Helden Her: Wollen Frauen beschützt werden?

02. März 2016

Der moderne Mann ist soft und überlegt sich zwei Mal, ob er für seine Freundin Kopf und Kragen riskiert. Die moderne Frau ist stark und will trotzdem beschützt werden. Über die Sehnsucht nach dem Helden-Mann.


Von Delna Antia

„Männer, die Frauen beschützen, finden wir ein wenig peinlich. Unser Swag ist soft!“, kommentierte ein junger, gutaussehender „Facebook-Freund“ aus Deutschland meinen Beitrag. Ich hatte einen Zeit-Artikel auf meiner Seite geteilt und möchte ihn auch hier empfehlen: „O Mann!“ von Adam Soboczynski. Beim Kommentar des Freundes dachte ich das Gleiche: O Mann?!?

Da es keine Berichte über Schlägereien in Köln gegeben hat – zwischen den Angreifern und deutschen Männern – geht der Zeit-Journalist, übrigens Pole, der Sache auf den Grund. Sein Artikel handelt von Köln, von gleichberechtigten Frauen und neuen süßen Männern, die anscheinend nicht gekämpft haben. Die ihre Frauen an der Hand hielten und erstarrten, weil gar nicht süße Männer das Händchenhalten nicht die Bohne interessierte. Diese fremden Männer grapschten und belästigten trotzdem! Einer der Schlusssätze von Soboczynski erschüttert mich besonders:„Die meisten Männer (nicht alle!) sind zwar aufgrund ihrer biologischen Ausstattung schlagkräftiger als Frauen, aber unwillig (und womöglich auch unfähig) zuzuschlagen."

 

Der Beschützer ist tot.

Stimmt das? Wollt ihr – nein schlimmer – könnt ihr nicht mehr zuschlagen? Ich zitierte den Satz auf Facebook und fragte: Wirklich? Und der ehrliche softe Swagger antwortete: „Wirklich. Meine Frau musste mir erst beibringen, sie zu beschützen. Sie ist damit übrigens noch nicht fertig. Meine Freunde sind auch (fast) alle total verweichlicht.“ Na bum. Unsere Männer sind Weicheier. Ein Schlamassel. Das Schlimmste, wir sollen selbst Schuld daran sein. Der Zeit-Journalist postuliert: „Es gibt den Beschützer in Deutschland nicht mehr. Natürlich nicht. Der Beschützer ist aus weiblicher Sicht doch eine lächerliche Figur (zumindest sagen das die Frauen).“

Mir wird ganz anders. In Österreich wird das nicht anders sein. Hier muss ein Missverständnis vorliegen. Ist das die Konsequenz, nein, die Nebenwirkung der Gleichberechtigung? Haben wir euch zu stark klar gemacht, dass wir nicht schwach sind? Haben wir euch zu oft angefaucht, dass wir niemanden brauchen, der uns ernährt und uns die Tür aufhält? Dass wir alleine Kinder groß ziehen und alleine Geld verdienen können? Dass wir einfach alles alleine können?

Mann mit Superheldenumhang
Foto: Julie Brass

 

Anscheinend habt ihr uns ernst genommen. Ihr habt euch in emanzipierte Männer verwandelt – süß, verständnisvoll, weich. Ihr macht Zivildienst und Papa-Monat, ihr tragt Skinny-Jeans und zupft eure Augenbrauen. Wie wir, findet ihr laute Macker-Machos peinlich. Ihr lasst uns endlich alleine durch die Tür gehen. Und so selbstverständlich wie wir Frauen die Restaurantrechnung übernehmen, so selbstständig haben wir nun auch die Rechnung zu tragen, die mit dem Frausein einherkommt. Wir müssen uns selbst verteidigen. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten.

 

Kein Recht auf einen Helden

Während ich darüber nachdenke, werde ich blass um die Nase. Soboczynski schreibt, dass Männer im Patriarchart noch bereit waren zu sterben. Sie hätten für Frauen ihr Leben riskiert, wenn es darauf ankam. Mich erinnert das an die Löwen-Doku, die mich neulich feministisch empört hatte. So wie das königliche Löwenmännchen, das den ganzen Tag faulenzt und dann seinen Jägerinnen eins mit der Pranke überbrät, falls sie gar vor ihm etwas von der Beute abhaben wollten, so habt ihr uns einst unterdrückt. Aber bei Angriff eines Feindes wart ihr zur Stelle – ihr habt eure Mähne aufgestellt, gebrüllt und todesmutig gekämpft. Damals im Duell gab es keinen Rollenkonflikt. Ihr habt beschützt. Kein Mann erwartete, dass Frau das selbst erledigt. Wie auch? Sie war ja schwach. Heute ist das alles nicht mehr so eindeutig. Weil es keine Feinde gibt? Oder weil sich die Feinde im deutschsprachigen Raum bisher stets kultiviert genug verhielten, die Codes des Händchenhaltens zu respektierten? Oder aber weil Frauen nun stark sind – nämlich gesellschaftlich erstarkt.

