Jung, Brutal, Gutaussehend

25. Mai 2018

Was Jugendliche feiern, empört Erwachsene: Deutschrap ist im Mainstream angekommen. Wächst durch Rapper wie Kollegah und Farid Bang eine neue Generation von Antisemiten heran, die Frauen hasst und homophob ist?

Text und Fotos: Alexandra Stanić

Sie sprechen die gleiche Sprache, haben die gleichen Werte und kommen aus den gleichen Verhältnissen wie ihre Fans: Rapper erobern seit Jahren die deutschsprachige Musiklandschaft. Lange Zeit galt das Genre als Musik der Unterschicht, fand jedoch kaum mediale Beachtung. Doch das hat sich geändert. Rapper haben ein Millionenpublikum, junge Menschen nehmen sie als Vorbilder. Kritik gegen Rapper verstehen diese jungen Menschen als Kritik gegen sich selbst. „Mit wem sonst sollen sich Migranten identifizieren? Es gibt ja niemanden, der uns nahe ist“, sagt Mehmed*. Der 22-jährige Wiener wächst in einer konservativ-muslimischen Familie aus dem Sandzak, einer Region in Serbien und Montenegro, auf. Seit er 15 ist, hört er Deutschrap. Er weiß, dass Rapper wie Kollegah, Farid Bang oder RAF Camora für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund Idole sind. Auch er fühlt sich von ihnen abgeholt. „Sie sind mit einem ähnlichen Wertegefühl aufgewachsen und sprechen genau das an, was sich viele wünschen: Reichtum und Erfolg“, so der 22-Jährige.

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Kollegahs künstlerische Freiheit

 Da könne man über einzelne problematische Textpassagen schon mal hinwegsehen, so Mehmed. Er macht damit eine Anspielung auf die Diskussion rund um die Zeile „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“. Mitte April wurde Kollegah und Farid Bang für ihr Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“ der „Echo“ verliehen. Das Album wurde mehr als 200.000 Male verkauft und 30 Millionen mal gestreamt. Die Preisvergabe löste einen Skandal aus, weil auf der XXL-Version dieses Albums der Auschwitz-Vergleich zu finden ist. Nun wurde der deutsche Musikpreis ganz abgeschafft, der Vorstand des Bundesverbandes Musikindustrie erklärt in einer Stellungnahme, dass die Marke „Echo“ beschädigt worden und ein vollständiger Neuanfang nötig sei.

Mehmed kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Die Diskussion über Antisemitismus im Deutschrap spiegelt seiner Ansicht nach die Diskussion über den „importierten Antisemitismus“ wider. „Rechte Politiker erlauben sich ständig antisemitische und islamophobe ‚Ausrutscher‘, aber kaum provozieren zwei muslimische Rapper, ist die gesamte Medienlandschaft empört“, gibt Mehmed zu bedenken. Er finde die Zeile zwar geschmacklos, sagen müsse es Kollegah aber trotzdem dürfen. „Charlie Hebdo hat den Islam auch verhöhnt und alle haben das Satire-Magazin verteidigt. Wieso sollte Kollegah seine künstlerische Freiheit nicht ausleben dürfen?“, argumentiert der Student. Er glaubt nicht, dass Kollegah seine Hörerschaft zu Antisemiten großzieht. Aber er gibt zu: „Wer in einem antisemitischen Umfeld aufgewachsen ist und dieses Gedankengut in sich trägt, der könnte sich von solchen Lines schon bekräftigt fühlen.“ 

Aber ist Antisemitismus fester Bestandteil von Deutschrap? Nein, sagt die feministische Rapperin Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray. In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung beschreibt die Deutschtürkin, dass sich der antisemitische Trend entwickeln konnte, weil Rap lange ein kaum beachtetes Genre war. „Er galt auch in Deutschland als Musik der Unterschicht und von jungen Heranwachsenden. So konnte sich unbeobachtet eine halb kriminelle Parallel-Community mit eigenem ‚Ehrenkodex‘ bilden - oder zumindest eine, die so tut, als sei sie kriminell, weil das zum Bad-Boy-Image und zur Street Credibility gehört.“ Ganz offenbar reiche es nicht mehr, "Nutten und Mütter zu ficken" und "Koks zu verticken". Rap-Texte scheinen inzwischen mit Judenfeindlichkeit, Islamismus und Verschwörungstheorien aufwarten zu müssen, um ihre Zielgruppe zu erreichen, so Lady Bitch Ray. „Sonst schocken sie weder die jungen Käuferinnen und Käufer, noch die weißen Männer aus der bürgerlichen Mittelschicht, die in den Plattenfirmen sitzen und solchen Künstlern eine Menge Geld für Musikproduktionen und Videos zahlen“, schreibt die deutsch-türkische Islam-, Sprach- und Genderforscherin weiter. 

