Ich träume von einer Welt, in der mein Vater mir nicht sagt, ich sollte keinen Muslim daten.

08. Februar 2016
Von Anonym 

Ich träume von einer Welt, in der ich muslimische Männer daten kann. Ob es so eine Welt gibt, ist eine andere Geschichte. Diese Aussage kann umstritten sein. Und schließlich kann es sein, dass ich die falsche Vorgangsweise nehme, um dieses Thema anzugehen. Sie dürfen entscheiden. Mit meinen 25 Jahren, als römisch-katholisch erzogene Frau und als selbstdefinierter langfristiger Beziehungsmensch, habe ich im letzten Jahr Schluss mit meiner bisher längsten dreijährigen Beziehung gemacht und zum ersten Mal verschiedene Männer – darunter zwei Muslime – kurzfristig gedatet. Meine Erlebnisse waren überwältigend positiv. Beide Männer waren sehr aufmerksam, gute Zuhörer, emotional unterstützend und generell gütig. Vielleicht war es nur ein Zufall, aber beide beachteten mich in einer Art und Weise, in der andere Männer, die ich in der Zeit gedatet habe, es nicht getan haben. Und beide Beziehungen waren sehr kurzfristig. Aber das größte Problem in beiden Fällen war: Selbst wenn ich es gewollt hätte, die Beziehungen fortzusetzen, hätten entweder ich oder die andere Person riskiert, von ihrer Familie und ihren Freunden abgesondert zu sein.

Die Vorteile, mit einem muslimischen Mann „fix zam“ zu sein

Kein Alkohol. Obwohl ich selbst gerne feiern geh’, bin ich kein großer Fan von Alkohol. Außerdem habe ich aufgrund eines gewissen Alkoholmissbrauchs, sichtbar in dem männlichen Teil meiner Familie, immer wieder Angst, dass ich mich eines Tages auch mit jemandem finden werde, der Alkoholiker ist. Und auch wenn es nicht viel bedeutet, weil ich immer nur in langen Beziehungen war und daher für mein Alter bisher wenige Partner gehabt habe, hatte ich mit dem ersten den besten Sex meines Lebens.

Die Nachteile

Egal, wie kurz die Beziehungen waren, waren sie beide sehr auf die Ehe fokussiert. Ich spürte schon sehr früh einen gewissen Druck, dass die Beziehung zur Ehe führen sollte, aber ich selbst bin noch nicht sicher, ob ich überhaupt heiraten will. Der erste sagte mir, dass seine Eltern es nicht akzeptieren würden, dass er eine Freundin hat, ausgenommen sie wüssten, dass wir bald heiraten würde. Bei mir zu übernachten war für ihn angeblich nicht möglich. Also schlug er vor, wir könnten uns jahrelang heimlich daten (für mich ein absolutes No-Go). Die Alternative war, Schluss zu machen. Es gab keinen Mittelweg.

Meine Selbstreflexion

Die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit gemacht habe, führten mich dazu, mich selbst in Frage zu stellen anhand der Stereotype über Muslime. Waren die muslimischen Männer (nur zwei in diesem Fall, offensichtlich keine repräsentative Stichprobe) von mir angezogen, weil ich traditionell weiblich, vielleicht sogar unterwürfig bin? Egal, als wie offen ich mich betrachte, wir leben in einer Welt mit vielen Regeln und kulturellen und religiösen Normen, und es kann sein, dass es für mich nie langfristig funktionieren wird, einen muslimischen Mann zu daten. Ich möchte trotzdem anders denken.

Mehr als nur ein Informationsaustausch über mein Liebesleben, ist das Ziel dieses Artikels erstens einen Dialog zu kreieren und ein kontroverses Thema – muslimische Männer – das allzu oft in den Medien stigmatisiert wird, in Frage zu stellen. Muslime und Männer sind eine heterogene Gruppe, und vielleicht lassen sich meine Erfahrungen gar nicht verallgemeinern. Aber ich möchte sie trotzdem ans Licht bringen, und ich will nicht rein wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens darauf verzichten, eine Person romantisch kennenzulernen. Ich träume von einer Welt, in der mein Vater mir nicht sagt, ich sollte keinen Muslim daten. Ich wünsche mir eine Realität, in der niemand – Familie, Freunde, Mitarbeiter – mich beurteilt, weil ich mit einem Mann zusammen bin, der einen ganz anderen Hintergrund als ich hat. Ich sehne mich nach einer Wirklichkeit, in der keine Beziehung scheitert, nur weil sie die Erwartungen anderer Leute nicht erfüllt, in der mir kein Mann sagt, er sollte nur innerhalb von seiner Community daten, weil es ansonsten gar nicht klappen kann. Blauäugig, sagen viele. Ich träume von einer besseren Welt.