Hat nur die unterdrückte Frau das Recht auf einen Helden? Ist für die emanzipierte Frau der emanzipierte Mann nicht mehr bereit zu "sterben"?

„Dieses männliche Imponiergehabe, das man als Beschützer an den Tag legen muss, wurde uns irgendwie abtrainiert. Wir sind eine Generation, die gerne schlichtet, deeskalierend einwirkt oder weitergeht, um Situationen zu entschärfen. Diesen gefährlichen Typus Raubtier-Mann, der plump und aggressiv fremde (auch vergebene) Frauen anmacht, kennen wir aus dem Alltag kaum, also sind wir auch von ihm überfordert,“ erklärt mir der softe Swagger, der übrigens ein großer, schlanker, tätowierter Metal-Fan ist.

 

Verweichlicht und verweiblicht

Stichwort „abtrainiert“. Mich erinnert das an die öffentliche Debatte darüber, dass es unseren Jungs an männlichen Vorbildern fehle. Im Kindergarten nur Kindergärtnerinnen, in der Schule nur Lehrerinnen und zu Hause – oft auch nur Mama. Denn in einer emanzipierten Gesellschaft lässt man sich auch scheiden, falls es überhaupt zur Ehe gekommen ist. Werden unsere Nachwuchsmänner in Deutschland und Österreich seit geraumer Zeit also nicht nur verweichlicht, sondern verweiblicht? Gewalt und Brutalität leben sie höchstens mit ihrem Daumen aus, wenn sie Computerspiele zocken. Soboczynski beschreibt es so: „Spätestens seitdem die Wehrpflicht abgeschafft worden ist, wüsste ich von niemandem mehr, der sich berufen fühlte, ihn (den deutschen Mann) zu stählen. Ein Junge, der auf dem Schulhof einen Rivalen verdrischt, ist eher ein Fall für die Psychologin und für eine gute Dosis Ritalin, als dass Papi ihn für seine Selbstbehauptung loben würde.“ Klar, ein Mann hat heutzutage durch die Soft-Power seiner Worte zu beeindrucken, nicht durch die Härte seiner Fäuste. Deeskalieren ist besser als Dreschen, da sind wir uns alle einig. Trotzdem schleicht sich unvermutet ein neues Gefühl heran und fragt: Reicht das? Was ist mit dem Notfall - dem Fall der Fälle? Frauen sollen schließlich auch Selbstverteidigungskurse besuchen und sich körperliche Abwehrfähigkeiten "antrainieren".

In Österreich gibt es ja Gott sei Dank die Wehrpflicht noch, denke ich mir. Und für die deutschen Männer scheint sich immerhin meine Mutter berufen zu fühlen, sie zu "stählen". Sie postet in die Facebook-Unterhaltung ein Youtube-Video des legendären Kopfstoßes von Fußballgott Zinedine Zidane. Als eine Art Tutorial schreibt sie dazu: „Solche Typen find ich super - als Frau fühl ich mich total wohl damit.“ Im Anblick von Zidanes Bereitschaft seine eigene Schwester vor einem dreisten Italiener zu verteidigen, schmelze ich natürlich sofort dahin. Damals, nach der WM 2006, hatte ich ziemlich lange darüber nachgedacht, Zidane zu heiraten. Sein Stoß ging mir tief ins Herz. Was für ein Mann! Ein echter Beschützer. Einer, der seinen Kopf, nicht nur zum Reden einsetzt. (Was jetzt bitte nicht heißt, dass er das gar nicht tun soll. Er soll doch bitte beides! – Ich weiß, Soboczynski schüttelt den Kopf: Beides geht nicht.)

