Gute Nacht, Europa

05. März 2020

Unser Bundeskanzler Sebastian Kurz redet gerne von der Balkanroute. Er ließ sich - als österreichischer „Sicherheits-Messias“ - auch dafür europaweit feiern, diese geschlossen zu haben. Im Wahlkampf 2017 war es das häufigste Wort, das Kurz in den Mund nahm. Nun ja, Herr Kanzler: Ich bin seit September 2019 alle zwei, drei Wochen auf der Balkanroute unterwegs und frage mich seit meinem ersten Besuch: Was gibt es da zum Feiern? Kommen sie mit, Herr Kurz, nach Bosnien, Griechenland oder in die Türkei…


 

Shreddern der Menschenrechte

Die hässlichen Bilder, die sie uns vor einigen Jahren bei der Schließung der Balkanroute angekündigt wurden, kommen die letzten Tage jedenfalls immer mehr in Europa an. Medien veröffentlichen Videos von Polizeieinheiten und selbsternannten Bürgerwehren, die mit Brechstangen auf unbewaffnete flüchtende Menschen, ja auch Familien und Kinder, einschlagen. Paradox, aber wahr: Tränengas ist - in dem Meer an jetzt scheinbar vollkommen salonfähig gemachter Gewalt gegen Geflüchtete - noch die „nette Variante“ in dem Versuch, Menschen vor dem Eintritt nach Europa zurück zu halten.
 

Peter Rosandic, Kid Pex, Flüchtlinge, Balkanroute

Eigentlich hat es ja lang gedauert, bis die Früchte unmenschlicher Asylpolitik und das Resultat hetzerischer, menschenverachtender Rhetorik die breitere Öffentlichkeit erreichten. Denn eigentlich kennen alle, die bei unserer Aktion SOS Balkanroute mitwirken, diese Bilder seit Monaten. Bilder von komplett verzweifelten, verletzten Menschen, die verprügelt von der kroatischen Grenze zurückkommen. Auf borderviolence.eu findet man zahlreiche Berichte über illegale und gewaltsame Push-Backs, die seit Jahren eigentlich Gang und Gäbe sind. Offiziell wird dies seitens Kroatiens immer dementiert, auch wenn tausende Flüchtlinge verwundet zu unseren HelferInnen nach Bosnien zurückkommen und sogar ein kroatischer Polizist in einem Brief genau das Gegenteil berichtet. Der EU ist das egal: Der deutsche Innenminister Seehofer lobt sogar die Arbeit der kroatischen Polizei. Aber die Bilder und authentischen Berichte Geflüchteter, die wir auch im Museum der Migration in der Ottakringer Galerie „Die Schöne“ vor kurzem ausstellten, sprechen Bände. Man kann vom endgültigen Schreddern der Menschenrechte und der Genfer Konvention in Europa sprechen.

 

Botinnen der Menschlichkeit

Schockierende Bilder und Berichte waren es auch, die unseren Einsatz auf den Plan riefen. Als wir uns im September 2019 zum ersten Mal im Horrorlager Vučjak, auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie - irgendwo im Nirgendwo des Staates Bosnien-Herzegowina - neben Minenfeldern und Schlangen befanden, wurde uns klar: Hier hat nicht nur der bosnisch-herzegowinische Staat und die lokale Regierung, sondern vor allem Europa Gute Nacht gesagt. Gute Nacht haben aber nicht die wenigen, aber unglaublich starken und charismatischen HelferInnen vor Ort gesagt: Es sind vor allem bosnische Frauen, die trotz eigener Armut den Menschen täglich helfen, für sie kochen, ihnen Jacken bringen usw. In dem Meer an gegenseitigen Schuldzuweisungen, in dem sich EU, Staat und zuständige Institutionen ignorant abputzen und aufeinander verweisen, sind sie die letzten Botinnen der Menschlichkeit.

Peter Rosandic, Kid Pex, Flüchtlinge, Balkanroute

Zwischen 50 Joghurtmarken gefangen

Als ich das erste Mal aus Bosnien nach Österreich zurückkam, fühlte ich mich wie in der Surrealität gefangen und irgendwie auch Fehl am Platz zwischen 50 verschiedenen Joghurtgeschmäckern im Supermarkt - als Symbol des Wohlstands, während 515 Kilometer weiter Menschen ums nackte Überleben kämpfen. Wir begannen Spenden zu sammeln und brachten alleine und mithilfe vieler anderer guter Menschen elf LKWs und unzählige Transporter mit Hilfsgütern nach Bosnien. Das ist unser zivilgesellschaftlicher Beitrag. Nein, leider keine Lösung, auch keine Perspektive, aber doch ein wichtiger Tropfen auf den heißen Stein.
 

Was sich in Bosnien-Herzegowina seit zwei Jahren abspielt, seit Menschen mit Gewalt zurückgedrängt werden, ist im Grunde nichts anderes als das, was sich einige hundert Kilometer weiter in Griechenland abspielt. Die Schließung der Balkanroute ist schon lang ein menschenrechtliches Desaster: Der Unterschied ist, dass die Schande Europas jetzt endlich für alle sichtbar wird. Für uns, die die Lage aus erster Hand schon länger kennen, gibt es in dem Meer schlechter Nachrichten jetzt auch eine Gute. Keiner kann mehr sagen: Nein, ich habe ja nichts gewusst, wo denn? Hier, bei uns, in Europa.

 

Zum Autor: 

Petar Rosandić, besser bekannt als Rapper Kid Pex, kämpft seit Jahren auf und abseits der Bühnen für die Rechte von geflüchteten Menschen. Er war in der Votivkirchen-Bewegung (Refugee Protest Camp Vienna) 2013 aktiv, reiste 2015 nach Röszke und hat im September 2019 - gemeinsam mit der oberösterreichischen Flüchtlingsmama Brigitte Holzinger - die Initiative "SOS Balkanroute" ins Leben gerufen. Seitdem unternahm er zahlreiche Hilfstransporte in die wilden Camps von Velika Kladuša, Bihać und Tuzla.

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