"Ich bin nicht so eine"

01. Juni 2021

Credit: Zoe Opratko
Credit: Zoe Opratko

Kaum ein Satz löst unter jungen Menschen mehr Unbehagen aus als: „Ich schwöre, ich bin nicht so eine.“ Doch zwischen Dilara-Memes und lustigen TikTok-Videos verbirgt sich der traurige Ursprung: Sexismus und eine Doppelmoral, von der niemand profitiert.

Von Aleksandra Tulej, Fotos: Zoe Opratko

Frauen, die mit ‚Ich bin nicht so eine!‘ ankommen, sind dann im Endeffekt genau so eine“, erzählt der 25-Jährige Aziz* augenrollend. „Sie macht einen auf heilig und dann lutscht sie eh“, lacht er. Er ist genervt davon, dass Frauen, die er datet, nicht einfach ehrlich sein können, was ihre sexuelle Vergangenheit angeht. Aber er zeigt sich auch schnell einsichtig: „Im Ernst jetzt: Ich weiß ja, dass viele Frauen diesen Satz sagen, um sich selber ein reines Gewissen zu machen. Sex wird gesellschaftlich als etwas Schmutziges bei der Frau angesehen – anders als bei Männern. Und wegen dieses Duktus der Gesellschaft wollen sich Frauen dann eben davon distanzieren.“

WAS IST DENN „SO EINE“?

„Bitch, ist klar. Du bist ein Engel und ich nur ein Wichser. Sag, was du willst, aber red keine Scheiße‚ ey, ich schwör: Ich bin nicht so eine!‘“, singt der Deutschrapper Fard in seiner Single mit dem klingenden Titel „ich bin nicht so eine.“ Rapperin Shirin David hingegen reimt in ihrem Song „90-60- 111“ die Zeilen: "Ich bin nicht so eine - doch, genau so eine bin ich.“ Dieser Konflikt ist alt wie die Menschheit. Oder zumindest so alt, wie Frauen offen über ihre Sexualität sprechen. Was damit einhergeht: Slut-Shaming ist überall präsent. Erwachsene Frauen kennen es ebenso wie jugendliche Mädchen. Frauen werden auch im Jahr 2021 noch in die „Heilige oder Hure“-Schubladen gesteckt. Doch vor allem unter jungen Menschen in migrantischen Communities wird diese Schiene noch einmal stärker bedient. Seit Monaten erobern Dilara-Memes deutschsprachige Instagram- und TikTok-Kanäle. Zur Erklärung: Der Name Dilara wurde durch das Internet zum überspitzten und humoristischen Prototyp einer migrantischen Frau, die stark geschminkt in der Shisha-Bar abhängt, auf Typen mit Mercedes-AMG abfährt und vor allem lautstark skandiert, dass sie „nicht so eine“ sei.

 

MAN SETZT MIT DIESEM SATZ VORAUS, DASS ANDERE FRAUEN BILLIG‘ UND SOMIT ‚SCHLECHT‘ SIND.

„So eine“ ist eine Frau, die bereits mit mehreren Männern Sex hatte. Eine Frau, die One-Night-Stands hat, und die laut Männern „leicht zu haben“ ist. Indem Frauen diesen Satz sagen, wollen sie sich rechtfertigen, dass sie eben nicht „so eine“ sind. Männer sind von dieser Aussage genervt, Frauen genauso. Was beide Geschlechter aber oft nicht erkennen, ist, dass sie unter einem Konstrukt leiden, an das sie von klein auf gewöhnt wurden. Denn hinter dem Augenrollen und der humoristischen Verarbeitung steckt etwas viel Tieferes.

