehen nicht, dass eine Essstörung keine körperliche Krankheit ist, sondern eine psychische. Auch meine Familie hat nicht verstanden, dass meine Therapie nicht eine „Reparatur“ war. Ich bin nicht einfach geheilt zurückgekommen. Das hat mir lange zu schaffen gemacht, bis ich verstanden habe, dass ich nur mich selbst ändern kann. Heute distanziere ich mich einfach von ihnen, wenn ich merke, dass mir etwas nicht gut tut. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich gesund bin. Ich habe einfach gelernt mit meiner Krankheit umzugehen. Und obwohl ich noch sehr darauf achte, nichts zu fettiges oder paniertes zu essen, ohne meine Schokolade könnte ich heute nicht mehr leben!

 

 

„Heute bin ich seit 17 Tagen brechfrei.“

Anna, 24

163cm

46kg

 

Solange ich in der Arbeit bin, geht es mir gut. Da esse ich wie meine Kolleginnen, also „normal“. Zu Hause esse ich wenig. Einerseits um mein Gewicht zu halten, andererseits um nicht zu brechen. Ich habe auch kein Essen zu Hause. Für jede Mahlzeit gehe ich extra einkaufen. Manchmal nehme ich mir vor: So, heute Abend kaufst du etwas für morgen fürs Frühstück. Besonders Samstagabend versuche ich es, um Sonntag in der Früh nicht zur Tankstelle rennen zu müssen. Aber wenn ich dann im Supermarkt stehe, traue ich mich doch nicht, aus Angst es schon am Abend aufzuessen. Am schlimmsten sind freie Tage. Freizeit gibt mir die Möglichkeit über meine Ängste und Probleme nachzudenken und das führt bei mir zu Fress- und Brechanfällen. Deswegen versuche ich immer etwas zu unternehmen. Heute bin ich seit 17 Tagen brechfrei. Das bedarf immenser Disziplin, weil ich bei Stress oder Druck schnell in meine alten Muster zurück falle. Wenn ich dann doch wieder kotze, bin ich danach immer total verzweifelt und frage mich, ob ich denn nie gesund werde. Und um genau diese Verzweiflung nicht mehr spüren zu müssen, reiße ich mich auch immer wieder zusammen. Zwei Ziele will ich erreichen: erstens Fressanfälle vermeiden, zweitens an normalen Tagen etwas mehr essen. Denn ich weiß, dass ich sehr zart bin, aber früher, als ich 6 Kilo mehr hatte, bin ich mir einfach zu fett vorgekommen. In meinem jetzigen Körper fühle ich mich wohl, obwohl ich weiß, dass ich nicht gesund bin. Manchmal macht mich das richtig wütend! Dann frage ich mich, wieso kann ich mich nicht in einem gesunden Körper wohlfühlen? Wie machen das die anderen?

 

Informations- und Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige:

 

Essstörungs-Hotline
0800 - 20 11 20

kostenlos - anonym - bundesweit
Montag bis Donnerstag von 12-17 Uhr (ausgenommen Feiertage)
e-Mail-Beratung: hilfe@essstoerungshotline.at

 

intakt Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen

telefonisch unter 01/22 88 770-0

Mo - Fr von 9:00 – 17:00

oder online: www.intakt.at

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