Mama Šefica

26. Februar 2020

Bloß nicht wie die eigene Mutter werden. Das ist die große Angst vieler Töchter, zumindest wenn sie in einem Jugohaushalt aufgewachsen sind.

von Ivana Cucujkic-Panic

In Jugofamilien endet die eigene Privatsphäre an der Türschwelle zur Wohnung und das vermeintlich gut versteckte Tagebuch wird wie ein öffentliches Telefonbuch konsumiert. Als Option zur Abnabelung bleibt die Rebellion gegen einfach alles, was einem vorgelebt wird. Vor allem aber gegen diese allwissende Frau mit sechstem Sinn für Geheimnisse und Lügen: Mama Allmächtig. Nein, nein, ich werde bestimmt nicht meinen Kindern auf die Nerven gehen mit ungefragten Ratschlägen, alle Schulfreunde für potenzielle Drogensüchtige halten, ihnen nach jedem Fortgehen eine Schwangerschaft unterstellen - kurz: sie einfach meine Super-Mamimacht als Familienoberhaupt spüren lassen.

Don't mess with the Majka

Es gibt nur eine Mutter. Das ist für viele Menschen schlicht eine Tatsache. Am Balkan ist das ein Dogma. Jedna je Majka. Es gibt nur eine Mutter, frei übersetzt: Es gibt nur die eine Wahrheit. Boss Mom ist hier nicht bloß ein Hashtag. Mama ist heilig, aufopfernd, unantastbar. Für sie prügeln wir uns im Schulhof. Denn „wenn du was über meine Mutta sagst“, provozierst du eine Faust ins Gesicht „bei der Vagina deiner Mutter“ (picka ti materina). Fun fact: Die höchste moralische Instanz der Jugo-Gesellschaft ist gleichzeitig zentraler Gegenstand der Schimpfkultur. Mich hat das immer schon irritiert.

Mutti hatte doch recht

Noch mehr irritiert mich, dass sie in verdammt vielen Dingen recht behielt, als sie hunderte Male „du wirst schon sehen, wenn du eigene Kinder hast“ nachgeworfen hatte. Ja, ich seh’ schon. Es ist verdammt anstrengend, lustig, atemberaubend, beängstigend. Diese Kinder, diese Verantwortung, Wäsche, Minus, Sorgen, Sorgen, Sorgen. Es macht müde und hungrig. Ja, ich seh’ schon. Es macht Sinn, unangemeldet mit Töpfen voller warmem Essen aufzutauchen, das Kind zu packen und es für mehrere Wochenenden meiner geistigen Gesundheit zuliebe zu betreuen. Abrufbereit zur Stelle, wenn es brennt. Mutti kommt und löscht. Und immer etwas im Gefrierfach haben, denn man weiß ja nie. Schon verstanden.

Bissl Rakija im Kaffee?

Alles schaffen, nach dem Nervenzusammenbruch das Krönchen wieder aufsetzen und das Bio-Hühnchen fertiggaren. Würd’ ich auch ur gern. Ich hab nur echt keinen Plan, wie. Wie machten das die 80er-Muttis? Waren sie härter im Nehmen oder half ein bisschen Rakija im Kaffee? Meine marschierte um fünf Uhr in der Früh top gestylt im Zweiteiler zu ihrem Bäckerei- Job, um am Nachmittag meine Schwester und mich im Park zu bespaßen. Die Handtasche war dabei stets mit den Schuhen abgestimmt und absolut nie, nie, niemals wurde sie auf dem Boden abgestellt. Meine Mutter führte ein Insta-Life, nur offline. Ich schaff’s nicht einmal, diesen Text hier rechtzeitig abzuliefern. Also steht sie wieder auf der Matte. Und hat frische Semmeln mit. Bloß so werden wie sie. Happy 8. März!

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