„Kein Kitsch, kein Kompromiss.“

09. März 2015

Der serbische Rapper Marčelo ist für seine Lieder mit tiefgründigen Pointen bekannt. Uns erzählt der Straßen-Poet, warum es keine Hoffnung für Serbien gibt, Gangster Rap nicht cool ist und welche Rolle Comics in seinem Leben spielen.

Von Muhamed Beganovic

Als Interviewort hat Marčelo den Bücherladen Delfi ausgesucht. Im hintersten Raum, vorbei an den Comics und Graphic Novels, befindet sich ein kleines, gemütliches Café mit kleinen hölzernen Tischen, dazu passenden Sesseln und zwei grauen Sitzbänken an den Seiten. Zwanzig Minuten zu spät betritt er gut gelaunt das Lokal. Blaue Kapuzenjacke, beige Hose, Sneaker und ein Rucksack. Sein Händedruck ist kräftig, sein Lächeln mild. Ein Tattoo von Puzzle-Teilen auf dem rechten Ring-Finger. Braunes Lederarmband. Kratzspuren an den Händen. „Meine Katze ist launisch in letzter Zeit“, sagt er. Der Kellner kennt ihn und bringt ihm das Übliche: einen Verlängerten.

Marko Šelić aka Marčelo gilt bei Fans und Kritikern als der wortgewandteste Rapper seiner Zeit. Seine Texte behandeln oft die serbische Armut und grassierende Korruption. Nach Abschluss des Gymnasiums begann Marcelo das Studium der serbischen Sprache, zusammen mit Literatur. Es sind nur noch zwei Prüfungen bis Marcelo offiziell Professor Selic wird. Sein neues Buch und Album Napet šou verkauft sich prächtig und findet sich unter den zehn Bestsellern des Landes.

Der serbische Rapper Marcelo
Foto by Ana Danilovic

Biber: Napet šou (die angespannte Show) ist dein fünftes Album und viertes Buch zugleich. Was kam zuerst, die Liebe zum Buch oder zur Musik?
Zuerst gab es die Liebe zur Geschichte. Wir alle lieben Geschichten, schon von klein auf. Dann kam das Schreiben, da war ich noch im Gymnasium. Die Musik kam rein zufällig.


2003, damals warst du 20, kam dein erstes Album „De Facto“ raus. Elf Jahre später im Oktober 2014 wurde „Napet šou“ veröffentlicht. Wie hat sich der serbische Hip Hop in diesem Zeitraum verändert?
Als ich mit Hip Hop und Rap begann, war die Szene klein. Wir kannten uns alle untereinander. Wir wollten gute Texte schreiben, die haften bleiben. Es gab kein Gangster-Gelaber. Heute hast du neue Rapper, die ihr erstes Lied rausbringen und alles dreht sich nur um Geld, Gold und Autos.

Ganz nach amerikanischen Vorbildern?
Leider! Das war damals, als ich begann, eine Schande. Es ist eine Maxime, an die ich mich halte. Kein Kitsch, kein Schund, keine Kompromisse. Mir geht es immer um den Menschen und die Konfliktsituationen, die er erlebt.

Dein neues Album ist voll mit Kritik an der Regierung Serbiens. Warum?
Schlechte wirtschaftliche Lage, Korruption usw. Wir haben hier eine Regierung, die in die Estrada verliebt ist. Von ihr kann man nicht erwarten, eine gescheite Bildung des Volkes voranzutreiben. Die musikalische „Kultur“, die sie bevorzugen und fördern, führt zu einer Verblödung der Bevölkerung. Und das ist ein Problem.

In dem Lied „20.000“ singst du über die verlorene Hoffnung. Ist Hopfen und Malz in Serbien verloren?
Wenn jemand sich daran versuchen möchte die Probleme des Landes zu lösen, so hätte er einen schweren Kampf vor sich.

Aber David hat ja mal gegen Goliath gewonnen!
Das ist nur ein Märchen!

In mehreren Liedern thematisierst du Korruption. Die EU verlangt die Bekämpfung der Korruption als eines der Kriterien für die Aufnahme in die  EU. Ist das realistisch?
Das wäre ein schwerer, nahezu unmöglicher Kampf. Wir haben in Serbien immer nur eine Partei an der Macht, die alle und alles andere niederwälzt. So lange es kein Gleichgewicht der Macht gibt, wird man den Kampf nie gewinnen können. Vetternwirtschaft ist ebenfalls weit verbreitet, auch unter dem Gemeinvolk, sodass man heute nicht mal einen Putzjob findet, wenn man keine Beziehung hat. Es ist hier jedem Bürger klar, dass wir noch weit von der EU entfernt sind.

Marčelo erwischt schon die Krise. Er braucht unbedingt eine Zigarette und hier herrscht Rauchverbot. Wir gehen in ein benachbartes Café. Unterwegs erzählt er von seinem Job als Comic-Redakteur. Seit nunmehr sieben Jahren hat er eine Fix-Stelle beim Veseli Četvrtak Verlag, Serbiens bekanntestem Comic-Verlag. Er ist für die serbische Ausgabe des populären italienischen Comics Dylan Dog verantwortlich. Unter anderem setzt er die Übersetzung aus dem italienischen in Kontext und schreibt die Einführung auf der ersten Seite. Unterwegs spendet er so unauffällig wie möglich Geld einer bettelnden Frau. Als wir an einem Straßen-Zeitungsverkäufer vorbei gehen, kauft er zwei und gibt mir eine. Nach Kindergartenregeln sind wir nun Freunde. Er hat schon seine Zigarette ausgeraucht, als wir das Lokal erreichen. Ein zweistöckiges Café mit dunkelbraunen Holzstiegen. Oben eine Dekoration, die wie die perfekte Mischung aus Wiener Kaffeehaus und Vapiano aussieht. Kaum haben wir uns gesetzt, zündet er sich eine zweite Zigarette an.

Wie kommt es, dass du hauptberuflich Comic-Redakteur bist?
Ich liebte Comics, noch bevor ich Bücher liebte. Für die Zeitung Huper, die es nicht mehr gibt, habe ich regelmäßig eine Kolumne über Comics geschrieben. Dann wurde eine Stelle beim Verlag frei und sie haben mir die Stelle angeboten.

Ich muss grad an den Angriff an die Charlie Hebdo Redaktion denken. Wie hast du damals reagiert, als du gesehen hast, dass Humor zu Mord führen kann?
Ich war natürlich absolut erschüttert und traurig, dass so was passiert ist. Ich war aber froh, dass die Welt aufgestanden ist, es geht hier um die Meinungsfreiheit!

In Serbien leben mehrere hunderttausend Muslime. Eine Handvoll davon ist nach Syrien gereist, um dort den Kampf aufzunehmen. Hat Serbien ein Problem mit den Muslimen?
Nein! Und wenn, dann waren es einzelne, isolierte Vorfälle, über die nicht in den Nachrichten die Rede war. In solchen Fällen darf es aber nicht zu Angriffen auf und Misstrauen gegen alle Mitglieder einer Religionsgemeinschaft kommen.

 

Wer ist er?

Name: Marko Selic
Alter: 32
Beruf: Rapper, Comic-Redakteur
Herkunft: Paracin, Serbien
Besonderes: Studiert Literatur in Belgrad

 

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