Jetzt bin ich Haddschi

21. Oktober 2016

Das erste Mal nach Mekka: Der Journalist Muhamed Beganovic pilgerte dieses Jahr unter Millionen von Menschen zur heiligen Stätte. Für biber erzählt er seine Geschichte von purer Freude und absoluter Erschöpfung.

Text und Fotos von Muhamed Beganovic

 

Majestätisch stand sie da, wie schon seit Jahrhunderten. Umhüllt von einem schwarzen Brokatvorhang, der mit Goldstickereien verziert ist. Die Kaaba. Das Haus Gottes. Über ihr der Mond und die Sterne. Um sie herum hunderttausende Menschen. Jeder Muslim weltweit dreht sich fünf Mal am Tag beim Gebet in ihre Richtung. Und ich stand unmittelbar davor. Ich konnte sie anfassen und riechen.

Foto: Dragan Tatic
Foto: Dragan Tatic

Es überkam mich Stolz und kurz darauf folgte Ehrfurcht. Im Tiefsten meines Bauches barst ein Knoten. Es war Freude und sie breitete sich so rasend schnell aus, dass schon bald darauf meine Tränendrüsen überquollen. Ich erfüllte mir einen Traum. Ich würde in Kürze Haddschi werden, der Ehrentitel, den man bekommt, wenn man die Pilgerreise absolviert. Mein Herz schlug so schnell wie nach fünf Dosen Red Bull. Doch darauf folgte die innere Ruhe. Die Geräuschkulisse, die von hunderttausenden schreitenden und betenden Pilgern verursacht wurde, verschwand nach und nach. Ich spürte nicht mehr den lahmlegenden Hunger, der mich bis dahin plagte. Schweißperlen flossen mir die Stirn hinunter und fielen teilweise auf meine Brille. Ich warf dem umwerfenden Bau einen letzten Blick zu, dann begann ich mit dem Abschieds-Tawaf, die letzte siebenmalige Umkreisung der Kaaba gegen den Uhrzeigersinn. Das Ritual ist ein Eckpfeiler des Haddsch und gleichzeitig sein Abschluss.

Foto: Muhamed Beganovic
Foto: Muhamed Beganovic

50 Shades of Hautfarbe

In der Moschee sollte man keine Schuhe tragen, also lief ich barfuß. Die Sonne war schon seit mehreren Stunden untergegangen, doch es hatte immer noch über 30 Grad Celsius und die weißen Marmor-Fliesen unter meinen Füßen waren warm. Man beginnt den Tawaf immer bei der östlichen Ecke, wo der Schwarze Stein eingemauert ist. Den zu berühren ist der Wunsch aller Pilger, denn das soll die Sünden reinigen. Nur Wenigen gelingt das. Der Ansturm war wieder einmal viel zu hoch, also ging ich weiter. In einem gemütlichen Schritt-Tempo bewegte ich mich mit dem Strom. Das Ritual kann, je nachdem wo man sich befindet, bis zu einer Stunde in Anspruch nehmen. Man ist jedoch ohnehin so vertieft in seine Gedanken oder in dem Gebetsbuch, dass man nicht auf die Zeit achtet. Man schwimmt mit dem Fluss, und der lenkt dich. Links und rechts neben mir liefen Frauen und Männer aus aller Welt. Eine Gruppe aus Indonesien rezitierte lauthals und im Einklang verschiedene Gebete. Ein türkisches Ehepaar lief eng nebeneinander und las aus einem Büchlein. In Mekka sieht man 50 Shades of Hautfarbe und Menschen aller Altersgruppen. Einen tiefen Eindruck hinterließ bei mir das betagte Ehepaar aus China, das händchenhaltend und kleinschrittig, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, den Tawaf erledigte.

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Foto: Muhamed Beganovic
Foto: Muhamed Beganovic

 

Marathonstrecken

Seit dem Jahre 632 ist der Haddsch für jeden Muslim, der finanziell und gesundheitlich in der Lage dazu ist, verpflichtend. Der Prophet Muhammed höchstpersönlich arrangierte damals die Rituale und die Zeiten, zu denen sie vollzogen werden sollen. Wenn man den Haddsch macht, geht man also denselben Weg wie der Prophet. Man spürt deshalb nicht nur die Nähe zu Gott, sondern auch die zu Muhammed, der hier ebenfalls gewesen ist. Zwar war das vor 1400 Jahren, doch der Gedanke daran gibt einem überraschenderweise Kraft. Der Haddsch kann nur in dem 12. und letzten Monat Dhu l-Hiddscha nach dem islamischen Kalender absolviert werden. Er beginnt am achten Tag mit dem Eintreten in den Weihezustand und dem Anziehen des Ihrams. Das sind zwei weiße Leintücher, je zwei Meter lang und knapp über einen Meter breit. Eins davon ist über meinem Bauchnabel zugebunden und das andere hängt locker über meine Schultern. Man kocht, wenn man sie trägt, aber sie sind praktisch, denn man kann den Schweiß von der Stirn mit ihnen wegwischen. Ab dem Zeitpunkt sind Streit, das Kürzen der Haare, das Schneiden von Nägeln, die Jagd und Sex mit der Gattin verboten.

