Jugo-Diaspora, werdet endlich erwachsen!

02. Juni 2022

SCHÜLERBLOG:

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Eldin Salihović Foto: Zoe Opratko

Nationalismus. Das Gift, das Jugoslawien langsam aber sicher von innen heraus zersetzt hat. Oft hörte ich meinen Opa dieses Land lobpreisen. In seinen nostalgischen Monologen sagte er, dass wir heute das zweite Deutschland wären, wenn Josip Broz Tito noch leben würde. Jeder hatte Arbeit, es gab keine Kriminalität und niemand musste Hunger leiden. Aber wie kam es dazu, dass Menschen, die gerade noch alle im „Paradies“ Nachbarn waren, sich plötzlich so unaussprechbar grausame Dinge antun konnten?

Um das Ende der SFR Jugoslawien zu verstehen, muss man ihre Entstehung unter die Lupe nehmen. Während des Zweiten Weltkriegs hatten sich die Bewohner ALLER Volksgruppen zusammengeschlossen, um die Nazis zu vertreiben. Unter dem Motto „Brüderlichkeit und Einheit“ bauten sie ihr zerschundenes Land wieder auf. Für 35 Jahre funktionierte dieses multiethnische „Projekt“ ganz gut, doch dann passierte das, wovor sich alle gefürchtet hatten: Am 5. Mai 1980 verstarb Tito. Einst hörte ich einen Mann sagen, dass Tito um 15.05 Uhr starb, und dass wir schon um 15.10 Uhr knietief im Dreck steckten.

Zwar sind die Jugoslawienkriege seit 23 Jahren vorbei, doch unter der dortigen Bevölkerung herrschen immer noch Argwohn, Hass und Misstrauen den „Anderen“ gegenüber. In der Politik regieren immer noch die gleichen korrupten Parteien, die damals den Krieg vom Zaun gebrochen hatten. Sie treiben die Spaltung voran, nicht die Versöhnung. Das Einzige, was sie tatsächlich geschafft haben, ist es, einen Exodus junger Leute aus der Region heraufzubeschwören. Dabei wäre die einzige Hoffnung die Jugend, die bleibt und die Dinge anders macht - doch auch an sie ist dieser Hass weitergegeben worden.

Ich frage mich, warum wir uns in der Diaspora alle so gut verstehen, während uns in der Heimat ganze Welten zu trennen scheinen. Wir suchen nach Unterschieden, wo keine sind, und ignorieren Gemeinsamkeiten, die mehr als offensichtlich sind. So unterschiedlich, wie wir uns alle gerne darstellen, sind wir nämlich gar nicht und wir täten gut daran, das endlich zu erkennen und zu akzeptieren.

Eldin Salihović, 18, 1AL, BHAK und BHAS Wien 10

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