„ICH BIN KEIN KRIEGSVERBRECHER “

06. Mai 2015

Er ist Ultranationalist und Gründer der serbisch-radikalen Partei. Vojislav Šešelj sorgt auch 20 Jahre nach dem Krieg für Unruhe am Balkan. „Ich bereue gar nichts“, sagt der frühere Četnik-Führer gegenüber biber.


Von Alexandra Stanić

Vojislav Seselj
Foto by Marko Mestrovic
Nach 12 Jahren entlässt das Haager Tribunal den wortgewaltigsten Nationalisten und Politiker des Balkans, Vojislav Šešelj, vorläufig aus der Haft. Schwerkrank, aber formal unschuldig, kehrt der einstige Kriegstreiber nach Serbien zurück und lässt den Balkan seitdem nicht zur Ruhe kommen. Im April zündete er etwa vor laufender Kamera die kroatische Flagge an. Dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag würde er sich nicht mehr freiwillig stellen, sagt Šešelj gegenüber biber. „Da muss man mich schon zum Flughafen tragen.“

biber: Herr Šešelj, sind Sie froh, nicht mehr im Gefängnis zu sein?
Šešelj: Ich war im Gefängnis freier als die Menschen hier in Serbien.

Wie meinen Sie das?
Für mich gab es keine Einschränkungen - abgesehen von der Tatsache, dass ich das Gebäude nicht verlassen durfte. (lacht)



Sie waren ja öfters im Gefängnis - wo war es am schlimmsten?
Ich war vier Monate lang im Belgrader Gefängnis, da war es am schlimmsten, wenn man von den Wohnbedingungen ausgeht. Die waren ganz schrecklich. Dafür ist das Essen in Scheveningen (Anm.der Redaktion: Den Haag) grottenschlecht.

Ist im Krieg alles erlaubt? Wo werden die Grenzen gezogen?
Im Krieg kann nie alles erlaubt sein. Es gibt internationale und humane Gesetze genauso wie Kriegsgesetze.

Haben Sie sich immer an diese Gesetze gehalten?
Immer. Sie sehen selbst - das Haager Kriegstribunal hat es in 12 Jahren nicht geschafft, mich mit irgendeinem Verbrechen in Verbindung zu bringen.

Was bereuen Sie?
Ich bereue gar nichts.

Vojislav Seselj
Tanjug / EPA / picturedesk.com

In Wien leben mehr als 200.000 serbisch-stämmige Migranten. Was halten Sie von der serbischen Diaspora?
Wien ist eine der größten serbischen Städte (lacht). Ich glaube, die meisten von ihnen sind serbische Patrioten, die ihr Heimatland unterstützen - sei es auch nur so, dass sie Freunde und Familie finanziell unterstützen. Diese Unterstützung bedeutet viel für ihre Liebsten, aber auch für den Staat Serbien, denn dieses Geld verbrauchen sie dann wieder in Serbien. Außerdem hat die Diaspora in Österreich während des Krieges geholfen, viele haben sich engagiert.

Wie sieht Serbiens Zukunft aus?
Die Zukunft ist ganz klar radikal. Unsere Partei muss regieren, nur so wird es Serbien aus der Wirtschaftskrise und der sozialen Armut schaffen.

 

Vojislav Seselj
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Was halten Sie von Putin?
Er ist ein serbischer Freund und erfolgreicher Staatsmann. Ich unterstütze ihn voll und ganz.

Haben Serben während des Balkankrieges Verbrechen begangen?
Es gab sowohl Serben als auch Kroaten, muslimische Bosnier und Albaner, die Gräueltaten begangen haben und wir verurteilen alle. Aber wir sind dagegen, dass die serbischen Verbrechen größer gemacht und gleichzeitig die Verbrechen der Nicht-Serben relativiert werden. Die Anzahl der serbischen Opfer wird minimiert, die unserer Feinde maximiert.

Was denken Sie über Srebrenica?
Srebrenica war ein großes serbisches Verbrechen, daran besteht kein Zweifel. Aber dieses Ereignis wurde vom Westen inszeniert.

Warum hätte der Westen das tun sollen?
Das Ziel dieser Inszenierung war es, einen möglichst großen politischen und moralischen Schaden am serbischen Volk anzurichten.

War Srebrenica ein Genozid?
Nein, Srebrenica kann man nicht als Genozid bezeichnen. Es gibt eine klare Formulierung, was unter einem Genozid zu verstehen ist. Es war ein Verbrechen gegen Kriegsgefangene, aber auch hier wurde die Anzahl der Toten aufgeblasen.