Foto: Alexandra Stanic
Foto: Alexandra Stanic

 

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Auszüge aus JBG3:

Fuck mich ab und ich ficke deine schwangere Frau (ah)

Danach fick' ich deine Ma, die Flüchtlingsschlampe“

„Yeah, Bitch, also provozier nicht, sonst wird es blutig wie'n Krokodil-Biss“

„Nu e, meine Lambositze Alcantra, mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow“

„Mein Körper definie er als von Auschwitz-Insassen“

„Ey, ich schlag' Nutten nur halbtot, wenn ich durch Rotlichtgassen lauf‘“

"( )Bis mir seine Frau allein aus Gruppenzwang den Cock suckt Lutsch mal an der Shotgun und bell wie ein Pudel (wau wau) Sorry, leider nicht authentisch genug (*Schuss*)“
„Wir ballern die Ghettohuren, ballern die Testokuren, JBG Bitches heute wollen Jungfrau bleiben Zwei Optionen: Arsch oder Mund auf, Kleines“

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Auch Adnan* ist genervt von der Frage, ob Kollegah und Farid Bang Antisemiten sind. „Ganz sicher nicht.“ Der Schüler ist ein großer Fan der beiden Rapper, oder wie sie sich selbst gerne bezeichnen: vom Boss und vom Banger. Mit 14 entdeckt Adnan Kollegah für sich, sein älterer Bruder spielt ihm den Song „Du bist Boss“ vor. Der holt Adnan ab. „Ich höre Deutschrap, weil er mich motiviert und mir das Gefühl gibt, dass ich alles erreichen kann, wenn ich einen starken Willen habe“, so der Schüler. Rapper kommen oft aus sozial schwachen Familien. „Sie haben es aus dem Nichts geschafft“, erklärt Adnan. Er kann den medialen Aufschrei rund um Kollegah und Farid Bang nicht nachvollziehen. „Die beiden sprechen das aus, was am besten ankommt“, erklärt der 17-Jährige mit albanischen Wurzeln. „Deswegen sind sie in ihren Texten zum Beispiel auch gegen Frauen und Schwule. Das zieht bei Jugendlichen und Ausländern einfach.“ Das bedeute aber nicht, dass sie oder ihre Fans frauenfeindlich, homophob oder antisemitisch sind. „Sie machen gute Musik und provozieren, das war‘s aber auch schon.“

Mit der Empörung von allen Seiten kann Adnan wenig anfangen. „Farid Bang hat sich an dem Echo-Abend entschuldigt. Ist es nicht seltsam, dass das Fernsehen genau diesen Teil nicht gezeigt hat?“, fragt der 17-Jährige und spielt damit auf Kollegahs Theorie, „die Medien“ hätten sich gegen die beiden verschworen, an. So schnell können falsche Informationen die Runde machen, denn der TV-Sender Vox erklärt auf Twitter: „Das Video wurde beim Dinner erstellt, also vor der Preisverleihung, die wir ab 20:15 live übertragen. Wir haben nichts rausgeschnitten, dieser Teil des Abends wurde, wie auch 2017, einfach noch nicht aufgezeichnet - das wussten auch Farid Bang und Kollegah.“ Ob diese Klarstellung bei der Fangemeinde angekommen ist? Adnan wusste nichts davon. Beschimpfungen unter der Gürtellinie gehören zum Rap genauso wie Provokation auf Kosten Schwächerer und geschmacklose Vergleiche. Wenn es nach Adnan geht, darf ruhig über den Auschwitz-Sager diskutiert werden. Er alleine mache Kollegah aber nicht zum Antisemiten. „Wenn es um Judenfeindlichkeit geht, sind plötzlich alle besonders zimperlich“, sagt Adnan wütend. Sei jemand gegen Muslime, interessiere das keinen. „Diese Rockband frei.wild, der Nähe zur rechten Szene vorgeworfen wird, hat nicht halb so viel Aufmerksamkeit bekommen, als sie den Echo 2016 gewonnen hat“, wirft er in den Raum. 

Amoralisch für Reichtum und Ehre

Auch sein Mitschüler Stefan* empfindet den Skandal als unnötig aufgebauscht. „Er hat ja nicht dazu aufgerufen, alle Juden abzuschlachten“, so der 17-Jährige. „Kollegah ist eine Kunstfigur, die gerne provoziert.“ Man müsse zwischen Kollegah und Felix Blume (Kollegahs bürgerlicher Name, Anm.) unterscheiden. Felix Blume ist Sohn einer Deutschen und eines Kanadiers, er wuchs in Simmern/Hunsrück auf und begann ein Jus-Studium. Sein Stiefvater ist Muslim, im Teenager-Alter konvertierte Kollegah zum Islam. 

