Isolation in Schockstarre: Wenn Corona der Psyche schadet

23. April 2020

Über einen Monat leben wir bereits mit den Ausgangsbeschränkungen. Es ist schon für psychisch gesunde Menschen eine Herausforderung, plötzlich den gesamten Tag in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Für Menschen mit einer psychischen Erkrankung kann es die Hölle bedeuten. 

von Hannah Lea Jutz

“Ich habe gerade keine Tagesstruktur, keinen Grund zum Aufstehen.” Lea ist im Maturajahr und freute sich schon auf die Zeit nach der Schule. Dann kam Corona und ihr Alltag, der sich ohnehin schon schwierig gestaltet, wurde auf den Kopf gestellt. Vor einem Jahr bekam sie die Diagnose, dass sie an Dysthymie leidet, einer chronischen Form der Depression. Sie beschreibt die Krankheit als einen Schleier über ihrer Wahrnehmung.  “Man macht sich schneller Sorgen, sieht Probleme, wo keine sind und kann dadurch nicht so am Leben teilhaben wie andere. Es bedeutet nicht automatisch Traurigkeit, sondern kann sich durch Wut, Frust, Leere oder Verzweiflung zeigen.” 

Psyche und Corona
Foto: halbleer

Vor Corona ging es bei Lea bergauf: Das gute Wetter half ihr, sie wollte Dinge unternehmen und hatte Pläne. Jetzt durchlebt sie eine depressive Episode. “Wenn eine Episode beginnt, fühlt sich das für mich an wie ein Fall. Alle Probleme sind wieder voll da. Man fängt bei null an.” Sie kämpft damit, dass sie sich nicht auf die Situation vorbereiten konnte. “Ich dachte nicht, dass die Maßnahmen so hart werden. Meine Konstanten wurden mir aus dem Nichts entrissen. Vor Corona selbst habe ich keine Angst. Aber ich leide unter extremen Verlustängsten.” Leas Papa hat Diabetes, ihre Mama arbeitet im Altersheim. Sie fühlt sich aber nicht berechtigt, Ängste zu haben: “Anderen geht’s ja noch schlechter, sie haben vielleicht jemanden verloren oder sind selbst krank. Wieso dreh ich jetzt durch? Ich darf mich nicht so fühlen.” Normalerweise kann Lea Ängste durch ihre Erkrankung relativieren. Dieser Bewältigungsmechanismus fehlt ihr jetzt. “Eigentlich hilft es, wenn man sieht, man ist nicht allein mit diesen Problemen. Aber gerade verstärkt es meine Angst, weil ich sehe, dass die Bedrohung unumgänglich ist. Ich fühle mich hilflos.” 

Völlige Ohnmacht

Elisabeth* kennt dieses Gefühl sehr gut. Sie ist alleinerziehend und leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Damit verbunden sind eine Persönlichkeitsstörung und eine Angsterkrankung. Elisabeth hat täglich Flashbacks und fühlt sich so, als würde das Trauma von damals, inklusive Angst und Schmerzen, wieder geschehen. “Durch die Flashbacks habe ich im Alltag zeitliche Aussetzer, in denen es mich sozusagen ‘wegbeamt’ aus dem Hier und Jetzt. Ich fühle mich oft einsam, zerrissen und alleine mit diesem inneren Kampf.” Elisabeth wurde als Kind für viele Jahre missbraucht.  Sie hat das Geschehene jahrelang verdrängt - dafür kommt es jetzt mit der doppelten Intensität zurück und löst starken Selbsthass, Scham- und Schuldgefühle aus. 

Als die Ausgangsbeschränkungen kamen, verfiel Elisabeth in eine Schockstarre. “Ich kenne das Gefühl, eingesperrt und ausgeliefert zu sein. Genau so fühlt es sich jetzt wieder an.” Der Alltag ist bereits ohne Beschränkungen eine große Herausforderung für die Alleinerziehende. “Meine Tochter kann nicht mehr zur Schule, ich nicht mehr zu meinen Therapien und die Hilfe der Großeltern fällt weg. Meine ganze Struktur ist mit einem Schlag zusammengebrochen.” Das Schlimmste ist für sie, nicht zu wissen, wie lange die Beschränkungen andauern. Diese Ohnmacht gegenüber Entscheidungen, auf die sie keinen Einfluss hat, hält sie kaum aus. Elisabeth fehlt die Sicherheit, die sie durch ihre Therapie bekommt. “Meine Traumatherapeutin ist mein sicherer Hafen, mein Anker. Wir telefonieren regelmäßig und sie ist wirklich eine große Stütze. Aber es gleicht eher einer Krisenintervention als einer Therapie, weil bei mir seit Beginn dieser Maßnahmen nur mehr Tränen statt Worte herauskommen und ich mir schwertue, mich auf diesem Weg zu öffnen.” 