Das Massaker in Srebrenica gilt als schlimmstes Kriegsverbrechen in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Srebrenica war 1993 zur UNO-Schutzzone erklärt worden, am 11. Juli 1995 fiel das Gebiet in die Hände der bosnisch-serbischen Truppen. In den folgenden Tagen wurden rund 8.000 bosniakische Männer und Buben ermordet. Ende Februar 2007 bewertete der Internationale Gerichtshof das Massaker als Genozid.



Vojislav Seselj
Foto by Marko Mestrovic

Wird Ihnen auch etwas zu Recht vorgeworfen?
Ja, ich wurde aus einem guten Grund angeklagt, denn ich war ein großes Problem für die westlichen Mächte in Belgrad. Außerdem war ich Ðinđic (Anm. der Redaktion: Ðinđic war serbischer Ministerpräsident) ein Dorn im Auge. In ihrem Buch gibt Carla del Ponte zu, dass Ðinđic von ihr verlangt hat, mich festzunehmen: „Führ Šešelj ab und bring ihn nicht mehr zurück!“

Haben Sie serbische Soldaten und Zivilisten gegen Muslime und Kroaten angestachelt?
Nein, ich habe von Anfang an klar gestellt, dass kein Verbrechen gegen Zivilisten und Kriegsgefangene vollzogen werden darf. Es gibt genug meiner Reden, die das beweisen.



Laut Anklage soll Šešelj Kriegspropaganda betrieben haben. In seinen aufrührerischen Reden soll er serbische Soldaten angestiftet haben Verbrechen an Nicht-Serben zu begehen und sie ermutigt bei der gewaltvollen Gründung „Großserbiens“ mitzuwirken. Diese Verbrechen wurden „mit besonderer Gewalt und Brutalität“ durchgeführt. 1992 hielt er in der bosnischen Stadt Mali Zvornik eine seiner Reden, in der er seine „Četnik-Brüder“ anstachelt, Bosnien-Herzegowina ethnisch zu säubern.

 

Sie kennen Ihre Anklage sicher besser als jeder andere, aber gerade das wird Ihnen vorgeworfen.
Ja, aber dafür gibt es keinen einzigen Beweis. Hätten Sie mich verurteilen können, würden Sie damit nicht 12 Jahre lang warten.

Vojislav Seselj
Er ist sich sicher.

Wie viele Menschen haben Sie auf dem Gewissen?
Keinen einzigen. Keiner ist meinetwegen gestorben.


Dem Nationalisten wird vorgeworfen, für die Ermordungen in Vukovar (261 Personen), Sarajevo Umgebung (56 Personen), in Mostar (106 Personen), in Nevesinje (53 Personen) und Zvornik (über 340 Personen) verantwortlich zu sein. Außerdem wird er angeklagt, Zivilisten in Lagern unter unmenschlichen Bedingungen gefangen genommen zu haben.
 

Haben Sie vor nach Den Haag zurückkehren?
Nicht freiwillig.

Wird Sie der serbische Premier Aleksandar Vučić festnehmen lassen?
Ja, wird er. Es ist nur eine Frage der Zeit. Aber er wird mich schon zum Flughafen tragen müssen.

Was halten Sie von Jovan Divjak, dem einzigen serbischen General in der bosnischen Armee? Viele Bosnier feiern ihn als Helden, weil er Sarajevo gegen die serbischen Angriffe verteidigt hat.
Divjak ist ein serbischer Verräter, der aufgrund illegaler Affären angeklagt hätte werden sollen. Um dem zu entgehen, ist er auf die muslimische Seite gewechselt.

Unsere Redaktion hat Kontakt zu ihm. Als er gehört hat, dass ich ein Interview mit Ihnen führen werde, hat er uns gebeten, Ihnen ein paar Fragen zu stellen. Sind Sie damit einverstanden?
Ich bin ganz Ohr.

Wem geben Sie die Schuld an der Ermordung von 1600 Kindern in Sarajevo von 1992-1995?
Die meisten Kinder wurden von den muslimischen Streitkräften ermordet - sowohl bosnische, als auch serbische. Aber ja, es stimmt. Es sind auch viele muslimische Kinder gestorben, eine Granate sucht sich ihr Ziel eben nicht aus.

Was haben Ihre Einheiten in Sarajevo getan und warum?
Ich hatte keine eigenen Einheiten, aber Freiwillige der serbisch-radikalen Partei, die heldenhaft gekämpft haben. Sie haben gesiegt, aber kein Verbrechen begangen. Hätte Divjak etwas Konkretes gegen die Freiwilligen in der Hand, hätte er schon längst als Zeuge vor dem Tribunal ausgesagt.

