Hart aber Zart

21. März 2017

In einem Wiener Café bestellen die Kunden zuerst Kaffee und greifen danach zur Peitsche. Redakteurin Michaela war in der Wiener BDSM Szene unterwegs und hat gelernt: Für BDSM braucht es mehr Zustimmung und Kommunikation und weniger Fifty Shades of Grey.

von Michaela Kobsa

Im SMart Café in der Köstlergasse wird gepeitscht, gefloggt und gefesselt was das Zeug hält - ein Raum in dem sadistischen und ungewöhnlichen Fantasien keine Grenzen gesetzt sind. Es ist 22 Uhr und ich stehe vor der schwarzen Tür des SMart Cafés, Wiens erstem Fetisch und BDSM Lokal. BDSM steht für Bondage & Discipline, Dominance & Submission und Sadism & Masochism. Ich kenne mich halbwegs mit Fifty Shades of Grey aus, will aber sehen was in der BDSM-Szene wirklich abgeht. Also atme ich tief ein und betrete eine neue Welt.

Innen sieht das BDSM-Café wie das Beiserl um die Ecke aus. Es ist aber so voll, dass man kaum durchkommt. Es herrscht ein Überschuss an Männern, aber auch viele Frauen sind da. Die Mehrheit ist vierzig bis fünfzig Jahre alt. Manche tragen Alltagskleidung, ab und zu erscheint auch ein Halsband oder Korsett auf der Bildfläche. Auf den ersten Blick sieht alles fast gewöhnlich aus. Außer, dass es im Fernsehen kein Fußball spielt, sondern zu sehen ist, wie eine ledertragende Domina mit einem massiven Strap-On ihr männliches Opfer foltert.

Foto: Michaela Kobsa
Eines der Basic-Utensilien - hier eine Peitsche

Connie, der Besitzer, steht an der Bar und hält eine Zigarette zwischen seinen schwarz manikürten Fingern. Er erzählt, wie er 1999 wegen seines Cafés ständig vom FPÖ-Bezirksvorsteher und seinen Behörden gehetzt wurde. „Viele verstehen noch immer nicht, dass die Gewalt in BDSM einvernehmlich ist. Und weil es bei BDSM zu Schmerzen und Verletzung kommen kann, müssen alle Beteiligten viel bewusster mit Zustimmung, Kommunikation und Grenzen umgehen“, erklärt er.

Foto: Michaela Kobsa
Das ist Connie - der Besitzer des SMart Cafe

An der Bar werde ich von einer jüngeren Barista mit blonden Haaren und schwarzem Halsband begrüßt. Ich bestelle ein Getränk und schaue mich um. Ein älterer Herr mit weißem Bart starrt mich an und schnell kommen wir ins Gespräch. Nach zwei Sekunden korrigiert er mein Deutsch. Dann lacht er: "Tut mir leid, ich bin Deutschlehrer. Dürfte ich bitte Ihre Füße ablecken?"

Severin der Fußverwöhner, Rotkäppchen und der böse Wolf

Der fußverliebte Herr heißt Severin - tagsüber Deutschlehrer, nachtsüber Fußverwöhner und Prügelknabe. Er steht auf hübsche Frauen, blaue Flecken, und dreckige, haarige Füße. Er hatte sein ganzes Leben lang ungewöhnliche Vorlieben gehabt und sich tief dafür geschämt. In diesem Café kann er sich mit Gleichgesinnten unterhalten und seine Fantasien ausleben. Nur leider nicht mit mir. Links von mir sitzt ein Mann, Ende fünfzig, und eine Frau Mitte Vierzig. Rotkäppchen und der böse Wolf soll ich sie nennen. Beide sprechen Wienerisch und prügeln ihre Unterwürfigen mit sadistischem Eifer. Der böse Wolf erklärt: "Wir sind nicht anders als alle anderen." Er nippt an seinem Schwarztee, "Toleranter san wir. Weil wir niemanden als pervers bezeichnen." Im Café treffen Menschen mit allen möglichen Vorlieben und sexuellen Orientierungen aufeinander: Sadisten und Masochisten, Trans und Cis, Untergebene und Dominante, Queer und Straight, Fessler und Fußverwöhner, und vieles andere jenseits der üblichen Vorstellungskraft. Aber warum eigentlich BDSM? Worin besteht der Reiz andere zu dominieren oder zu prügeln oder sich dominieren und prügeln zu lassen? Der böse Wolf antwortet blitzschnell: "Weil‘s geil ist!" Ich frage weiter herum und suche Motive für diese Vorlieben. Alle bestehen darauf, dass sie schon ihr ganzes Leben lang so waren.

