Ivanas Welt: Heimatstatus - Es ist kompliziert

11. August 2014

 

 

Bosnien und Herzegowina ist zu bedauern, wenn ich an Menschen denke, die in diesem Land geboren sind und dennoch die Nachbarländer als Heimat sehen. Als Geburtsland empfunden, als Heimat verleugnet - so kommt es mir vor, wenn einer mir erzählt, er sei Kroate oder Serbe und dann in der Geburtsurkunde Brkco, Banja Luka oder Sarajevo stehen hat. Ich selbst erklärte oft, ich wäre bosnische Kroatin, ohne jemals in Kroatien gelebt zu haben oder von Vorfahren zu wissen, die mal aus Kroatien nach Bosnien eingewandert wären. Nein, nichts davon trifft zu und das nicht nur bei mir. Mein Urgroßvater war Ungar. Er wanderte irgendwann nach Bosnien ein, heiratete eine bosnische Katholikin, die heute als bosnische Kroatin definiert werden würde. Aus deren Linie kam dann irgendwann ich. Was macht mich dann historisch gesehen zur Kroatin? Auch dazu gab’s viele Erklärungen. Kroatische Könige, die mal in Bosnien herrschten, bevor die Osmanen das Land eingenommen haben, das alles irgendwann paar Jahrhunderte nach Christus. Bei den Orthodoxen, sprich Serben, müsste es ähnlich abgelaufen sein. Gemeinsame Religion, zurückzuführen auf irgendeinen serbischen Herrscher, macht also die bosnischen Serben zu Serben, obwohl sie nie in Serbien gelebt haben oder ihre Vorfahren eventuell durch Völkerwanderung paar Jahrhunderte vorher in Bosnien landeten. Dieser kleine Zusatz der Herkunft scheint manchen so wichtig zu sein, dass sie sich nie Bosnier nennen würden, ihre Kinder nach Serbien und Kroatien zum Studieren schicken oder sich ein Stückchen Land in der neuen “Heimat” nach dem Krieg kauften, um serbischer oder kroatischer zu sein. Wenn sie hinfahren, heißt’s auf Facebook “Wir fahren in die Heimat!” Verdammt, was ist Heimat? Welche Gemeinsamkeiten machen uns zur Ethnie? Sprache? Tradition? Kultur?

 


Als Jugoslawien zerfiel, erzählte mir meine Oma wir seien Kroaten. Schön und gut. Ich war ja noch ein Kind, und dachte nicht viel darüber nach, warum ich auf einmal Kroatin war. Schön! Seine Wurzeln, Traditionen pflegen, Volkstänze lernen ist vielleicht ein Stückchen Heimat. Aber vertrauter waren mir die Musik, die Volkstänze der bosnischen “Kroaten”. Tamburica aus Kroatien war nie so meins, dafür das traditionelle Zupfinstrument “sargija” - made in Bosnia. “Kolo”, den Reigen, tanzen die “anderen” Bosnier auch, mit bisschen anderen Schrittfolgen. Und dennoch scheint ein gemeinsames Bosnisch nicht möglich zu sein. Wenn ich “echte” Kroaten reden hörte, war mir der bosnische Akzent vertrauter. Es war meine Gefühlssprache. Bosnische Witze über Mujo und Haso (jedes Land hat seine Witzfiguren) waren etwas, was mehr zu mir gehörte als Perica in der kroatischen Version. Aber eines erzählte mir meine Oma auch. “Für die Kroaten über der Grenze waren wir schon immer die dummen Bosnier.” Also doch keine Landsleute, wenn es nach den “Echten” geht? Nun frage ich mich, Oma, was wäre, wenn du mir nie gesagt hättest, dass wir Kroaten wären? Hätte ich mich jemals so genannt oder wäre ich einfach nur aus Bosnien, da Jugoslawien zerfiel und wir keine Jugos mehr waren? Ich will keinem das Recht absprechen zu sein, was er sein will. Ich habe für mich entschieden: Ich bin Ich, geboren in Bosnien, in Österreich lebend und ohne komplizierten Heimatstatus. Das ganze ihr seid ihr und wir sind wir und die sind die, ist mir echt zu blöd. Meine Oma ist kürzlich verstorben. Am Ende ist man ein Mensch, den es irgendwann nicht mehr gibt.

 

redaktion@dasbiber.at

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