Superheld - Frau
Foto: Julie Brass

 

Mein Freund findet meine Zidane-Schwärmerei auch etwas befremdlich. Wie Soboczynski, besitzt er die Auffassung, dass Frauen sowas peinlich finden. Ehrlich, wie kommen die zwei darauf? Hier muss wahrhaftig ein Missverständnis vorliegen. Am Montagmorgen in der Biber-Redaktion ist sich nämlich die Mehrheit der anwesenden Frauen einig: Zidane ist unser Held. Männer, die Frauen beschützen, sind fern von lächerlich, im Gegenteil. Sie sind sogar begehrt. Die jüngste biber-Redakteurin kichert: „Ehrlich gesagt, wenn sich ein Mann für mich schlägt, fände ich das sexy.“ Da haben wir es. Wie auch sonst könnte ein Raubein wie der griechische Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis zum weiblichen Sexobjekt in Deutschland verkommen? Ganz einfach, weil sein Rebellengehabe auf Männlichkeit und Mut schließen lässt.

Aber Rockys wie Zidane sind heute tendenziell rar. Das zeigt sich schon im öffentlichen Bild. Männer sehen nicht mehr männlich, sondern zart aus – wie Justin Bieber. Auch Vollbart und Tätowierungen helfen da nichts. Wer seine Hosenbeine hochkrempelt, um seine Knöchel zu präsentieren, wer sich im Bad aufhübscht und im Studio aufpumpt, wer einfach „schön“ sein will – der bewegt sich in weibliches Terrain. Und da wir Frauen uns in Männerdomänen behaupten, passt das ja auf verkehrte Weise irgendwie zusammen. Bis die "Raubtiermänner" in Köln angriffen.

 

Männer sind körperlich stärker.

„Männer, beschützt uns!“ Wir sind fünf Frauen im Redaktionsmeeting, jede hat auf irgendeine Weise schon sexuelle Übergriffe erfahren, und alle - Tatsache - wollen beschützt werden. Und das, obwohl sich keine als "schwach" empfindet. Angesichts der Vorfälle von Köln wird nur auf einmal dieses "Tabu" formulierbar. Denn in einer realen Welt, wo sichere Orte und Situationen nicht mehr so sicher sind, ist das Gefühl einfach stärker und präsenter: Beschützt werden zu wollen. Auch als starke Frau von einem emanzipierten Mann. 

Ja Jungs, ihr werdet gewollt und gebraucht! Warum? Ganz einfach, körperlich seid ihr stärker. Von Mann zu Mann verteidigt es sich besser. Natürlich, in einer Situation wie am Kölner Bahnhof, wo es um große Gruppen von Angreifern geht, wo nicht klar ist, ob Waffen wie Messer mit von der Partie sind, ist das einfacher gewünscht als getan. Aber hier geht es um den Gedanken, um das Gefühl, um das Selbstverständnis. Insgeheim wollen wir nicht ständig so super stark sein, wie wir tun. Wir wollen uns auch einmal sicher fühlen. Harte Schale, weicher Kern. Das sind wir Frauen heute.

Vielleicht sind wir scheinheilig. Vielleicht fordern wir Frauen das eine und wünschen uns das andere. Vielleicht ist es so, dass wir uns früher umgeben von Patriarchen und Unterdrückern stets einen sensiblen, verständnisvollen und feinsinnigen Mann wünschten. Einen, der ein bisschen mehr ist wie wir. Aber heute, wo in Deutschland und Österreich die Gleichberechtigung auf so hohem Niveau verläuft, da sehnen wir uns wieder nach dem Mann - ohne wirklich zu wissen, was das heißt. Mit einer Single-Freundin unterhielt ich mich letztens über einen Bekannten. Der sei Psychologe beim Bundesheer. Eine tolle Kombination, analysierten wir – als Psychologe sicher einfühlsam, als Soldat mit Nahkampfausbildung extrem männlich. Einer, der beides vereint. Wünschen wir uns den emanzipierten Beschützer? Ja, irgendwie. Denn natürlich ist Zuschlagen immer falsch. Aber im Notfall, dann, wenn wir angegriffen werden, wünschen wir uns, nicht allein zu sein. Das hat nichts mit Gewaltverherrlichung zu tun.

 

Beschützen können alle

Aber nicht nur Männer können kämpfen. Meine bosnische Kollegin besteht darauf, zu erwähnen, dass auch sie für ihren Mann "sterben" würde. Wehe dem, der ihn angreift, denke ich mir beeindruckt von ihrer Vehemenz. Sind nun Frauen sogar die besseren Beschützer? Zivilcourage, sagt sie, sei laut Studien gerade bei Frauen sehr ausgeprägt. Das Stichwort – ein weiterer deutscher Mann kommentiert meinen Facebook-Beitrag: „Beschützen ist top, nennt sich Zivilcourage. Das darf aber jeder tun, ob männlich oder weiblich, mit dem Opfer liiert oder unbekannt, einfach jeder, der den Mut aufbringt. Peinlich wird's erst, wenn man meint, das wäre Männeraufgabe.“ Hm, denke ich mir. Recht hat er, klar, jeder kann und soll beschützen. Ich weiß selbst um meinen Beschützerinstinkt – bei jungen biber-Stipendiatinnen führe ich mich öfters auf wie die Henne vor der Brut. Aber gegen Männer kämpfen? Nun, ich habe mit jungen Jahren extra einen Selbstverteidungskurs besucht und weiß, dass ich selbst etwas zu meiner eigenen Verteidigung tun kann. Aber letztlich weiß ich auch: Mein Bizeps wird immer schwächer sein als ihrer.

