Hip Hop Queens- Frauenpower aus dem Untergrund

19. Januar 2012

 

Wer glaubt, dass Hip Hop nur etwas für harte Kerle ist, der hat sich getäuscht. Auch Mädels wollen in der Szene mitmischen und haben es dabei nicht immer leicht. Esra und Valbona versuchen sich einen Platz im Leben und auf den heimischen Hip Hop Bühnen zu erkämpfen.

 

Ein kleines verstecktes Kellerlokal mitten im dunklen, nassen Wien. Schon vor dem Eingang fühlt man den Bass, der dumpf durch den Asphalt bis auf die Straße dringt. Nur die Pfiffe und Jubelschreie des Publikums sind noch lauter und lassen erahnen, was sich dort im Untergrund abspielt. Eingezwängt zwischen Barhockern, Mischpult und PA Boxen feiern dutzende Hip Hop Fans ihre „Stars“ des Underground: EsRap und Valbona. Die beiden Rapperinnen performen gemeinsam mit Esras Bruder Enes Songs wie „Ein Leben“ oder „Was ist Wien?“ und scheinen damit genau den Nerv des Publikums zu treffen. Die Luft ist heiß, stickig und getränkt von groovigen Beats, zu denen die Köpfe und Hände der Zuhörer wippen. Die beiden Rapperinnen feuern die Leute an und kündigen den nächsten Track an. Aus den Boxen dröhnt verzerrt „Ausländer!“. Das Publikum erwidert „mit Vergnügen!“ und jubelt. Schreie und Applaus übertönen die bis zum Anschlag aufgedrehte Anlage. Handykameras verfolgen das Spektakel und tanzen im dunklen Zuschaueraum auf und ab, der sich nun endgültig in einen Hexenkessel verwandelt hat. Esra und Valbona sind in ihrem Element.

 

Zurück im Hip Hop Hauptquartier

Einige Tage nach dem erfolgreichen Auftritt sitzt Valbona, tief in eine alte Ledercouch versunken, im Back Bone, einem kleinen Tonstudio der mobilen Jugendarbeit Wien. Das Studio liegt irgendwo mitten im 20. Bezirk, neben Autowerkstätten und Industriehallen, versteckt in einem kleinen Hinterhof. Valbona rollt langsam eine Zigarette zwischen ihren Fingern hin und her und erzählt, wie sie hier mit professioneller Hilfe ihre ersten Tracks aufgenommen hat. „Hier  ist unser Wohnzimmer, unser zu Hause“ erklärt die junge Frau, während sich der Zigarettenrauch langsam Richtung Decke schlängelt. Nachdem sie, als Kind eines Albaners und einer Mazedonierin, mit ihrer Familie so oft umgezogen ist, dass sie nicht mehr genau sagen kann, woher sie eigentlich kommt, scheint sie endlich angekommen zu sein. Ihre Augen wirken nachdenklich unter den braunen Haaren, die ihr tief ins Gesicht hängen und immer wieder streifen ihre Finger über ihren Unterarm, auf dem sie das Wort „Freedom“ tätowiert hat. Wenn man sie nach dem Tattoo fragt, erwidert sie mit einem Achselzucken: „Hab ich selbst gemacht. War ne Dummheit, aber jetzt bin ich froh, dass es da ist.“ Dass das Wort „Freedom“ für die junge Künstlerin mehr ist, als nur ein cooles „Peckerl“, wird einem klar, wenn man ihre Geschichte hört.

 

Ein Leben

Ihr gewalttätiger Vater hat, als sie ein junger Teenager war, ihre Familie und fast ihr Leben zerstört. Schläge und Gewalt waren an der Tagesordnung, bis sie beschloss zu fliehen und ihre Familie hinter sich zu lassen. Obwohl es Valbona schwer fällt, darüber zu reden, merkt man ihren Mut und ihre Willenstärke, sich dem Leben nochmals entgegen zu stellen. Selbstbewusst erzählt sie von ihren Zielen, Wünschen, aber auch von ihrer Vergangenheit. Dass sie heute so über ihr bisheriges Leben reden kann, verdankt sie unter anderem der Musik. In ihrem Track „Ein Leben“ verarbeitet sie die Zeit, als sie ein kleines Mädchen war und nichts anderes wollte als ihre Mutter vor den Schlägen des Vaters zu schützen, es aber einfach schaffte.

Abgesehen davon, ist man mit Mitleid bei ihr sowieso an der falschen Adresse. „Ich bin es gewohnt zu kämpfen“ meint sie mit ernstem Blick. „Denn als Frau muss man, vor allem im Hip Hop, alles doppelt so gut können.“ erklärt sie. Und genau diese Herausforderung macht für sie auch den Reiz aus.

Dass sie rappen will, wusste sie schon ziemlich früh und als sie mit ihrer Familie nach Wien kam, wollte sie nichts Anderes als Musik zu machen und so die Stadt aufzumischen.