„Das ist ja nichts anderes als internalisierte Misogynie“, erklärt Sexualpädagogin Magdalena Heinzl. „Man setzt mit diesem Satz voraus, dass andere Frauen ‚billig‘ und somit ‚schlecht‘ sind, und man sich deshalb von ihnen abgrenzen müsse – und sich damit als eine Art Superfrau darstellen kann.“ Im selben Atemzug werden Frauen, die Sex vor der Ehe hatten, aber dann auch in manchen Kreisen nicht mehr als „Heiratsmaterial“ angesehen werden. Daran sind laut Heinzl Geschlechterrollen schuld, die in konservativen Gesellschaften verinnerlicht sind – und das durchaus auch in autochthonen Kreisen. „Glaubenssätze wie: ‚Ein Mann muss eine Frau erobern – oder: Was macht Männlichkeit und Weiblichkeit aus?‘ sind da einfach sehr tief verankert“, erklärt Heinzl. Es braucht laut der Sexualpädagogin Diskursräume, in denen man diese Glaubenssätze dekonstruieren kann, gute Vorbilder und generelle Akzeptanz von Lebensentwürfen, die nicht die eigenen sind.

 

DER DRUCK, „REIN“ ZU SEIN

In der Praxis sieht es vor allem unter jungen Menschen aber anders aus. Der Satz „ich bin nicht so eine“ wird als eine Art Schutzschild aufgebaut. „Dieser Satz wurde schon so ins Lächerliche gezogen“, erzählt die 22* Jährige Shirin. „In Wahrheit ist das aber einfach der Druck, dass man „rein“ bleiben muss. Das hat irgendwann dazu geführt, dass vor allem junge Migrantinnen ihre Reinheit beweisen müssen.“ Shirin ist Maghrebi – nähere Angaben zu ihrer Herkunft möchte sie nicht machen, die Community ist zu stark vernetzt. Und zeigt sich ein weiterer verhängnisvoller Konflikt. Shirin war seit ihrer frühen Jugend bewusst, dass sie so wenig wie möglich von ihrem Leben preisgeben darf. „Deshalb habe ich dann begonnen, ein Doppelleben zu führen.“ Shirin hat seit drei Jahren einen österreichischen Freund, ihre Eltern wissen nichts von ihm. „Ich denke aber, dass wenn sie es herausfinden würden, das größte Problem für meine Eltern wäre, dass in unserer Community viel geredet wird.“ Shirin* ist genervt von der stetigen Doppelmoral: Männer verurteilen Frauen, wenn diese mehrere Sexpartner hatten, Alkohol trinken oder eben Dinge tun, die innerhalb der Community verpönt sind. Sie hinterfragen aber nicht ihr eigenes Verhalten.

 

NIEMAND SPRICHT ÜBER DIE MÄNNER.

Davon kann die 20-Jährige Mariam ein Lied singen. Mariam kommt aus einem strengen arabischen Haushalt, wie sie selbst sagt. Sie selbst bezeichnet sich als liberal, weiß aber, wie die Regeln innerhalb ihrer Community sind. „Wenn du keine Jungfrau bist, wird dich keiner heiraten.“ Dieser Satz wurde Mariam immer eingebläut. Sie betont aber, dass das kulturell stärker bedingt ist, als religiös. Eigentlich sollte das ja für beide Geschlechter gelten, aber „das betrifft wieder einmal nur uns Frauen“, erzählt Shirin genervt, „denn über die Männer spricht eben keiner.“ Deshalb kann Mariam nicht viel mit Männern aus ihren eigenen Kreisen anfangen. „Die wollen wissen, ob du eh Jungfrau bist,aber dass sie selber schon mit vielen Frauen geschlafen haben, wird verschwiegen oder als irrelevant betrachtet.“

Mariam hat einen österreichischen Freund, mit dem sie auch Sex hat. Davon weiß in ihrer Familie aber niemand. Über Sex spricht Mariam innerhalb ihrer Community nicht. Auch nicht mit ihrer Schwester. „Wenn sie das wissen würde, würde sie mich eklig finden, das weiß ich“, gibt sie zu. Mariam erinnert sich an Gespräche mit Freunden aus ihrer eigenen Community, als in der Runde Aussagen wie: „Hast du gehört, die und die ist keine Jungfrau mehr!“, getroffen und abwertend über ‚solche‘ Frauen geredet wurde. „Und ich sitze dann da und denke mir ‚Ja, und? Ich auch nicht. Ich könnte diese Person sein‘“, so Mariam achselzuckend. Mariam zeigt sich genervt davon, dass viele einfach uninformiert sind, was das Thema Jungfräulichkeit und den Mythos des Jungfernhäutchens anbelangt. Sie selbst wurde von ihrer Mutter zum Frauenarzt geschickt, der nachprüfen sollte, ob sie „eh noch Jungfrau“ ist, obwohl sie Tampons verwendet.