Dass man reale Personen nicht so einfach von ihren Kunstfiguren trennen kann, weiß Jugendforscher Philipp Ikrath. „Es geht nicht nur darum, was für eine Musik Kollegah macht, sondern auch, was er auf sozialen Medien wie etwa Youtube oder Instagram verkörpert“, so Ikrath. Er schließt aus, dass Jugendliche zu Antisemiten werden, wenn sie Rapper wie Kollegah oder Farid Bang hören. „Aber wer antisemitische Tendenzen hat, der wird sich von dieser Musik bekräftigt fühlen“, erklärt der Jugendforscher. „Das gilt auch für Frauenfeindlichkeit und Homophobie.“ Ihm fehlt in der Debatte rund um Deutschrap eine differenzierte Herangehensweise. „Was ich als besonders problematisch empfinde, ist, dass bei Jugendlichen der Eindruck entsteht, dass man alles machen kann, egal, wie amoralisch es ist, solange die Verkaufszahlen stimmen“, so Ikrath. Ruhm und Reichtum, egal um welchen Preis: Ist das die Devise der Hip-Hop-Szene und holt sie Jugendliche ab? Ja, findet der 22-jährige Mehmed. Obwohl er viele von Kollegahs Texten als antisemitisch einschätzt, gehört er zu seinen Lieblingsrappern. „Seine Songs sind sprachliche Spielerei, klar provoziert er damit extrem“, so Mehmed. „Es ist wie wenn du einen Film schaust.“ Mehmed betont, er habe keinesfalls etwas gegen Juden, Frauen oder Homosexuelle. „Aber es ist sehr heuchlerisch, dass bei Deutschrap alle sofort mit erhobenem Finger urteilen“, so der Student. „Die Popsängerin Ariana Grande trägt mit ihren sexistischen Texten und Musikvideos nämlich auch nicht unbedingt zu einem fortschrittlichen Frauenbild bei.“ Kollegah und Co. würde er vor seiner jüngeren Schwester, die ein Kopftuch trägt, nicht abspielen. „Das wäre dann doch irgendwie unpassend.“ Als Ältester will er seinen Geschwistern nicht das Gefühl vermitteln, dass es in Ordnung ist, andere zu beleidigen. „Was Kunst ist, checken sie noch nicht“, so Mehmed.

Die deutsche WDR-Doku „Die dunkle Seite des deutschen Rap“ beschäftigt sich mit der Frage, wie antisemitisch Deutschrap ist und zeigt unter anderem ein Video von Kollegah aus dem Jahr 2016, das voll von judenfeindlichen Stereotypen und Vernichtungsfantasien ist. Kollegah selbst inszeniert sich in dem Video als Kämpfer für das Gute, als Retter der Welt. Das Böse trägt einen Davidstern-Ringund ist Teil einer geheimen Banken-Weltverschwörung. Auf Nachfrage des WDR antwortet Kollegah lediglich mit einem Video auf Instagram:  Das Pentagramm und Hexagramm seien magische Symbole, die weit über die Anfänge des Judentums zurückgehen.

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Kollegah und Farid Bang gehört zu den erfolgsreichen Rappern Deutschlands 

„Ich bin ja keine Bitch“

Auch Schülerin Luana hört gerne Deutschrap, RAF Camora lieber als Kollegah und Farid Bang. Die beiden Letzteren sind ihr zu brutal. Sie schätzt Deutschrap zwar als frauenfeindlich ein, das stört sie aber nicht weiter. „Der Beat ist gut, da achte ich gar nicht auf den Inhalt“, erklärt die 15-Jährige. Ob Deutschrap Burschen dazu bringt, dass sie Frauen weniger Respekt entgegenbringen? „Ganz eindeutig, die sind ja ihre Vorbilder“, ist sich Luana sicher. „Auf Instagram verwenden Jungs in meinem Alter auch dauernd Zitate von Liedern, sie schreiben da so Zeug wie dass man auf Frauen scheißen soll, weil sie sich einfach Bitches kaufen können.“ Dass Frauen regelmäßig als Bitches und Schlampen bezeichnet werden, stört sie nicht. „Ich bin ja keine Bitch, daher fühle ich mich auch nicht angesprochen“, erklärt die Schülerin und spielt damit genau jenem Frauenbild in die Hände, das in der Rapszene so tief verwurzelt ist: Als „Bitch“ gelten oft alle Frauen, aber besonders jene Frauen, die zu ihrem Sexleben (mit mehr als einem Mann und vor der Ehe) stehen.

Luana findet es ähnlich wie Mehmed bedenklich, dass zwei muslimische Rapper derart von deutschen Medien an den Pranger gestellt werden. „Wundern tut es mich nicht, es hetzen ja eh alle gegen Muslime“, so die Schülerin mit albanischen Wurzeln. „Unfair ist es trotzdem.“ Zudem sollten sich Medien ihrer Meinung nach mehr mit rechter Politik beschäftigen. „Politiker haben viel mehr Macht als Rapper und politischer Antisemitismus ist viel schlimmer als irgendwelche provokanten Zeilen von Kollegah“, findet die 15-Jährige. „Was können Farid Bang und Kollegah in Wahrheit schon ausrichten? Die erreichen doch nur ihre Fans. Politiker können das ganze Land verändern.“ 

 

Kollegah und Farid Bang haben die Einladung des Internationalen Auschwitz-Komitees angenommen und wollen die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau Anfang Juni besuchen. Der Vize-Präsident des Komitees hofft, dass der Besuch ein „Signal an ihre Fans“ sein wird. Auch Mehmed hält das für eine gute Idee. „Dann stellen sich die beiden ihren Zeilen und setzen sich damit auseinander“, so der Fan. „Ich selbst war auch schon in Auschwitz. Das bewegt jeden, der dort ist.“

 

*Namen von der Redaktion geändert

 

Alle Fotos wurden nachgestellt. 

 

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