Lizenz mit Superkraft: Wann kommt der Corona-Pass?

31. März 2020

Ihre Antikörper geben ihnen „Superkraft“: Die Vision vom „Corona-Pass“ für Immune beschäftigt Chefredakteurin Delna Antia-Tatic, aber nicht nur sie. Aus Expertenkreisen klingen Überlegungen an, wonach Genesene die neuen „Superhelden“ der Gesellschaft sein könnten.

Von Delna Antia-Tatić, Illustrationen: Zoe Opratko

Coronahelden
Illustrationen: Zoe Opratko

Das Testergebnis meines Mannes ist negativ: Kein Corona. Weder er, noch wir also. Ich bin erleichtert, natürlich. Aber auch ein bisschen enttäuscht. Mein Mann ist ein bisschen entsetzt: „Das glaubt mir keiner!“, schüttelt er über meinen Gesichtsausdruck den Kopf. Aber meine Sekunde der Enttäuschung bezieht sich nicht auf die Krankheit. Um nicht missverstanden zu werden, dieses tödliche Virus, das so viel schlimmes Leid auf der ganzen Welt verursacht und an dem so viele Menschen bereits starben, das will ich so wenig wie jeder andere. Mir geht es um etwas anderes: um eine Perspektive in diesem Schreckenszustand.

Denn während man wartet, dass jemand zum Testen kommt (zwei Tage) und weiter wartet, dass jemand das Testergebnis übermittelt (bei uns fünf Tage), währenddessen hat man viel Zeit für „Was wäre eigentlich wenn?“-Szenarien im Kopf. Meines geht so: Was, wenn wir tatsächlich Corona-Infizierte sind? Erstens hätten wir das Virus dann gehabt. Glücklicherweise mild verlaufend wie eine stinknormal lästige Erkältung. Wir müssten nicht mehr mit dieser ständigen Angst vor einer Ansteckung leben. Zweitens hieße das doch, dass wir nach der Genesung immun sind. Wir könnten nicht angesteckt werden und noch viel wichtiger, wir könnten niemanden infizieren. Was drittens bedeuten würde: Für uns wären die strengen Regeln der Selbstisolation nach Überwindung der Krankheit auch nicht notwendig, richtig? Wäre daher, viertens, ein „Corona-Ausweis“ nicht die Lösung? Eine Art Zertifikat oder Pass für alle wie uns, die das Virus hatten und nun immun sind. Eine Art Lizenz zur Freiheit.

„SOCIAL-EMBRACING STATT SOCIAL DISTANCING“

Damit wäre nicht nur uns geholfen, letztlich auch der Gesellschaft. Wir könnten arbeiten, ob systemrelevant und/oder existenzrelevant, wir könnten die Wirtschaft ankurbeln, wir könnten ohne Sorge Freunde besuchen und im Grunde müssten wir sogar reisen dürfen. Wir wären frei, das Schönste auf der Welt zu tun: anderen Menschen nah zu sein. Die Oma könnte wieder babysitten und das Kind wieder mit dem Nachbarsjungen spielen. Social-Embracing statt Social-Distancing. Wir bräuchten weder Masken noch Handschuhe. Daher könnten wir in den verschiedensten Bereichen helfen und zum Einsatz kommen, wir wären so etwas wie die unverwundbaren Superhelden in Corona-World. Gut, meine Fantasie war schon immer sehr lebhaft.

Aber ernsthaft, an der Sache ist etwas dran. So sucht etwa das Universitätsklinikum Münster aktiv nach gesundeten Corona-Infizierten für eine Blutspende. „Denn Patienten, die derzeit gegen Sars-CoV-2 kämpfen, könnten vom Blut derjenigen profitieren, die das schon erfolgreich hinter sich gebracht haben - vor allem, solange es noch keine anderen wirksamen Medikamente gegen die neuen Viren gibt“, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Superkraft im Blut also. Aber was ist mit dem wirtschaftlichen und sozialen Mehrwert der Genesenen? Ich beginne noch am Tag unserer Testung, Mitte März, zu recherchieren: Ist ein Ausnahmeszenario für genesene Corona-Patienten denkbar? In einem Hintergrundtelefonat mit einem Arzt der Virologie der MedUni Wien wird mir auf meine Frage zu solch Szenarien bestätigt, dass ich zwar sehr weit denke, aber dass es im Hintergrund durchaus Diskussionen in diese Richtung gäbe. Aktuell gelten natürlich die Selbstisolationsregeln für alle gleich in Österreich. Für die Gesunden wie für die Genesenen. Doch wie lange noch?

