Leserbrief: "Scheiß Russen und Kack Biber"

13. März 2015

Unserer aktuelles Cover hat wie eine Bombe eingeschlagen. Mehrere ukrainische Medien haben über uns berichtet, allein unser Profilbild auf Facebook wurde über 3.000 Mal geteilt, mehr als 1.100 gefällt es. Unser Fotochef Marko Mestrovic wurde von dem offiziellen Instagram-Account aufgrund des Fotos gefeatured, wir haben also viel Zuspruch erhalten. Aber wir wurden auch stark kritisiert. Wir haben Hassmails an die Redaktions- und unsere Privatmails erhalten. Auf unserer Facebook-Seite ist ein Shitstorm entbrannt, uns wurde unterstellt, unsere Ausgabe sei von Russen-Feinden bezahlt. Was wir unseren Lesern bieten, die konstruktive Kritik leisten möchten: Verfasst einen Kommentar, warum ihr findet, dass unser Coverbild, die Überschrift und der Artikel selbst eine schlechte Entscheidung waren. Wir nehmen euch und eure Kritik sehr ernst und möchten euch auf diesem Weg die Möglichkeit geben, Stellung zu beziehen.

Unser Leser Stephan Bartunek hat das getan, lest selbst:

 

Leserkritik, Stephan Bartunek
bereitgestellt
Gestern war ein Tag mit einem Totalabsturz, mir wurde mit dem Cover einer Zeitschrift ein Stück Weltbild abgedankt.

Drei junge Männer stehen unter einem Torbogen. Sie wirken gesund, fast fröhlich aber nur bis zu ihren Beinen. Jeden von ihnen fehlt nämlich eines. Sie stehen da mit Krücken und Prothesen.
Ein Bild, dass einen Schmerz erzeugt, denn niemanden ist es zu gönnen, in diesem Alter so benachteiligt durch das Leben humpeln zu müssen – egal unter welchem Umständen es zu so einer Verletzung kam.
Das Bild alleine aber wäre in seiner Härte zu ertragen, sogar notwendig um auf den Irrsinn, den der Krieg mit sich bringt, hinzuweisen, wenn nicht eine Schlagzeile als Ausruf, in blutigem Rot gehalten, dieses Bild unterstreichen würde.

„Danke Putin“ steht ganz groß und darunter wird in schwarzen Lettern erklärt, dass es sich um drei ukrainische Soldaten handelt die sich in Österreich aufhalten.
Die Anwendung der Farben rot und schwarz als Kontrast erzeugt immer einen gewünschten Effekt beim Betrachter. Auch andere Verleger wenden diese aggressive Methode der Aufmerksamkeit mit ihren Magazinen an. Es sind nicht wenige, die auf diese primitive aber wirkungsvolle Methode der Manipulation setzen.

Ich hielt das Cover zunächst für einen makabren Scherz den sich jemand über Facebook auf Kosten von Biber erlaubte und wollte mich direkt überzeugen indem ich dann auf die Biber – Homepage ging.
Leider war es kein Scherz, ich bekam das aktuelle Cover genau so serviert.

Ich bin seit fast einem Jahr so etwas wie ein Friedensaktivist und stemme mich vehement gegen den möglichen Krieg der Europa bevorsteht und verweigere mich der momentanen Kriegsrhetorik die immer perfider, dank Medien, über unsere Gesellschaft gelegt wird.
Besonders schlimm im deutschsprachigen Raum.
Es geht mir nicht darum, Partei zu ergreifen, ich möchte eine neutrale Position einnehmen aus der ich nichts anderes sage als „Krieg ist Scheiße“ und „Gewalt ist Scheiße“.
Das wird mir aber nicht gestattet, da ich immer wieder als „Putin – Versteher“ als „Kremlin“ oder ganz klassisch „Verschwörungstheoretiker“ vorgeführt werde. Diese Vorwürfe kommen zentral von Journalisten die bei unseren sogenannten Leitmedien in zentraler Position arbeiten oder von Menschen die eben davon überzeugt sind, dass in der Ukraine die „westlichen Werte“ verteidigt werden.
Es wird sich einem vernünftigen Diskurs verweigert, indem Menschen wie ich per Totschlagargumente mundtot gemacht werden.
Wer möchte schon mit einem Menschen debattieren, der den Autokraten Putin verteidigt?