Foto: Michaela Kobsa
Fesseln findet man hier zu genüge

Vor allem, fügt Rotkäppchen hinzu, ist BDSM auch eine intime Situation, in der man viel über seine Sexualität und Präferenzen kommunizieren und nachdenken muss. Ein Lebensstil, in dem nichts einen höheren Stellenwert hat als aktive Zustimmung. Der dominante Partner kontrolliert seinen Unterwürfigen, trägt aber auch die Verantwortung und beschützt ihn. Der böse Wolf beschreibt es so: "Wenn man einem Menschen in die Augen schaut, der dir voll vertraut, angebunden ist, sich nicht wehren kann, und sagt: Mach mit mir was du willst. Du wirst schon das Richtige machen. Diese völlige Hingabe - das ist BDSM.“ Jetzt bin ich endgültig in den Bann gezogen und will mir die Spielkammer anschauen. Auf dem Weg dorthin komme ich am Youngblood Stammtisch vorbei. Hier sitzen circa zwanzig jüngere Männer und Frauen im Alter von achtzehn bis dreißig. Sie sind Neulinge in der BDSM-Welt und suchen eine Einführung. Sven, der Leiter des Stammtisches, begleitet mich zur Spielkammer.

Blanke Hintern und lange Peitschen

An der Tür der Spielkammer hängt ein neon blinkendes Stoppschild. Die Spielkammer an sich ist klein, dunkel und mit allerlei sadistischen Möbeln ausgestattet. Eine Multibank, ein Spank-Bock, Haken an der Decke, ein Eimer voller Stangen und Peitschen und eine zehn Zentimeter breite Bambus-Stange, die angeblich nur zur Deko dient. Vier Menschen sitzen auf der Couch und machen rum oder schauen zu.

Foto: Michaela Kobsa
Zum BDSM Spiel gehört unter anderem auch das Fesseln

Inmitten des Zimmers fesselt ein junger Mann sorgfältig seine halbnackte Unterwürfige mit einem Seil. Er wickelt das Seil geschickt um ihre Brust herum und befestigt es an einem Haken an der Decke. Keiner von beiden spricht. Er konzentriert sich auf das Seil, sie senkt demütig den Blick. Ab und zu nimmt er die Hände von dem Seil ab, legt diese auf sie, überprüft ob sie glücklich ist und küsst sie zärtlich. Die Regeln in der Spielkammer sind klar. Die spielenden Parteien müssen aktiv zustimmen und die Grenzen des anderen respektieren. Die Zuschauer müssen leise sein, sich nicht in die Szene einmischen, und ja niemanden begrapschen. Jetzt beginnt eine neue Szene. Ein Mann liegt mit blankem Hintern an eine schwarze Bank gefesselt, während eine Frau und ein Mann ihn mit 1,5 Meter langen Peitschen übelst zurichten. Er schreit, völlig erregt. Die zwei Doms lachen, halten manchmal an, um zu checken, ob er es genießt, und peitschen dann mit voller Lust weiter. Sven und ich setzen uns auf die Multibank und schauen zu.

Foto: Michaela Kobsa
Die Schmerzgrenze muss jeder für sich selbst festsetzen

Was, wenn was schief läuft?

Offensichtlich steht der Gepeitschte auf Schmerz, und die beiden anderen genießen es ihm diesen Schmerz zuzufügen. In dieser Situation sind Zustimmung, Lust, und Kommunikation sehr präsent. Aber ich bezweifle, dass das immer der Fall ist. Sven stimmt mir zu. Es gibt überall Menschen mit bösen Absichten, die andere manipulieren wollen. Sie denken, beim BDSM kann man dem anderen antun was man will, nicht was beiden Parteien gefällt. Es gibt einige Irrglauben zu BDSM und "Fifty Shades of Grey" hat dabei wenig geholfen. In den Worten des bösen Wolfes: "Das ist der grässlichste Scheiß, den ich je gehört hab." In Fifty Shades werden nicht die Grundpfeiler des BDSM, Zustimmung, Kommunikation und positive Sexualität, vermittelt. Stattdessen geht es um einen psychisch Kranken und um eine Frau, die leidet, um ihn zu heilen. Aber schön, dass Mr. Grey reich ist. "Würde er in einem Anhänger wohnen, wäre es Vergewaltigung“, fügt ein Stammkunde hinzu.