Wie fühlt es sich an, ein Verbrecher gegen die Menschlichkeit zu sein?
Ich fühle mich blendend. (lacht) Denn ich bin angeklagt, aber noch wurde nicht bewiesen, dass ich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen habe. Ich bin stolz auf meine Haager Anklage und auf meine Verteidigung. Ich habe bewiesen, dass ich fähiger bin als jeder Anwalt, der dort vor Gericht war. Ich habe die Anklage in der Luft zerrissen.

 

Vojislav Seselj
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Er wird verantwortlich gemacht für: Folter, Raub, Prügel, sexuelle Übergriffe, die Zerstörung ganzer Dörfer und die Aufrechterhaltung von unmenschlichen Lebensbedingungen an Kroaten, Muslimen und anderen nicht-serbischen Zivilisten, die von serbischen Soldaten in Gefangenschaft gehalten wurden.
 

Aber dafür sind Sie für viele das Sinnbild von Hass und Nationalismus. Wieso ist das so?
Die Leute auf der Straße begrüßen mich, wollen mir die Hand schütteln und Fotos mit mir machen - vor allem hübsche Frauen. Ich bin nicht das Gesicht des Hasses, ich bin das Gesicht der Liebe.

Sind Sie ein Kriegsverbrecher?
Nein, ich bin kein Kriegsverbrecher. Aber wie ist Ihre Meinung denn dazu?

Ich bin hier, um die Fragen zu stellen. Können Sie mir erklären, warum Sie die kroatische Flagge angezündet haben?
Ich hatte Lust dazu.

 

Vojislav Seselj
Foto by Marko Mestrovic

Aber aus welchem Grund?
Sehen Sie sich die Welle an Reaktionen an, ganz Kroatien war in heller Aufruhr.

Verabscheuen Sie Kroatien wirklich so sehr?
Nein, ich verabscheue niemanden. Sie sind unsere politischen Rivalen, während des Krieges waren sie unsere Feinde. Außerdem agieren sie weiterhin anti-serbisch. Seitdem ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, greifen mich kroatische Politiker an. Meinen Sie, ich hätte mich nicht wehren sollen? Ich habe den perfekten Weg gefunden.

1991 sagte Šešelj in einer Fernsehsendung, er würde jedem Kroaten am liebsten „mit einem rostigen Löffel die Augen auskratzen.“

Hätten Sie etwas dagegen, wenn einer Ihrer Söhne eine kroatische Freundin hätte?
Nein, gar nicht. Aber nur deswegen nicht, weil ich ihr mit der Zeit klarmachen würde, dass sie eigentlich Serbin ist. Mit schönen Worten, nicht unter Druck.

Sind kroatische und muslimische Bosnier „in Wirklichkeit“ Serben?
Ja, natürlich. Es gibt katholische Serben, muslimische Serben… Was sind Sie denn?

Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen.
Na und? Haben Sie deswegen kein serbisch-nationales Bewusstsein?

Wenn ich mich deklarieren müsste, dann als serbische Bosnierin.
Wie kann es sein, dass du dich deiner Nationalität entsagt hast - Bosnierin? Warum sollte es das Land Bosnien-Herzegowina überhaupt geben?

Vojislav Seselj
Foto by Marko Mestrovic

Seine Idee von Großserbien umfasste das kroatische Slawonien und die Krajina, Montenegro, den Kosovo und Bosnien-Herzegowina.

Wieso nicht?
Wenn jemand die gleiche Sprache spricht, gehört er der gleichen Nation an, das heißt: Jeder, der Serbisch spricht, ist Serbe. Genau aus diesem Grund gibt es katholische, orthodoxe, muslimische, albanische Serben.

Nur um das richtig zu verstehen: Wir alle sind also Serben.
Genau, wir sind ein Volk, das sich gegenseitig gerne abschlachtet.

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Zur Person:

Vojislav Šešelj ist Gründer und Vorsitzender der serbisch-radikalen Partei, nationalistischer Politiker und Jurist. 2003 stellte er sich dem Haager Kriegstribunal, dort musste er sich wegen Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und der serbischen Provinz Vojvodina während des Balkankriegs verantworten. Im November 2014 ist er nach 12-jähriger Haft aufgrund seines voranschreitenden Krebses vorübergehend ohne Urteil freigelassen worden.

 

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