Foto: Halbleer
Foto: Halbleer

Reden hilft

“Die aktuelle Krise erzeugt viel Frust und Resignation, weil man sie nicht einplanen konnte und nicht weiß, wie lange es noch geht”, erklärt Psychotherapeutin Petra Löffler. Dieser Kontrollverlust sei entmutigend. Sie unterstreicht aber, wie wichtig es ist, Therapie und soziale Kontakte, wenn auch virtuell, während den Ausgangsbeschränkungen aufrecht zu erhalten. Die Begleitung hilft beim Bewältigen. Sie sieht Rückfälle im Bezug auf therapeutische Fortschritte als größte Herausforderung für ihre Patient*innen. “Bei vielen Menschen, die mit einer psychischen Erkrankung leben, hat sich der Zustand durch Übungen und Stabilisierung sozialer Kontakte verbessert. Sie werden durch die aktuelle Situation zurückgeworfen.” Belastend sei die Situation aber auch für psychisch gesunde Menschen. “Wichtig sind soziale Interaktionen. Es tut gut, den Ballast von der Seele zu reden. Das gilt für alle.” Es sei vielen gar nicht bewusst, wie sehr kleine Gespräche, beispielsweise mit Kolleg*innen am Kaffeeautomaten, uns fehlen. Wenn niemand da ist, dann kann man die Gespräche virtuell führen. Positiv sieht die Therapeutin die Entwicklung in Chatrooms. “Menschen tauschen sich aus und werden ihre Ängste los. Durch den virtuellen Raum fällt eine Hemmschwelle, man muss kein Blatt vor den Mund nehmen.” Viele Psychotherapeut*innen bieten aktuell telefonische und schriftliche Beratung an. Petra Löffler hilft mit kostenloser, auf Wunsch anonymer, E-Mail-Beratung. Sie erzählt, dass viele Menschen mit und ohne Diagnose die Beratung in Anspruch nehmen. “Das Problem ist, dass man kaum über die mentale Gesundheit spricht. Psychisch Kranke wollen nicht abgestempelt werden. Wichtig wäre mehr Offenheit.” 

Psyche und Corona
Foto: halbleer

Die ungesehene Risikogruppe

So sieht das auch Elisabeth. Sie stören die Moralpredigten von Menschen aus ihrem Umfeld und den sozialen Medien. “Sie meinen, es sei doch gar nicht so schwer, zuhause zu bleiben und dass jede Krise auch eine Chance ist, beispielsweise fürs Klima. Meist ziert solche Texte ein Foto von der trauten Familie oder fröhlichen WG-Bewohnern, die mit einem Gläschen Rotwein auf die aktuelle Entschleunigung anstoßen. Sowas ärgert mich, weil ich mich dadurch verarscht und in meiner Not unsichtbar fühle. Wer kann ermessen, was es mir abverlangt, diese Tage, Wochen, Monate so mutterseelenalleine und isoliert mit Kind durchzuhalten?”. Mehr Empathie und Verständnis wünscht sie sich auch von der Politik: “Es würde schon helfen, wenn gesagt wird: ‘Okay, es gibt Personen, die besonders unter diesen Maßnahmen leiden, das sind nicht nur Ältere oder Gewerbetreibende.’ Die Maßnahmen machen schon was mit stabilen Menschen. Wenn man psychisch belastet ist, ist die derzeitige Situation ein großes Risiko.” Für Elisabeth wird es jeden Tag schwieriger, es zuhause auszuhalten. Sie versucht, wenig Nachrichten zu konsumieren. “Es belastet mich extrem, zu hören, wie viele Menschen erkrankt oder verstorben sind.”

Auch Lea hatte immer schon Schwierigkeiten, das Weltgeschehen auf Distanz zu halten und sich nicht zu viele Gedanken über die Nachrichten zu machen. Durch die aktuelle Berichterstattung ist das kaum möglich. “Das ist wie eine Spirale an negativen Gedanken. Es ist ja normal, dass man Angst hat. Bei mir kann es aber schnell kippen und extrem werden.” Wenn es Lea schlecht geht, versucht sie, sich die positiven Dinge vor Augen zu führen. “Ein Lichtblick für mich ist, dass Studierende für ältere Nachbarn einkaufen gehen. Die Menschlichkeit kommt zurzeit ans Licht. Das freut mich und ich versuche bei so einem positiven Gedanken haltzumachen und nicht weiterzudenken.” Mehr Beruhigung und Mutmache statt Aufregung und Panik würden Elisabeth helfen. Wir kennen alle die Bilder aus Italien oder Spanien und natürlich ist das schrecklich, meint sie. Dennoch würde sie sich wünschen, zuversichtliche Worte zu hören. Aus ihrer Sicht können Medien viel zur Entstigmatisierung und Sichtbarkeit von psychisch Kranken beitragen. “Es ist wichtig, Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Stimme zu geben und nicht über uns, sondern mit uns zu sprechen.” 

