Ich bin das Kind einer arrangierten Ehe

04. Dezember 2019

arrangierte ehe
Die Autorin (heute 21) und ihr Vater.

Ihre Eltern wurden als Teenager in der Türkei arrangiert verheiratet. biber-Stipendiatin Sueda Altinay hat mit ihrem Vater über seine Ehe und das „Lieben Lernen“ gesprochen. 

Von Sueda Altinay, Fotos: Privat 

"Mir war bewusst, dass meine Eltern beleidigt und gekränkt wären, wenn ich mich geweigert hätte. Die Vorstellung, mit einer Frau verheiratet zu sein, erweckte eine Neugier in mir. Ich denke aber nicht, dass ich mir tatsächlich bewusst war, welche Verantwortung eine Ehe mit sich bringt. Ich war zu dem Zeitpunkt der Verlobung ja erst 16 Jahre alt“, erzählt mein Vater heute. Er kam Ende der Siebziger, als er elf Jahre alt war, als Sohn türkischer Gastarbeiter nach Wien. Sich an die neue Kultur zu gewöhnen, war besonders für seine Eltern, die in einem türkischen Dorf ca. 150 Kilometer von Istanbul entfernt aufgewachsen sind, eine Herausforderung. Seine Eltern beschreibt er als streng und konservativ.
Um jeden Preis musste die Tradition behütet werden – auch in Österreich. Die Kinder durften nicht vergessen, dass sie Türken und Muslime waren. Die Erhaltung der Werte war meinen Großeltern besonders wichtig. „Als mein Onkel damals eine österreichische Freundin hatte, mit der er später eine Familie gründete, wollte meine Mutter vermeiden, dass ich auch ein Verhältnis mit einer Österreicherin anfange“, erinnert sich mein Vater.

MAMA KUPPELT 

Die Angst der Eltern, das Kind könne „gottlos“ werden oder „vom rechten Weg abkommen“, war groß. Mein Großvater war zu diesem Zeitpunkt 65 Jahre alt. Meine Großmutter war bereits seine dritte Frau. Sein größter Wunsch war, die Heirat und die Gründung einer eigenen Familie seines Sohnes miterleben zu dürfen. „Mein Vater wollte unbedingt Enkelkinder haben“, erzählt mir mein Vater. Also setzte sich meine Großmutter das Ziel, nach einer potenziellen Ehefrau für meinen minderjährigen Vater, damals 16 Jahre alt, zu suchen und nahm das ganze Arrangement in die Hand – damals war es in der Türkei üblich, dass die Mutter die Kupplerin spielte. Man bedenke aber, dass er zu der Zeit schon fünf Jahre in Österreich lebte. Wie das für einen Teenager war, ein fremdes Mädchen zu heiraten? Überhaupt als Teenager zu heiraten? 

All das wollte ich von ihm wissen, und freute mich umso mehr, dass er sich tatsächlich für ein Interview mit mir bereiterklärte. Immerhin wurde das Thema „Zwangsheirat“ ja noch im letzten Wahlkampf hochgekocht. Mein Vater betont aber mehrmals, ihre Ehe sei keine Zwangsehe gewesen. Bei einer Zwangsehe würden die Brautleute ohne Zustimmung vermählt werden, bei einer arrangierten Ehe werden potentielle Partner einander über Vermittlung vorgestellt. Hätte er oder meine Mutter der Eheschließung nicht zugestimmt, hätte sie niemand dazu gezwungen, wie er erzählt. Verspürte er aber seitens Eltern den Druck, ihrem Wunsch folgen zu müssen? Als ich ihn das frage, zögert er mit der Antwort, und nickt dann zustimmend. Es war einfach der Status quo. 

Die älteren Generationen in der Türkei haben sich größtenteils nur über verwandtschaftliche Vermittlungen vermählt. Liebesehen waren eher unkonventionell und wirtschaftlich nicht von Vorteil. Beziehungen oder gar das „Daten“, wie wir es heute kennen, gab es - zumindest in den ländlichen Gebieten der Türkei – zu dieser Zeit einfach nicht. Dass die Eltern bei der Partnerwahl ihres Kindes „mitmischen“, war mehr Regel als Ausnahme. So war es auch bei meinen Eltern. 

„ES GIBT EINEN JUNGEN MANN AUS WIEN, DER UM DEINE HAND ANHALTEN MÖCHTE“.

„In den Sommerferien 1985 sind wir in die Türkei gefahren. Meine Mutter verkündete offen in der Ortschaft, dass sie nach einer Ehefrau für mich suchen würde. Durch Freunde, Familie und den Bekanntenkreis sind wir relativ schnell fündig geworden.“ 

Sie, zwei Jahre älter als er, schlank, schwarze Locken - die Frau, die eines Tages meine Mutter werden würde. Sie war damals 18 Jahre alt und ein guter "Fang". Sie arbeitete ehrenamtlich als Lehrerin – und stammte aus demselben Dorf wie mein Vater. Als die beiden einander vorgestellt wurden, fand mein Vater sie hübsch und war durchaus interessiert, wie er sich erinnert. Meine Mama hingegen war anfangs skeptisch. Ihr Vater, also mein Großvater mütterlicherseits, hatte ihr damals verkündet: „Es gibt einen jungen Mann aus Wien, der um deine Hand anhalten möchte. Er ist der einzige Sohn der Familie. Es würde dir sehr gut bei ihnen gehen.“ Dennoch war sie unsicher. Fremder Mann, fremdes Land – das schien alles so unsicher und weit weg. Aber sie wusste, dass ihre Eltern es gut mit ihr meinten und stimmte einem Treffen mit meinem Vater zu. Nach diesem Treffen legte sich allmählich ihre Unsicherheit. 