Superkraft
Illustrationen: Zoe Opratko

Entscheidend ist natürlich, die Frage der Immunität geklärt zu wissen. Was ich in diesem Hintergrundtelefonat erfahre, deckt sich mit dem, was zuletzt Experten und Virologen, wie etwa Christian Drosten, Deutschlands Chef-Virologe und Institutsinhaber der Charité Berlin, sagen: Man geht von einem ersten Immunschutz aus. Sollte es zu einer erneuten Ansteckung kommen, würde diese erst viel später erfolgen – nicht während der aktuellen Pandemie – und höchstens mild verlaufend. So ist es auch Drosten, der in einem Interview mit dieZeit, diesen Zukunftsszenario-Schritt weitergeht. Er betont das Potenzial der Immunen in der Krise und stellt mögliche Freiheiten in den Raum. „Wenn wir davon ausgehen, dass sich während der jetzigen Infektionswelle bis zum Herbst vielleicht zehn oder 15 Millionen Menschen in Deutschland anstecken, dann haben wir auch bald sehr viele Leute mit Antikörpern. Personen, die immun sind. Da wird es dann Pflegekräfte und Ärzte geben, die ohne Maske arbeiten. Auch in anderen Berufsgruppen wird es Leute geben, die sagen: Ich bin da durch. Und davon wird es immer mehr geben.“

Auch in Österreich. Schon jetzt steigen die Zahlen der Genesenen merklich. Und wenngleich es derzeit „nur“ Tausende sein mögen, es werden täglich mehr. Denn die meisten aller Infizierten werden das Virus überstehen. All sie besäßen diese Superkraft: Sie wären sowohl unverwundbar als auch uninfektiös. Sie könnten "Systementlastung" bringen, nämlich für all jene, die derzeit permanent für unser aller Wohl im Einsatz sind – die echten Heldinnen und Helden von heute im Krankenhaus und im Supermarkt zum Beispiel. Die Genesenen könnten in der Pflege bei alten Menschen eingesetzt werden, gerade da, wo das Risiko ja so hoch ist, und in ähnlich sensiblen Bereichen. Aber auch im Privaten könnte das Wissen und die offizielle Bestätigung von Immunität eine große Erleichterung bedeuten. Denn schon in den ersten Wochen des Ausnahmezustands gestaltet sich diese Situation für viele zur Extrembelastung. Für Alleinerziehende zum Beispiel: alleingestellt und „eingesperrt“ mit Betreuungs- als auch Existenzsorgen. Wenn da wieder Hilfe, ob durch die Nachbarin oder die Großeltern möglich ist, verschafft das mehr als Erleichterung. Das Gleiche gilt für Kinder - denn wie sehr sie unter den Beschränkungen leiden, können wir nur ahnen: ob durch Wohnraumenge, Rückfall in ihrer Bildung oder schlicht häuslicher Gewalt.

Zu all dem brächte aber eine Ausnahmeregelung im Ausnahmezustand der Wirtschaft etwas. Über der Corona-Krise schwebt bekanntlich das Damoklesschwert der Wirtschaftskrise. Jeder Immune also, der wieder normal arbeiten geht und sein Geld selbst verdient, tut damit einen Dienst an der Nation. Die Masseurin und der Tätowierer etwa, die wieder arbeiten können, weil weder sie angesteckt noch sie anstecken könnten. Nicht verwunderlich ist daher auch, dass es drei Ökonomen sind, die genau dazu ein Paper veröffentlichten, wie die Wiener Zeitung berichtete. „Corona-Immunität als entscheidende Ressource: Der Weg zurück in die Normalität“ ist der Titel ihrer Arbeit und schlägt, und da staune ich wirklich, einen Corona-Passagierschein vor, um eine gelähmte Volkswirtschaft wieder in die Gänge zu bekommen. So schreiben die Universitätsprofessoren David Stadelmann (Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth), Reiner Eichenberger (Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg) und Rainer Hegselmann (Professor für Philosophie an der Frankfurt School of Finance & Management): „Immune Menschen können wieder für alle Tätigkeiten eingesetzt werden und können allen sozialen Kontakten wie gewohnt nachgehen. Insbesondere können sie in der Alten- und Krankenpflege eingesetzt werden, ohne dort die besonders anfälligen Menschen zu gefährden. Der möglichst schnelle und umfassende Einsatz der Immunen ist deshalb aus volksgesundheitlicher, volkswirtschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Perspektive sinnvoll. Ihr Einsatz ist für eine Rückkehr unserer Gesellschaft in die Normalität unabdingbar. Dafür müssen sie zum einen selbst sicher wissen, dass sie immun sind, und die anderen Menschen müssen sie von Nicht-Immunen unterscheiden können. Deshalb brauchen sie ein verlässliches Immunitätszertifikat über nachgewiesene Antikörper. Dieses Immunitätszertifikat dient ihnen als eine Art „Passierschein in die Normalität“ und zertifiziert den Wert der Ressource.“

WIE VIEL „SUPERKRAFT“ SCHLUMMERT IN ÖSTERREICH?

