Ich werde Anwalt. Oder Elektriker.

27. November 2018

Generation AMS? Fehlanzeige. Von Elektriker über Kinderarzt bis hin zum Dönerladenbesitzer - wir haben mit SchülerInnen einer vierten Klasse in einer Wiener Mittelschule über ihre Zukunftspläne geredet.

Und jetzt?
Foto: Soza Almohammad

Nach der Vierten mache ich ein Jahr HTL und danach beginne ich eine Ausbildung zum bautechnischen Zeichner“, sagt der 14-jährige Amer. Er hat in den Sommerferien seinem Vater geholfen, ein Haus in Serbien zu bauen – das hat ihm Spaß gemacht, deshalb kann er sich vorstellen, einmal etwas in diese Richtung beruflich zu machen. Sein Klassenkollege Ali möchte auch eine Lehre im Bauwesen absolvieren. „Oder ich mache meine eigene Dönerbude auf, Ali’s Döner“, sagt er zufrieden. Seine berufspraktischen Tage wollte Ali bei einem Dönermann absolvieren. „Mein Vater hat mir dann aber doch geraten, dass ich es lieber bei einem Bauunternehmen machen soll“, sagt der 13-Jährige.

Egal ob Dönerbude oder Bauwesen: Amer und Ali scheinen genau zu wissen, wie sie zu ihrer Lehrstelle kommen. Wo sie sich anmelden sollen, wann und wie. Dabei wird in den Medien über die „Generation AMS“ und die fehlende Zukunftsperspektive von Mitschüler/innen geredet – wir haben direkt bei SchülerInnen der vierten Klasse einer Neuen Mittelschule in Wien nachgefragt, was sie nach diesem Schuljahr machen wollen. Das Ergebnis war geradezu überraschend: Die Dreizehn- bis Vierzehnjährigen haben oft schon einen ziemlich durchdachten Plan für ihre Zukunft. Kreative Ideen inklusive.

Sie wissen, was sie wollen und bleiben dabei realistisch. „Ich wollte zuerst eine Lehre als Konditor machen, weil mein Onkel eine Konditorei hat und so gute Torten macht. Aber dann habe ich erfahren, dass es den Lehrberuf Bürokaufmann gibt – der hat mir gefallen, weil man dort nicht so viel wie beim Konditor machen muss. Es ist körperlich auch nicht so anstrengend“, sagt der 13-jährige Teo. „Ich war mit meiner Klasse beim AMS, wo wir uns ein Video zum Thema Bürokaufmann-Lehre angesehen haben. Das fand ich cool und jetzt bin ich mir sicher, dass ich das machen will“, fügt er hinzu.

Fast alle SchülerInnen aus der Klasse haben Migrationshintergrund, einige sind erst seit einigen Jahren oder gar Monaten in Österreich. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, einmal im Journalismus zu arbeiten, antworten sie „Dafür kann ich nicht gut genug Deutsch.“  Aber dafür spricht so gut wie jedes Kind noch eine andere Sprache, die 13-jährige Ellinor beherrscht sogar vier Sprachen fließend. Deutsch inklusive.

„ICH WERDE ANWALT. ODER ELEKTRIKER.“

Ob Uni eine Option für die jungen Erwachsenen ist? „Ich wäre gerne einmal Anwalt. Oder Elektriker. Aber lieber Anwalt. Da macht man was für Menschen“, sagt Amers Sitznachbar Paul. Dass er dafür zuerst eine Matura an einer weiterführenden Schule braucht, ist ihm bewusst. Auch seine Klassenkollegin Berivan möchte einmal Jus studieren: „Ich will Anwältin werden und Menschen verteidigen“, sagt die eloquente und selbstbewusste 14-Jährige. Ein langes Studium stört sie nicht, ihre beiden älteren Schwestern studieren auch, eine davon Jus.