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Kommentare

 

auch ich bin christlich erzogen worden, habe derzeit einen muslimischen partner und was soll ich sagen... es funktioniert einfach, weil wir uns gegenseitig respektieren und wertschätzen.
mein freund davor war, ebenso wie ich, viele jahre lang an einer katholischen privatschule, aber heute könnten unsere vorstellung von beziehung und unser generelles gesellschaftsbild nicht unterschiedlicher sein.... man darf nicht vergessen, dass es neben schule und elternhaus noch zahlreiche weitere einflüsse gibt, die einen menschen und sein denken prägen. meine erfahrung hat mich gelehrt, dass die herkunft und die religion eines menschen sogut wie gar nichts über dessen charakter oder einstellung (zb. das frauenbild, arbeitshaltung...) veraten - auf manche treffen die bekannten stereotypen zu, aber auf die meisten nicht.
das entscheidende für eine beziehung (und damit meine ich freundschafts- und liebesbeziehungen gleichermaßen) ist, meiner meinung nach, der wille den anderen zu verstehen und unterschiede einfach zu akzeptieren. ich möchte ehrlich gesagt niemanden an meiner seite haben, der sich wie eine exakte kopie von mir verhält und nur das gut findet, was ich gut finde. im gegenteil, ich finde es spannend, dem verstehen so mancher besonderheiten jeden tag ein stück näher zu kommen.
eltern können einem das (liebes-)leben wirklich schwer machen, da stimme ich zu. schließlich sind auch sie nicht sicher vor allgegenwärtigen klischees und gerüchten. regelrecht bombardiert wird man in letzter zeit, dass selbst dem freidenkendsten, kritischsten zeitungsleser kurz der gedanke kommen könnt "vielleicht stimmts ja doch". doch ich finde es unsagbar ärgerlich und traurig, wenn eine beziehung am konservatismus der eltern scheitert! klar wollen sie ihre "babys" beschützen, aber wenn deine eltern deinen freund aufgrund seiner herkunft oder religion ablehnen bzw. umgekehrt, wenn du aufgrund deiner herkunft oder religion abgelehnt wirst, dann finde ich das in höchstem maße verwerflich! das schönste ist doch für eltern, wenn ihre kinder glücklich sind. zumindest heißt es das immer... vielleicht hilft die konsequente aufklärugnsarbeit und eine begegnung auf augenhöhe um die negativen bilder, die im kopf herumschwirren zu relativieren.
wir sind schließlich alle individuen!

 

Ich frage mich, warum dieser Kommentar nur in Richtung muslimischer Mann + katholische (westliche) Frau geschrieben wird.
Warum wird sich nicht mit der Frage auseinandergesetzt ob es nicht auch umgekehrt, also westl. Mann + Muslima, funktionieren sollte?
Weil, das sollte es nämlich. Tut es aber nicht, weil dann in extremsten Fällen Morde begangen werde. Ehrenmorde an der Tochte/Cousine/Schwester und am Mann, der es gewagt hat, sich mit ihr einzulassen.
DAS ist eigentlich das größere Problem, weil es hier meistens sehr viel mehr Risiko drin ist, weil den Jungs wird es eh gleich einmal verziehen wenn sie sich mit einer Westfrau einlassen umgekehrt nicht. Weil das geht ans Ego. Es geht ja schon ans Ego wenn die Töchter Matura, Studium usw. anstreben und dies oft auch schaffen und die jungen Männer als einziges Ziel einen 7er-BMW haben.
Diese immer größer werdende Diskrepanz zwischen muslimischen Frauen und Männern ist einerseits eine große Chance, andererseits birgt sie aber auch riesigen Sprengstoff.

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