Ich will mich nicht schämen!

10. Juni 2015

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Foto: Claudia Rohrauer

Ohne ihre Zustimmung landeten Nacktfotos von ihr im Internet. Die Dänin Emma Holten ist durch die Hölle gegangen. Mit einer ungewöhnlichen Aktion hat sie wieder Macht über ihren Körper zurückgewonnen.

Von Delna Antia

 

Emma Holten war 19, als ihr Computer gehackt wurde und ihre Nacktbilder im Internet landeten. Dort wurden sie verbreitet, kopiert und veröffentlicht. Ihre Versuche Kontrolle über ihre eigenen Bilder im Internet zu gewinnen, scheiterten komplett. Ja, die Dänin wurde sogar verhöhnt. „Warum machst du auch solche Bilder, Bitch?“ war nur eine Reaktion unter vielen. Männer schrieben ihr emails, beschimpften und belästigten sie. „Wissen deine Eltern, dass du eine Schlampe bist?“ „Schick mir mehr davon, sonst zeige ich diese Bilder deinem Chef.“ Bis heute weiß Emma nicht, wer ihre Fotos gehackt hat. Aber im Gegensatz zu anderen Jugendlichen, die an Cyber-Mobbing, Revenge-Porn oder ähnlichem Missbrauch von intimen Fotos im Internet zerbrachen, manche sogar den Selbstmord als einzigen Ausweg wählten, schaffte Emma es, zurückzuschlagen. Sie ließ Nacktfotos von sich machen und veröffentlichte sie selbst im Netz. Und zwar: FREIWILLIG. Das Projekt nannte sie „Consent“ - „Zustimmung“. Die heute 24 Jährige engagiert sich politisch, ist bekennende Feministin und setzt sich für Demokratie und Rechte im Internetraum ein. Biber traf sie im Rahmen der Vortragsveranstaltung „TEDx Donauinsel“ im Mai.

 

BIBER: Emma, hast du jetzt gerade Nacktfotos auf deinem Handy?

EMMA HOLTEN: Nein.

Warum nicht? Angst?

Gar nicht! Ich habe sie nicht am Handy, wahrscheinlich auf meinem Computer.

Sollte ich meine Nacktfotos löschen?

Nein, auf keinen Fall!

Warum nicht? Immerhin hast du damit schlechte Erfahrungen gemacht.

Ja, ich habe schlechte Erfahrungen gemacht. Aber meine Rechte wurden verletzt. Niemand auf der Welt sollte davon ausgehen, dass das passiert. Jemand anderes hat sich falsch verhalten, nicht ich.

Du warst 19, als deine intimen Bilder gestohlen und verbreitet wurden, als du schikanierende Nachrichten bekamst und belästigt wurdest. Wie hast du das überlebt?

Einerseits denke ich, dass ich ein sehr privilegiertes Opfer war. Ich hatte keine Probleme mit meiner Familie und Freunde, die mich unterstützt haben. Überlebt habe ich, indem ich mich politisch engagierte. Ich habe mich nicht auf mich fokussiert, sondern auf das größere Problem. Was mir passiert ist, ist auch tausend anderen passiert.

Wie hast du dich damals gefühlt?

Ich habe mich geschämt. Aber auf der anderen Seite wusste ich: Ich habe nichts falsch gemacht! Zwischen diesen Polen bin ich in meinem Kopf immer geswitcht. Die Fragen „Warum passiert mir das?“ „Warum tun mir die Leute das an?“ brachten mich schließlich in Kontakt mit dem Feminismus. Mein politisches Engagement war ein Weg zu verstehen, was passiert ist.

Was hast du verstanden?

Was mir passiert ist, erlebten Frauen schon vor 10 000 Jahren. Dass die Sexualität der Frau immer wieder als Schande und Scham gesehen wird. Die schlimmste Scham ist ja, wenn du über deine eigene Sexualität Kontrolle verlierst – ohne deine Zustimmung. Wenn du ohnmächtig bist.

Hat dieses Erlebnis dein Vertrauen beschädigt? In Männer etwa?

Mein Vertrauen in Männer nicht, das ist voll in Ordnung. Aber mein Vertrauen in unsere Gesellschaft, meine Rechte zu schützen. Ich war sehr überrascht, dass du so wenig Rechte hast!

Welche Rechte hast du?

So gut wie keine. Du kannst nichts runternehmen lassen, wenn sie nicht wissen, wer es war – außer du bist jemand Berühmtes. Internetseiten sind nicht einmal verpflichtet, die Fotos zu entfernen, auch wenn die Fotos illegal veröffentlicht wurden. „We don’t care!“ habe ich oft als Antwort erhalten.

Seit letztem Jahr gibt es das „Recht auf Vergessen“, das bei Google geltend gemacht werden kann.

Das ist ein gewaltiger Fortschritt. Ich habe den Service sehr erfolgreich genutzt. Aber Google könnte mehr machen, sie haben die Technologie dazu. Zum Beispiel die Bilder auch nachhaltig im Auge zu behalten, sobald sie wieder upgeloadet werden.

Wie hast du die Reaktion der Leute um dich herum erlebt?

Ich war schockiert, wie schlecht unsere Gesellschaft mit Opfern sexuellen Missbrauchs umgeht. Ich hätte mir gewünscht, dass mein Schamgefühl nicht vorausgesetzt würde. Die Leute unterstellen dir, dass du dich schämen, dich selbst verantwortlich machen und vor allem überhaupt nicht erst solche Fotos hättest machen sollen. Das schmerzt und bewirkt, dass du nicht darüber sprechen möchtest. Ich wünsche mir, dass sich das ändert!

Das Hin-und Herschicken von Fotos ist heute total normal – in Momenten des Vertrauens werden auch intime Bilder verschickt. Rätst du davon ab?

Privatsphäre ist ein Recht. Es ist sehr schwierig zu kontrollieren, was eine andere Person mit deinem Bild macht. Aber Publikationen können wir rechtlich kontrollieren. Da müssen wir mit Regierungen reden. Doch die sind sehr langsam und unkreativ, also spreche ich mit Technologie-Start-Ups, ob sie Apps, Reporting-Tools oder Lösungen entwickeln können.

Was würdest du Mädchen sagen, denen Ähnliches wie dir passiert?

Vielleicht: Denk dran, es ist nicht dein Fehler! Du hast das nicht verdient, du warst nicht dumm, es ist nicht dein Fehler.

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