Foto: Michaela Kobsa
Das ist ein Flogger

Papa Sven und der sichere Raum

Immer wieder kommt es zu Vergewaltigungen, in denen BDSM als Vorwand genommen wird, um sadistische Fantasien auszuleben. Wenn so ein BDSM-verbundener Fall in Österreich passiert, ruft die Polizei Sven an. Er berät die Polizei, wie man die Situation interpretieren soll, macht primäre Intervention, vermittelt Kontakte und empfiehlt den Betroffenen Therapeuten und Anwälte. Im SMart Café wird er als "Papa" gesehen. Ihm vertrauen die Menschen und er schafft mit dem Café einen sicheren Raum. Besucher, die die Regeln nicht respektieren, werden von ihm entweder ermahnt oder rausgeschmissen. Wenn eine Szene im seltenen Fall schief läuft, greift er, oder einer der Zuschauer, ein. Im Großen und Ganzen verteidigen Papa Sven und die SMart Café Stammkunden ihren Boden vor Bösem. Alle dort fühlen sich wohl und sind sich einig, dass die Horror-Geschichten außerhalb des sicheren Raums des Cafés stattfinden.  

Sven steht auf, er muss zurück zum Stammtisch. Er verabschiedet sich mit den Worten: "Es gibt keine Spielart von Leben und Sexualität, die so anerkennend, rücksichtsvoll, und achtsam ist wie SM. Man ist gezwungen zu kommunizieren, das, was bei vielen nicht-BDSM Beziehungen und sexuellen Beziehungen schief läuft.“ Es ist 3:30, und ich bin zurück im ersten Raum. Ein paar Gäste sitzen noch an den Tischen und unterhalten sich leise. Rotkäppchen und der böse Wolf sitzen noch an der Bar und trinken ihr letztes Glas. Es sieht alles ganz gewöhnlich aus. Ich erinnere mich an Svens Worte: "Letztendlich sind wir wie alle anderen, wir tun nur ein paar verrücktere Dinge." Das Knallen der Peitsche wirbelt noch in meinem Kopf. Und das Bild des Fesslers und seiner Geliebten, die freischwebend in der Luft hing. Im Endeffekt wollen hier alle nur mit anderen in Kontakt kommen. Manche durch das Zufügen von Schmerz, andere durch Unterwürfigkeit, andere durch haarige, stinkige, schmutzige Füße.

 

Info Box:

BDSM: Bondage-Discipline, Dominance-Submission, Sado-Masochism. Eine Aktivität mit einem ungleichen Machtverhältnis, in der eine Partei dominiert und die andere unterwürfig ist.

Spiel: beschreibt die Aktivität, in der das ungleiche Machtverhältnis ausgeübt wird, zum Beispiel durch Tätigkeiten wie Peitschen oder Fesseln.

Dom: Die Person, die im Machtverhältnis dominiert.

Sub/Devotee: Die unterwürfige Person im Machtverhältnis. Diese Person hat die Möglichkeit das Spiel jederzeit zu beenden.

Zustimmung und Kommunikation sind die wichtigsten Voraussetzungen für das Spiel. Beide (oder mehr) Parteien müssen ihre Vorlieben und Grenzen sehr präzise verdeutlichen. Vor dem Spielen müssen beide Seiten aktiv zustimmen und die Grenzen des anderen respektieren. Der oder die Sub darf ein Safe Word, zum Beispiel, "Mayday!" benutzen, um das Spiel abrupt zu beenden.

Halsband: Ein Symbol für Unterwürfigkeit in einer Meister/Sklaven-Beziehung. Das ungleiche Machtverhältnis wird nicht nur im Spiel, sondern auch im Alltag ausgeübt.

 

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