Ein Corona-Pass scheint also tatsächlich nicht nur ein Hirngespinst zu sein. Leider erhalte ich auf wiederholte Nachfrage keine Antwort dazu aus dem österreichischen Gesundheitsministerium. Doch laut Sekretariatsauskunft wurden meine diesbezüglichen Fragen an „die Staatskommunikation“ weitergeleitet. Das lässt vermuten? Ad absurdum vom Tisch wischen könnte jedenfalls auch die Presseabteilung. Zudem setzt der österreichische Gesundheitsminister zuletzt große Hoffnung in die neuen Möglichkeiten der Antikörpertestung. Mit dieser, so Rudi Anschober in einer Pressekonferenz am 27. März, könnten Corona-Immune viel leichter festgestellt werden als allein mit den derzeitigen „Krankheitstest“, den sogenannten PCR-Tests. Durch großflächiger angesetzte Antikörpertestungen in der österreichischen Gesellschaft erwischt man nämlich eben jene, die sich nie krank gefühlt haben und daher nie als Verdachtsfall getestet wurden: die Dunkelziffer. Festzustellen, wie viele Menschen in Österreich bereits Kontakt mit Covid19 hatten, ist nicht nur interessant, um das Level einer sogenannten „Herdenimmunität“ in der Bevölkerung zu errechnen. Es zeigt eben auch die Ressourcen. Zwar beschreibt Anschober keine Freiheitsszenarien für die Immunen, aber doch, dass diese Tests in bestimmten Berufsgruppen zum Einsatz kommen könnten.

Superkraft in Österreich
Illustration: Zoe Opratko

Auch der deutsche Virologe Alexander Kekulé geht in einem Interview mit Die Presse auf das Potenzial solcher Möglichkeiten ein, gerade was die Risikogruppen betrifft – die Älteren: „Wir haben ja jetzt auch Tests, die den Immunstatus feststellen können. Nehmen wir mal an, es handle sich um meine Mutter. Dann würde ich nicht heute, aber in zwei Monaten die ganze Familie durchtesten lassen und feststellen, dass einige schon immun sind und zur Mama und Oma können.“ So sind diese Tests wohl wirklich eine Chance. Denn schon jetzt könnte eine sehr große Anzahl an „Superkraft“ in Österreich schlummern. Menschen, die sich frei in den aktuellen Gefahrenzonen bewegen können – medizinisch gesehen. Daher wäre es wohl auch vergeudetes Potenzial und unnötiges Leid, wirtschaftlich und sozial gesehen, sie weiter in der Selbstisolation zu halten. Mit einem Corona-Pass hätten sie die Lizenz zur Hilfe und zur Normalität – und diese Gruppe würde stetig wachsen.

Ist es also denkbar, dass die österreichische Bundesregierung in naher oder auch ferner Zukunft einen solchen Pass einführt? Oder gar die EU? Obwohl, das ist Fantasterei! Aber Eltern und Familie in Deutschland lassen mich grenzübergreifend hoffen, denn ich weiß nicht, wann ich sie wiedersehen kann. Zudem muss man in puncto Passeinführung berücksichtigen, dass besonders freiheitsliebende Bürgerinnen und Bürger sich dafür absichtlich dem Risiko einer Ansteckung aussetzen könnten – und das wäre kontraproduktiv. Klar ist auch, dass eine Einteilung der Bevölkerung, wo manche mehr "dürfen" als andere, für Spannungen sorgen wird. Trotzdem. Ich bin keine Expertin, aber die Chance dahinter scheint gegeben zu sein. Wir sollten darüber sprechen. Denn wann brauchten wir je dringender Superhelden auf der Welt als jetzt?

Meine Familie und ich werden jedenfalls erst einmal keine sein. Wir haben so etwas ungewohnt Normales wie eine lästige Erkältung. Und ganz ehrlich: Gott sei Dank! Statt der Lizenz zur Ausnahme im Ausnahmezustand, befolgen wir die Regeln der Selbstisolation. Doch permanent zuhause zu bleiben, ist, wie wir alle inzwischen wissen, auch heldenhaft. Ein bisschen. 

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