„Doch ich habe schnell bemerkt, dass ich nicht das einzige Mädchen bin, dass rappt“, seufzt sie mit einem Augenzwinkern und blickt zu ihrer Sitznachbarin.

 

Esra, die große Schwester

Die alte Ledercouch teilt sie sich mit Esra. Die 21 jährige gebürtige Türkin bildet gemeinsam mit ihrem Bruder Enes die Hip Hop Crew EsRap und ist seit über 3 Jahren in der Wiener Szene aktiv. Bei EsRap sieht man, dass auch ein Rollentausch funktionieren kann: Enes, der Bruder, singt und Esra rappt.

Auch Esra hat damals ihren ersten Track im Back Bone - Tonstudio aufgenommen und seitdem ging es mit der Karriere als Musikerin steil bergauf. „Früher war ich ein schüchternes Mädchen, ich konnte nicht mal ein Referat in der Schule halten. Ich war so nervös, dass sogar die Lehrerin gemeint hat, dass ich mich wieder setzen soll.“ Doch dann hat sie begonnen Texte zu verfassen, um ihre Gedanken auszudrücken. Am Anfang nur Gedichte. Und als sie dann die Beats, den Rhythmus und das Fieber für Hip Hop inhaliert hat, wurden daraus die ersten Tracks. Und jetzt, drei Jahre danach, steht sie mit beiden Beinen im Leben. Aus einem Mädchen, das in der Schule nie gute Noten hatte, weil sie niemand gefördert hat, ist nun eine selbstbewusste junge Frau geworden, die Jus und Kunst studiert und nebenbei auch noch ziemlich erfolgreich Musik macht. „Durch Rap habe ich gelernt mich auszudrücken. Es hat mich stärker gemacht.“

Esras Augen beginnen zu funkeln, wenn sie davon spricht, dass sie auf bei Liveauftritten sich selbst und die Menschen rundherum vergessen kann. Valbona stimmt ihr zu. „Auf der Bühne zu stehen, heißt frei zu sein.“ „Rappen, heißt frei zu sein.“, murmelt Esra nachdenklich.

 

Kindischer Gangsterrap

Von Gangstern, die mit großer Klappe von ihrer Hood und ihrem harten Leben im Park rappen, halten die Beiden allerdings wenig. „Das ist doch kindisch“ lacht Esra. „Klar kann das Leben in den Außenbezirken in Wien hart sein, aber wir sind doch nicht in der Bronx oder in Chicago“ fügt Valbona dazu. Konflikte mit anderen, meist männlichen Rappern, kennen beide. „Aber wir regeln das auf der Bühne.“ Wenn es jemand wagt, sie herauszufordern, wird er kurzum einfach zugetextet und niedergebattelt, denn da stellt sich schnell heraus, wer wirklich ein Vollblut Rapper ist, oder nur nur ein paar platte Sprüche über Frauen, Waffen und protzige Autos drauf hat.

 

Kein Bock auf Blockstars

Was Valbona und Esra aus ihrer noch jungen Karriere machen wollen, ist ihnen selber noch nicht ganz klar. „Anderen helfen, so wie mir geholfen wurde“ meint Esra, die gerade an ihrem Debütalbum arbeitet. „Ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass es schwer ist mit Musik Geld zu verdienen.“ erklärt Valbona, weshalb sie auch vielleicht nebenbei studieren will. Und obwohl sie nichts lieber machen würden, als zu rappen, können sie mit Sidos neuer Castingshow „Blockstars“ nichts anfangen. „Wir wollen uns nicht verkaufen. Auch wenn man dann auf einer größeren Bühne steht.“, meinen die Beiden. Außerdem beweisen sie, dass man auch ohne Fernsehshow erfolgreich sein kann. Bis nach Berlin haben die zwei Künstlerinnen es schon geschafft, die Konzerte werden immer mehr und im Studio wird schon wieder fleißig an neuen Tracks gearbeitet um dem Erfolg noch ein Stück näher zu kommen. Denn, dass Frauen im Hip Hop nicht immer nur knapp bekleidete Tänzerinnen in aufgemotzten Hip Hop Videos sein müssen, zeigt sich wenn man die Platten des heimischen Hip Hop Marktes durchfortstet. Während Künstlerinnen wie Esra und Valbona gerade dabei sind, an ihrem Durchbruch zu arbeiten, gibt es Frauen, die diesen in der Hip Hop Szene schon geschafft haben. Weibliche Rapperinnen wie von der Crew MTS (Mutlitaskingsistas) oder Mieze Medusa sind schon über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und vielleicht folgen bald Esra und Valbona. „Mal sehen was kommt“ grinst Valbona und zündet sich noch eine Zigarette an.

 

von Marian Smetana

Foto: Markus Hollo

 

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Kommentare

 

super geschrieben. ich bin dein fan.

 

Danke Frau Chef!!

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