Cover Ausgabe 03/15
Unsere Cover-Story hat hohe Wellen geschlagen.
Ich betrachte Wladimir Putin sehr kritisch, ich hab eine persönliche Abneigung gegen Autokraten und gegen das Prinzip der Herrschaft. Nur komm ich dann leider auch nicht daran vorbei, Menschen wie Pedro Poroschenko oder Arsenij Jazenjuk kritisch zu betrachten.
Oder die US – Regierung mit Obama als zentrale Figur, oder auch einen Bibi Netanyahu, der gerade dabei ist das Ansehen von Israel über eine lange Zeit sehr zu beschädigen, was sich kein Israeli verdient hat.
Ich sorge mich um Niederösterreich unter einem Erwin Pröll und könnte noch seitenlang weiterschreiben, wo ich noch gewaltige Schieflagen ausgemacht habe.
Das Problem der Autokratie spannt sich über unseren gesamten Globus und wer sich etwas mit dieser Struktur vertraut macht, der wird bald merken, dass die Korruption die es im Kleinen als regionales oder nationales Problem gibt, sich auch wunderbar auf globaler Ebene beobachten lässt.
Es müssen nur die richtigen Netzwerke vorhanden sein und die sind vorhanden.
Soviel zu meiner Weltanschauung mit der ich dann in der Lage bin, nicht wie ein Huhn mit eingeschränkter Sicht am Boden herum zu huschen, sondern gemütlich, mit breit ausgebreiteten Flügeln als Adler, oder wem das zu präpotent ist, als Geier oder Rabe über die Welt zu fliegen und meinen Blick schweifen zu lassen.
So sehe ich seit einiger Zeit, wie die Lage in der Ukraine ist und ich teile nicht die Sicht, die von  Lidiia Akryshora in dem Artikel in „das Biber“ wiedergegeben wird.
Ich weiß, dass russische Soldaten in der Ostukraine aktiv sind, ich weiß auch davon, dass Russland die Separatisten mit Waffen unterstützt, aber ich weiß auch, dass das rechtsextreme Bataillon „Aszov“ in der Ostukraine wütet, mit wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung und ich weiß auch, dass „Slava Ukraini“ ein durch und durch nationalistischer Gruß ist.
Und Nationalismus ist mir genauso unheimlich wie das Prinzip der Herrschaft.
In der Ukraine erleben wir gerade, dass Nationalismus, in aller Konsequenz angewandt, immer in Unterdrückung und somit Gewalt ausarten wird.
Junge Männer aus Kiev ziehen in den Krieg für ihre Ukraine, um gegen andere junge Männer im Donbass zu kämpfen.
Dazwischen zerrieben wird die Zivilbevölkerung.

Mir ist es übrigens ein Rätsel, warum Österreich sich so rührend um die Soldaten, die freiwillig in den Krieg gezogen sind kümmert, aber die Kinder, die Frauen und auch die Männer, die im Donbass zerfetzt und zerstückelt werden, bei uns in den Medien kaum Thema sind, geschweige denn, dass sie auf Kosten der österreichischen Steuerzahler behandelt werden.
Ich habe Bilder gesehen, die den Schrecken des Krieges am Leibe der Zivilisten in Form von abscheulichen Wunden, beschreiben, Bilder die uns von unserer Medien verweigert werden und Bilder die wohl auch „das Biber“ zu anderen Beiträgen als „Danke Putin“ bewegen könnten.

Ich fühle mich als mündiger Bürger von unseren Leitmedien verraten und gestern fühlte ich mich von „das Biber“ verraten.
„Das Biber“ war eine Zeitung für mich, die politisch unkorrekt war, aber immer versucht  hat menschlich korrekt zu sein. Eine Seltenheit in unserer Medienlandschaft.
Mit dem Beitrag „Danke Putin“ hat sich „das Biber“ selbst verraten und davon zeugen die Kommentare unter dem Titelbild auf Facebook.
„Scheiß Russen“ hatte dort ein Mädel kommentiert, innerhalb weniger Stunden hatte sie über sechzig Likes abgekommen - Rassismus in Reinkultur.
Der Irak Krieg Veteran und Amerikaner Mike Prysner sagte in einer bewegenden Rede:
„Rassismus innerhalb des Militärs gibt es schon lange und er ist ein wichtiges Werkzeug um die Zerstörung und die Besatzung eines anderen Landes zu rechtfertigen. Rassismus wird eingesetzt um das Töten, das Entführen und das Foltern von anderen Menschen zu rechtfertigen. Rassismus ist ein vitales Werkzeug von der Regierung benutzt. Viel wichtiger als ein Gewehr, ein Panzer, ein Bomber oder ein Kriegsschiff. Er ist zerstörerischer als jeder Artilleriebeschuss, Bunker Buster oder eine Tomahawk Rakete. Denn all diese Waffen sind harmlos in den Händen der Regierenden solange sich niemand findet, der diese Waffen für sie benutzt.“

All diese Waffen sind harmlos, solange sich niemand findet, der diese Waffen für sie benutzt – ein Satz den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss und soll. Ein Satz, über den man nachdenken muss und soll.
Vor allem als Journalist.

Unsere Gesellschaft befindet sich gerade an einem Scheideweg, nicht nur in Österreich, Deutschland, Europa, sondern auf globaler Ebene.
Wir erleben, wie Nationalismus und Rassismus wieder salonfähig werden, ja sogar gefördert werden.
Völkerrecht und Heimatrecht, das Recht auf kulturelle Identität werden von der internationalen Gemeinschaft mit Füßen getreten und gerade wir, „der Westen“, der sich immer auf seine moderne Zivilisation beruft, sollte aufpassen, dass er sich nicht immer mehr den Regimen anpasst, gegen die er eigentlich Stellung beziehen will.

Ich möchte die Redaktion des Bibers bitten, dass sie ihrer Blattlinie treu bleiben und sich zukünftig auch ihrer Verantwortung wieder bewusst werden, die sie ohnehin in den letzten Jahren bravourös getragen haben. Als Medien der Völkerverständigung, der kulturellen Verständigung und als Medium um Rassismus und auch Nationalismus in seine Schranken zu weisen.
Ich möchte mich auch bei der Redaktion des Bibers bedanken, dass sie mir die Möglichkeit geben, mich öffentlich auf den Artikel „Danke Putin“ zu beziehen.

Und ich möchte alle Leser dringend bitten, ihre Schwingen auszubreiten und sich vom Boden in die Luft zu erheben um eine andere Sicht auf die Welt zu bekommen.
Victor Hugo hat gesagt: „Nichts ist mächtiger als eine Idee deren Zeit gekommen ist.“
Die Zeit ist reif. Fliegen kann jeder von uns. Wir sind Menschen. Wir brauchen keine Federn!

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Kommentare

 

ausgezeichnete Stellungnahme, Stephan!

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