Ich forsche noch ein bisschen weiter. Wie verhalten sich die Bizepse in der biber-Redaktion? Hier sind deutsche und österreichische Männer bekanntlich unterrepräsentiert. Und Zidane war ja auch Ausländer. „Haut ihr zu?“, will ich wissen. Nachdenkliches, dann bestimmtes „Ja!“ Ob Ungar, Bosnier, Pole oder Türke, ihre Antworten ähneln sich. Den Konflikt suchen sie nicht, aber wenn es sein muss, dann hat ein Mann zu tun, was ein Mann zu tun hat: beschützen. „Österreichische Männer sind oft Pussys. Natürlich will auch ich nicht 24 Stunden den Beschützer geben, aber wenn es drauf ankommt, dann gibt’s eine,“ so einer meiner Kollegen. Das mit den "Pussys" findet unser österreichischer Chefredakteur gar nicht lustig. Trotzdem, sind also Ausländer eher Beschützer? Dann wird Integration zum zweischneidigen Schwert. Immerhin gibt es Berichte darüber, dass eine Gruppe von syrischen Männern den Frauen in Köln geholfen habe.

Dann meldet sich der softe Swagger wieder auf Facebook. Ich hatte ihn gefragt, was angesichts von Köln zu tun ist. Wie Männer – und auch Frauen – nun reagieren sollen? „Pfefferspray. Und Mund aufmachen. Vor allem, gilt für Männer: Einsehen, dass man in bestimmten Situationen eingreifen muss. “ Gut, finde ich. Alle sollen - und können - reagieren.  

Steckt nicht also doch ein Beschützer im weichen Mann?

Hoffentlich. Und trotzdem gut, dass mein Freund Jugo ist.

 

 

 

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Kommentare

 

Ich fass das mal zusammen was man da inhaltlich rauslesen könnte:
In einer Welt, wo alle zivilisiert sind und Frauen respektieren, bräuchte es keinen "Beschützer". Frieden und Freundlichkeit überall. Insofern wäre diese Softie-Welt also doch die Utopie, die sich jede/r wünschen sollte. Also - wenn man eure Gedanken weiterspinnt - Deutsche und Österreicher unter sich, und ohne Migration.

Denn erst durch das Auftreten der respektlosen Migranten wäre es wieder nötig die körperlich schwächeren Frauen zu beschützen und dumpfe Gewalt walten zu lassen. Migration aus diesen Kulturkreisen führte also zu einem Verlust einer kulturellen Entwicklung und zwingt uns deren Verhalten auf...

Sry, aber so liest sich euer Artikel.
Es hätte aber auch diese Version sein können: Das Problem ist nicht, dass mitteleuropäische Männer versuchen auf Gewalt zu verzichten, sondern dass manche Männer wieder gewaltätiges Verhalten an den Tag legen. Und man beschützt die kulturelle Errungenschaft des Pazifismus und bringt die Patriarchen dazu Respekt vor Frauen zu üben...

 

...ich, für meinen Teil, kann dir nur zustimmen: Die kulturellen Eigenschaften des Pazifismus, des Respekts, der Fähigkeit zu Deeskalieren, der "Soft-Power" gehören natürlich geschützt. Sie sind besser als Gewalt. Ich glaube auch nicht, dass es um ein "Entweder-Oder" geht. Was der Artikel sollte, war mehr ein Gefühl zu beschreiben - und Gefühle sind schwer normativ fassbar. Es geht um das Gefühl "beschützt werden zu wollen". Und es ist ja nicht so, dass erst Migration den Schutz nötig macht. "Köln" hat nur den Anlass gegeben, das auch zu formulieren. Dass anscheinend Frauen körperlich beschützt werden wollen. Und es mag in einer emanzipierten Gesellschaft tabu sein, so etwas zu sagen, aber so etwas zu fühlen kann trotzdem Realität sein. Weil Gewalt real ist - auch wenn sie immer falsch ist.

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