Aber genau deshalb bringt sie Verständnis für Frauen auf, die sich mit der „ich bin nicht so eine“-Aussage rechtfertigen wollen. „Man versucht, sich mit diesem Satz rein zu waschen.“ Mariam kennt aber auch Frauen, die vor der Ehe mit ihrem Freund geschlafen haben, und diesen dann damit erpressen wollten, damit er sie heiratet. Und somit schließt sich der Kreis. Der 27-jährige Cem* zeigt sich verständnisvoll, obwohl auch er den Satz schon mehr als einmal zu oft gehört hat, wie er sagt. „Ich kenne viele von solchen Dilaras. Die wollen dir den Engel vorspielen, aber dann können die im Bett Sachen, wo du dich echt fragst: Woher hast du das?“, lacht er und kritisiert weiter: „Wir wissen ja alle, wie das ist: Wenn du als Frau mit vielen Männern was hattest, dann wirst du als Hure abgestempelt. Das ist traurig und sollte nicht so sein.“ Cem zeigt sich einsichtig: „Wenn ich mich in so eine ‚ich bin nicht so eine‘-Frau hineinversetze, kann ich das durchaus nachvollziehen. Sie wollen sich ja nur selbst schützen.“

 

FRAUEN WOLLEN EIN „CLEAN-IMAGE“ SCHAFFEN

Es gibt aber eben auch Frauen, die diese Normen gar nicht erst hinterfragen. Das kennt die 26-jährige Semsa nur allzu gut aus ihrer mazedonischen Community. Sie kennt Frauen, die vor potentiellen Anwärtern frühere Beziehungen und vor allem aber lockere Affären verheimlichen. „Aus Angst, sie würden sich dann von ihnen trennen oder sie nicht mehr als „so wertvoll“ betrachten, wenn sie die Wahrheit kennen.“ Die Absicht dahinter ist laut Semsa ganz klar ein „Clean-Image“ zu schaffen, so wie sie es eben durch die Community und Erziehung gelernt haben. Dass es oft nicht der Wahrheit entspricht, unfair und sexistisch ist, weil Männer diese Sorgen nicht haben, ist ihnen klar, aber sie bleiben eben in diesen Strukturen gefangen und sehen sich praktisch zum Lügen gezwungen, erklärt Semsa. „Andere Frauen abzuwerten um sich selbst aufzuwerten ist das Ergebnis von konservativen und sexistischen Erziehungsmethoden in bestimmten Communities“, fasst sie zusammen. Das komme nicht von ungefähr: „Eine ‚gute‘ Frau soll nur mit ihrem Ehemann geschlafen haben, sich nicht freizügig kleiden, keine Partys, nicht zu viele Dates - damit sie die Ehre der Familie ja nicht beschämt.“ Schuld daran sind laut Semsa der in der Community tief verankerte Sexismus und die noch immer bestehenden alten Rollenbilder. „Viele Frauen, die Sätze wie diese verwenden, sind vielleicht „nicht so eine“, aber hinterfragen nicht, warum sie das überhaupt zu Typen sagen müssen und ein falsches „Clean-Image“ von sich vorheucheln, in der Hoffnung, besser behandelt zu werden.“ Sie akzeptieren, dass Männer vor ihnen andere Dates oder sexuelle Erfahrungen gemacht haben. Das macht Semsa stutzig: „Warum verlangt niemand, dass das auch umgekehrt so ist?“

Credit: Zoe Opratko
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Alle Bilder wurden für die Geschichte nachgestellt. Es handelt sich auf den Fotos nicht um die Protagonistinnen aus dem Artikel.

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