Wenige Worte geben viel

Wie wichtig unsere psychische Gesundheit ist, wird durch die aktuelle Situation schmerzlich bewusst. Die Ausgangsbeschränkungen schützen ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen. Gleichzeitig können sie für Frauen und Menschen mit psychischer Erkrankung gefährlich werden. Aber auch Gesunde kann es treffen. Eine Routine hilft dabei, psychisch gesund zu bleiben. Petra Löffler erklärt: “Sonst hat man keinen Anker, nichts zum Festhalten. Gleichzeitig sollte man diese Routine zeitweise bewusst durchbrechen und Highlights in den Alltag einbauen.” Ein solches Highlight kann ein Spaziergang an der frischen Luft sein, eine Malsession oder ein Telefonat mit der Familie. Und wenn ihr schon das Handy in der Hand habt, fragt mal eure Freunde, wie es ihnen geht. Also so wirklich. Ruft bei der Oma an, die alleine in der Wohnung sitzt. Helfen bedeutet nicht nur, für jemanden einkaufen zu gehen. Es kann auch helfen, zuzuhören. Redet mal mit eurer Nachbarin, vielleicht ist sie eine Alleinerziehende so wie Elisabeth. “Ein kurzes Gespräch über den Balkon. Allein das macht mir Mut und gibt ein Gefühl von Verbundenheit.”

Was du über die Auswirkungen von Corona auf die Psyche wissen musst
Für psychische Menschen sind Ausgangsbeschränkungen eine große Herausforderung und können gefährlich werden. Besonders Menschen mit Depressionen, Panikattacken, Angst- und Persönlichkeitsstörungen kämpfen mit der aktuellen Situation, so Expertin Petra Löffler. “Personen mit Keimphobie, Waschzwängen und paranoiden Tendenzen fühlen sich in ihren Ängsten bestätigt und hinterfragen ihre Therapie. Andere Zwänge verschieben sich von draußen nach drinnen und verstärken sich durch die Anspannung und den Druck.”, ergänzt die Psychotherapeutin. So würden auch Essstörungen durch die veränderten Umstände bei der Nahrungsmittelbeschaffung verschlimmert werden. Auch viele gesunde Menschen würden sich aktuell Sorgen machen und die  Beschränkungen als große Belastung erleben. “Wenn man den ganzen Tag zusammenhockt, kommen viele Probleme an die Oberfläche.” Dabei hätte jede Altersgruppe mit anderen Herausforderungen zu kämpfen. “Kinder wissen nicht was los ist, bekommen Angst und werden in ihrem Selbstwert beeinträchtigt, weil sie für andere gefährlich werden könnten. Junge Menschen vermissen die Schule oder Uni und blicken ängstlich in eine ungewisse Zukunft. Frisch Verliebte projizieren Sehnsüchte auf die neue Bekanntschaft und Paare beginnen zu streiten. Eltern haben Probleme, ihre Kinder bei Laune zu halten und Ältere fühlen sich durch die jüngere Generation bevormundet.” 
Wichtige Nummern:
- Rat auf Draht: 147
Die Notrufnummer 147 Rat auf Draht ist eine wichtige Anlaufstelle bei Problemen, Fragen und in Krisensituationen für Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen. Online unter rataufdraht.at
- Telefonseelsorge: 142
Telefon-, E-Mail- und Chat-Beratung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder Krisenzeiten. Online unter www.telefonseelsorge.at. 
- Männernotruf: 0800 246 247
Der Männernotruf bietet Männern in Krisen- und Gewaltsituationen österreichweit rund um die Uhr eine erste Ansprechstelle. Online unter www.maennernotruf.at.
- Frauenhelpline: 0800 222 555
Die Frauenhelpline gegen Gewalt bietet rund um die Uhr Informationen, Hilfestellungen, Entlastung und Stärkung – auch in Akutsituationen. Online unter www.frauenhelpline.at.
 

Lea hält ihre Gedanken auf ihrem Blog fest: halbleer.wixsite.com/halbleer 

Psyche und Corona
Foto: halbleer

Petra Löffler bietet kostenlose therapeutische E-Mail Beratung an, für Menschen mit psychischen Vorerkrankungen und für Menschen, die sich psychisch gesund erleben und dennoch Stabilisierung, Entlastung und eine Begleitung mit individuellen Interventionen möchten. Das Angebot ist nicht an kostenpflichtige Nachfolgetermine geknüpft und ist generell nicht mit finanziellen Interessen verbunden. E-Mail: kontakt@citypraxis.at, Website: www.citypraxis.at

Mag. Löffler
Foto: privat

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