Krieg aus der Ferne

07. Mai 2015

Die serbo-kanadische Comicautorin Nina Bunjevac möchte lieber Jugoslawin genannt werden. Im Biber-Interview erzählte sie über ihren Jugo-Comic "Vaterland", Jugoslawien selbst und wer sich durch ihr Werk beleidigt fühlen könnte.

Von Martin Reiterer

1973 in Kanada geboren, in Jugoslawien aufgewachsen und in den 90ern wieder ins Auslans zurückgekehrt, hat sich Nina Bunjevac mit ihrem Comic „Vaterland“ in die oberste Liga der Comicautorinnen hinaufgezeichnet. „Vaterland“ rekonstruiert die Geschichte ihres Vaters, der in den 60er Jahren Mitglied der terroristischen Organisation „Freiheit für das serbische Vaterland“ war und 1977 beim Bombenbasteln ums Leben gekommen ist. Der Comic zeichnet dabei die Hintergründe für seine anti-titoistischen Intentionen sowie die zerstörerischen Folgen für seine Familie nach.

Nina Bunjevac
Foto: David Hawe

biber: Nina, du möchtest nicht als serbisch-kanadische, sondern als jugoslawisch-kanadische Comicautorin bezeichnet werden. Wie gehst du

damit um, dass es heute zwar ein Serbien, aber kein Jugoslawien mehr gibt?

NINA BUNJEVAC: „Jugoslawien“ ist ein romantischer Begriff aus dem 19. Jahrhundert, der von der Idee getragen war, Menschen zusammenzubringen, statt zu trennen. Das Land Jugoslawien war ein Symbol dieser Idee. Herzzerreißend ist es, dass es dieses Land nicht mehr gibt, aber der Geist Jugoslawiens lebt in vielen Menschen und künstlerischen Bewegungen weiter. Am stärksten konnte man das in den serbischkroatischen Underground-Comics der 90er Jahre spüren.

Rückblick in die Geschichte Ex-Jugoslawiens: Über welche Phase schreibt es sich heute am schwierigsten?

Im Rahmen meines Comics habe ich mich sehr lange damit befasst, den Teil über den Zweiten Weltkrieg zu schreiben und umzuschreiben. Da gibt es heute eine große Tendenz zu umgedeuteten Sichtweisen. Sprich: Die Guten von gestern sind nicht mehr die Guten von heute. Ich musste sehr vorsichtig sein und mich genau an die Fakten halten, ohne mit erhobenem Zeigefinger anzuklagen. Mein Ziel war es, den Lesern Hintergrundinformationen für meine Figuren zu liefern, um deren Entscheidungen nachvollziehbar zu machen, nicht um Feuer zu legen.

Welche Episode Ihres Comics wird unter serbischen Lesern vermutlich am meisten Diskussionen hervorrufen?

Naja, das ist freilich die Darstellung Draža Mihailovićs (Anführer von TschetnikVerbänden während des Zweiten Weltkriegs) als faschistischen Kollaborateur.

Du bist mit der Geschichte des Landes bestens vertraut und stehst trotzdem außerhalb. Ist diese Position beim Schreiben von Vorteil?

Der größte Vorteil ist für mich der Zugang zu finanziellen Förderungen, den ich in Kanada tatsächlich habe. Wenn die Miete für ein Jahr gezahlt ist, kann man sich leichter akribischen Recherchen widmen.

„Vaterland“ ist mit einer außergewöhnlichen Distanz verfasst. Es gibt da keine Abrechnung mit deinem Vater, du klagst nicht an. Wie schwierig war das, angesichts der heftigen Geschichte, die dir dein Vater vererbt hat?

Ich habe keine Erinnerungen an ihn und hatte keine Gelegenheit, eine persönliche Bindung zu ihm aufzubauen. Wenn man mir als Kind einen orangen Ballon geschenkt und gesagt hätte: „Das ist dein Vater!“, dann hätte ich eine Beziehung zu ihm hergestellt. Aber Gefühle sind bei mir erst als Jugendliche dazugekommen, als ich den Idealismus meines Vaters mit dem Krieg der 1990er Jahre zu verknüpfen begann. Als ich dann anfing an „Vaterland“ zu arbeiten, sah ich in ihm nur noch eine Repräsentation der ultrarechten, ultranationalistischen Ideologie. Jener Ideologie, die das Land schließlich zerrissen hat. Die Arbeit an diesem Buch hat mir geholfen, ihn als Person zu verstehen. Und es hat mir geholfen, die andere Seite zu verstehen.

Du bewegst dich inmitten von zwei großen Comicszenen, der kanadischen und der ex-jugoslawischen. Welcher fühlst du dich näher?

Keine Frage, der ex-jugoslawischen. Von ihr bin ich enorm beeinflusst und ohne deren Einfluss gäbe es auch kein „August 1977“* und kein „Vaterland“.

Was kommt als nächstes?

Mein nächstes Buch beginnt da, wo „Vaterland“ aufgehört hat: Es wird um meine Kindheit in Jugoslawien gehen, meinen Umzug nach Kanada, die Erfahrungen als Emigrantin, die den Krieg aus der Ferne, der Diaspora, verfolgt.

*Anm.: „August 1977“ ist eine kurze ComicGeschichte, in der Nina ihren Vater in einer Anordnung kurz vor seinem Tod mit einem Brief ihrer Mutter sowie einem fi ktiven Brief seiner Tochter konfrontiert.

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