In Berivans Reihe sitzt Ivana, die Medizin studieren möchte. Und das mit einem konkreten Ziel: Sie will einmal Schönheitschirurgin werden. „Ich liebe die Serie „Keeping Up with the Kardashians“. Sie hat mich auf die Idee gebracht, dass man damit Geld verdienen kann, Menschen zu verschönern“, sagt sie. Sahra ist sich noch nicht sicher, ob sie in die Medizin gehen möchte. „Ich will entweder Kinderärztin oder Kindergärtnerin werden. Eines von beiden“, erzählt sie. Dass sie ihre Kindergärtnerinnenausbildung in einer BAKIP machen muss, weiß sie.

„NA ZWEITAUSEND EURO!“

Ihre Klassenkameradin Melisa will unbedingt einmal in einer Parfümerie arbeiten. Dafür wird sie eine Lehre als Einzelhandelskauffrau machen. „Am liebsten würde ich bei Marionnaud arbeiten“, erzählt sie. Melisas Cousine arbeitet in einer bekannten österreichischen Parfümerie und wird Melisa erklären, was sie alles braucht und wo sie sich um eine Stelle bewerben soll, wenn sie diesen Beruf ausüben möchte. Nuradin und Mustafa wollen Elektrotechniker werden. Auf die Frage, ob sie wissen, wie viel sie später einmal in ihrem Beruf verdienen werden, kommt von Nuradin wie aus der Pistole geschossen „Na zweitausend Euro.“ Die Jungs haben sich schon genau erkundigt.

Ihr Mitschüler Tobias hat seine berufspraktischen Tage bei einem IT-Techniker absolviert. Er liebt es, Computer zu reparieren und sieht seine Zukunft im Bereich der IT. Elli und Lea wollen die dreijährige Fachausbildung an der Modeschule Wien machen. Angemeldet sind sie schon. Die Ausbildung an der Modeschule ist gleichgestellt mit einschlägigen Lehrabschlüssen.

 Auch die restlichen Klassenkollegen von Ali, Tobi, Mert, Melisa und Co. haben schon Vorstellungen, was sie nach der vierten Klasse machen wollen. Die meisten zumindest. Einige schwanken noch zwischen zwei Berufen oder Ausbildungen oder gehen nach der NMS ein Jahr aufs Poly und überlegen dann, was sie später machen werden. „Es ist aber schon ein bisschen blöd, dass wir uns so früh entscheiden müssen, was wir in Zukunft machen wollen“, heißt es seitens der Jugendlichen. Die, die noch keinen Plan haben, sind sich jedenfalls bewusst, dass sie nur noch wenige Monate Zeit haben, um sich zu entscheiden. Aber eines ist sicher: An Motivation und Eifer fehlt es hier nicht.

„AMS IST NICHTS FÜR MICH“

Aber: Egal, ob die jungen Erwachsenen nach der Mittelschule weiter in eine Schule gehen, eine Ausbildung machen oder arbeiten gehen, in einem Punkt ist sich die ganze Klasse einig: „AMS ist nichts für mich.“ Sie alle wollen eine Beschäftigung im Leben haben. „Man glaubt am Anfang, dass es chillig ist, wenn man AMS-Geld bekommt, weil man immer lange schlafen kann. Aber nach einer Zeit wird es langweilig, glaube ich“, sagt Amer. „Außerdem muss man beim AMS immer so lange warten, das ist nichts für mich“, fügt Paul hinzu. Die Jungs sagen alle, dass sie so ein Leben nicht wollen. „Ich glaube, wenn man nichts zu tun hat, wird man einsam und traurig“, sagt Amer, „und begeht irgendwann Selbstmord“, schließt Nuradin ab.

Für sie alle ist klar: Sie müssen etwas für ihre Zukunft tun und haben auch Bock darauf. Egal, ob nun Elektriker, Anwalt, Kindergärtnerin oder Dönermann: Diese Jugendlichen haben nicht nur einen Plan, sondern auch Motivation. Von der Zukunftsperspektive „Von der NMS zum AMS“ sind die Jugendlichen weit entfernt.

 

Bereich: 

Das könnte dich auch interessieren

Und jetzt?
Generation AMS? Fehlanzeige. Von...
MM
Foto: Marko Mestrovic Weil es anders...

Anmelden & Mitreden