Nach einem Monat Kennenlernphase fand die Verlobung statt. Noch im selben Sommer. In einem großen Saal, mit Gästen und allem Drum und Dran. Als verlobter junger Mann kehrte mein Vater nach den Sommerferien nach Wien zurück und ging hier noch zwei Jahre lang zur Berufsschule. „Meine Klassenkameraden wussten nichts von meiner Verlobung. Ich hatte auch keine Freunde, mit denen ich darüber geredet habe. Ich war ein sehr braver Junge, wenn ich nach 21 Uhr nach Hause kam, hatte ich mit Schwierigkeiten zu rechnen.“ Meine Mutter blieb in der Türkei. 

„WIR HATTEN JA KEIN INTERNET“ 

Ein ganzes Jahr über schrieben meine Eltern sich Briefe und lernten sich so besser kennen. „Es hat zwischen uns von Anfang an gefunkt“, erinnert sich mein Vater. „Diese Kennenlernphase aber war sehr wichtig. Auch wenn man sich das heute nur schwer vorstellen kann, aber so lernten wir uns nach und nach kennen und irgendwann auch lieben.“ 

Dennoch meint mein Vater, dass es keine Liebe auf den ersten Blick war. Diese entwickelte sich erst mit der Zeit. Nach einem Jahr Briefkontakt fand dann die Hochzeit statt, wieder in den Sommerferien, wieder in der Türkei. Nach der Hochzeit zog meine Mama zu meinem Vater und seinen Eltern, also ihren Schwiegereltern, nach Wien – in eine Wohnung im zweiten Bezirk. Mein Vater hat zu der Zeit eine Lehre als Automechaniker gemacht, sie war vorerst Hausfrau. Als meine ältere Schwester geboren wurde, zogen meine Eltern, damals 20 und 22 Jahre alt, in eine eigene Wohnung. Dort führten sie ein ganz normales Familienleben – und lernten sich nach und nach lieben, wie mein Vater nochmals betont. 

So blieben sie 28 Jahre verheiratet, bekamen drei Kinder und kamen gut miteinander aus – bis sie sich irgendwann auseinanderlebten und trennten. Ich selbst hatte nie den Eindruck, dass die Tatsache, dass meine Eltern arrangiert verheiratet wurden, negative Auswirkungen auf meine Kindheit hatte. Ich hatte das Glück, in einer liebevollen und glücklichen Familie aufzuwachsen. Zudem waren arrangierte Ehen in der türkischen Community einfach lange Zeit gängig. Bloß die Reaktionen meiner österreichischen Klassenkameraden auf die Ehe meiner Eltern zeigten mir, dass es etwas Unübliches war. Fragen wie „Wurden sie gezwungen?“ und dann das gleich darauf folgende „Trägt deine Mutter Kopftuch?“ habe ich mit einem Augenverdrehen beantwortet. Meine Eltern haben sich nie in das Liebesleben ihrer Kinder eingemischt – uns wird bei der Partnerwahl nicht reingeredet. „Ich würde das bei meinen Kindern nie machen, außerdem wäre das ja auch gar nicht mehr zeitgemäß. Ich vertraue schon darauf, dass meine Kinder selbst die Entscheidung treffen können, wen sie in Zukunft einmal heiraten wollen.“, kommtentiert mein Vater. 

Der schmale Grat zwischen arrangierter und Zwangsehe 
Ayse Aktuna, Obfrau der Frauenvereinigung ‚Miteinander Lernen – birlikte Ögrenelim‘. 
„Viele junge Frauen und Männer werden überredet, eine Ehe zu schließen. Wenn der Druck so stark ist, dass man sich nicht klar und deutlich weigern kann, dann ist das auch eine Art von Zwangsehe“, sagt Mag. Ayse Aktuna, Obfrau der Wiener Frauenvereinigung ‚Miteinander Lernen – birlikte Ögrenelim ‘. Außerdem, so Aktuna, seien Männer genauso davon betroffen wie Frauen. Männer aber hätten im Gegensatz zu Frauen keine großen Schwierigkeiten, ihre Freiheiten auszuleben. Da sie nicht unter strenger Kontrolle wie die weiblichen Familienmitglieder stehen, hätten viele von ihnen auch Beziehungen mit Frauen außerhalb der Community. Wenn diese „verbotenen“ Beziehungen dann ans Licht kommen, schreitet laut Aktuna oft die Familie ein: Sie fordert eine sofortige Trennung des Paares und arrangiert eine Ehe für den Sohn oder die Tochter. Allein an den Verein haben sich letztes Jahr 49 Betroffene gewandt. 
GUT ZU WISSEN: Arrangierte Ehe vs. Zwangsheirat Arrangierte Ehe ist eine von den Eltern bzw. den Verwandten initiierte Heirat, in welcher der Ehepartner als Mitglied einer bestimmten strategisch wertvollen Verwandtschaftsgruppe oder sozialen Schicht ausgewählt wird. Beide Eheleute müssen der Ehe zustimmen. Bei fehlender Zustimmung einer oder beider Seiten spricht man von einer Zwangsheirat. 
 
 

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