Foto: Muhamed Beganovic
Foto: Muhamed Beganovic

Wie bei jeder anderen Pilgerreise, muss man auch bei dem Haddsch lange Strecken zu Fuß ablegen. Man beginnt die Pilgerfahrt mit einer Übernachtung in Mina. Dort wurde eine riesige Zeltstadt, die sich über 20 Quadratkilometer erstreckt, errichtet. Man fährt mit dem Bus oder mit der U-Bahn dorthin, muss aber von der Station bis zum Zelt zu Fuß gehen. Die Stadt ist nach Kontinenten kategorisiert. Wenn man Pech hat, muss man eine halbe Stunde gehen, bis man seine Bleibe erreicht. Am neunten Tag begibt man sich zur Ebene Arafat, etwa 15 Kilometer entfernt. Auch hier kann man es mit dem Bus versuchen, aber man wird nicht viel Glück haben. Tausende Busse und hundertmal so viele Pilger versperren jegliche Wege. Der Aufenthalt am Arafat ist der wichtigste Teil der Pilgerreise. Hier bleibt man bis zum Sonnenuntergang und begibt sich dann nach Muzdelifa, etwa sieben Kilometer entfernt, wo man übernachten soll.

Jedes Ritual hat eine Geschichte

Am zehnten Tag erledigt man den ersten Tawaf und den Sa’i in Mekka.

Der Sa’i ist der siebenmalige Gang zwischen den zwei benachbarten Hügeln Safa und Marwa. Die zwei Hügel wurden im riesigen Bauwerk integriert, sodass man nur einen etwa 30 Meter langen Gang beschreiten muss, um dort anzukommen. Jedes Ritual hat seine Bedeutung und seine Geschichte. Der Sa’i soll an Hagar, Prophet Ibrahims/Abrahams Frau, erinnern, die in dem Tal zwischen den beiden Hügeln nach Wasser suchte. Gott schenkte ihr die Quelle Zamzam, die nach wie vor aktiv Wasser ausspuckt. In der Moschee gibt es Dutzende Wasserspender, von denen man dieses Wasser trinken kann. Und das empfiehlt sich, um wieder zu Kräften zu kommen. Alle zwanzig Meter hängen Ventilatoren, die den Raum stark abkühlen. Wie beim Tawaf sind auch hier die Menschen in Bittgebeten und Gedanken vertieft. Man kommuniziert weder mit den Menschen, die man kennt, noch mit den Fremden. Das liegt nicht daran, dass man asozial ist, sondern weil man die Zeit für sich, für seine Spiritualität nutzen möchte. Außerhalb der Moschee reden die Pilger freudig miteinander. Der Sa’i dauert ungefähr 90 Minuten.

Foto: Muhamed Beganovic
Foto: Muhamed Beganovic

 

Den Teufel steinigen

Danach geht es zurück nach Mina. Hier muss der Pilger zweierlei erledigen. Die Haare kürzen oder den Kopf rasieren. Und den Teufel symbolisch steinigen. Die Reihenfolge ist dabei unwichtig. Ich hatte mich zuerst für die Steinigung entschieden. Unterwegs sammelte ich sieben kleine Steinchen und begab mich auf den Weg, und wenn ich ehrlich bin, hatte ich Angst, denn nahezu jede Todesmeldung, die man zu hören oder lesen bekam, stammte von diesem Ort. Ich beobachtete die Menschenströme, wie sie auf die Säule zusteuerten und hoffte, dass sie mich nicht zu Tode trampeln. Als ich die Dschamarat Brücke erreichte schwand meine Angst. Denn sie hat vier Stockwerke. Zwischen gefühlten eine Million Menschen standen hunderte Soldaten. Sie waren strategisch positioniert und sorgten dafür, dass sich keine kritischen Menschenmassen an einem Ort bilden. Das beruhigte irgendwie. Manche von ihnen waren grantig, andere wiederum spritzten den Leuten Wasser ins Gesicht und lächelten dabei verspielt.

Foto: Muhamed Beganovic
Foto: Muhamed Beganovic

 

Die Müdigkeit ist den Pilgern vom Gesicht abzulesen. Manche werfen ihre Steinchen mit einer Wucht, als würden sie eine Glasscheibe einschlagen wollen, andere wiederum, als würden sie Basketball spielen. Manche haben ihr Gesicht dermaßen verzogen, dass man das Gefühl bekommt, sie würden glauben tatsächlich den Teufel zu steinigen. Nach zehn Sekunden ist man fertig und geht weiter. Ab zu einem Friseur. Die gibt es überall. Am Straßenrand sogar. Die nächsten drei Tage muss man noch jeweils einmal die Säulen steinigen. Als krönenden Abschluss der Haddsch muss man noch den Abschieds-Tawaf erledigen.
Ich hatte schon fünfmal die Kaaba umkreist und näherte mich dem Ende. Ich war weder müde, noch hungrig, weder traurig, noch überglücklich. Ich spürte nur absolute Zufriedenheit und eine unerschütterliche Ruhe. Es konnte mich nichts aufregen. Wenige Minuten später war ich Haddschi. Ein cooles Gefühl. Die Ruhe blieb auch Tage später bei der Landung in Wien, als mein Gepäck verloren ging und ich deswegen in einem T-Shirt bei 17 Grad und Regen den Flughafen verlassen musste. Die Ruhe blieb auch nach den drei Job-Absagen und dem Blick auf die Rechnungen. Egal was kam. Die Ruhe blieb.

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