"Man müsste diese Kurse anders nennen, denn auch Flüchtlinge haben Werte."

02. Dezember 2020

Omar Khir Alanam

Omar Khir Alanam flüchtete vor rund sechs Jahren aus Syrien nach Österreich und lebt mittlerweile „gut integriert“ in Graz. Sein drittes Buch „Sisi, Sex und Semmelknödel“ ist ein humorvoller Versuch, die österreichische Seele zu ergründen. Der 29-jährige Bestsellerautor, Lyriker und Poetry-Slammer im Gespräch über problematische Männerwelten und wie Integration besser funktionieren könnte.

Von Nada El-Azar, Foto: Nicole Viktorik

BIBER: Manche Leute fühlen sich beleidigt, dass „jemand wie du“ über Österreich schreibt. Wie gehst du damit um?

Omar Khir Alanam: Ich lese nicht bewusst Kommentare, sondern bekomme aus meinem Umfeld oft Dinge zugeschickt. Sicherlich haben diese Menschen keines meiner Bücher gelesen, denn dann wüssten sie, dass ich nichts Beleidigendes über Österreich schreibe. Vielmehr mache ich mich über mich selbst lustig. Ich ärgere mich null darüber, was Leute über mich sagen – Hasskommentare sagen mehr über ihre Autoren, als über deren Hassobjekt. Das nehme ich gerne in Kauf. Manche Menschen werden mich für immer ausschließen, weil ich anders heiße und aussehe und woanders geboren bin. In meinem ersten Buch „Danke!“ geht es darum, wie Österreich meine Heimat geworden ist. Egal, wie sehr ich das betonen werde, werde ich für manche nie dazugehören. Das nehme ich so hin. Ich spare mir lieber die Kraft für meinen kleinen Sohn.

Als Ausgangspunkt für „Sisi, Sex und Semmelknödel“ dient dir die Tatsache, dass in Österreich sehr viel über Geflüchtete geschrieben wird, dies aber umgekehrt kaum passiert. Welche Vorurteile gibt es aus der syrischen Community über Österreich und seine Bewohner?

Ich ärgere mich sehr, wenn Menschen Rassismus immer mit Österreicherinnen und Österreichern verbinden. Ich stehe nämlich nicht nur gegen Rassismus ein, wenn ich der Betroffene bin. Auch von Seiten der Community gibt es auch immer wieder Pauschalisierungen gegenüber Österreichern oder generell Europäern, die mich unglaublich wütend machen. Die Männer sagen zum Beispiel, dass die Frauen hier Schlampen sind, wobei sie auch syrische Frauen so bezeichnen, die ein „selbstständiges“ Leben führen und nicht dem traditionellen Bild entsprechen. Selbst haben sie aber kein Problem damit mit mehreren Frauen zu schlafen. Wenn sie dann aber heiraten dann holen sie eine Frau die „einzig ihre Mutter auf den Mund geküsst hat“. Das ist eine arabische Redewendung dafür, eine „anständige“ Frau zu beschreiben. Das ist für mich inakzeptabel. Häufig begeben sich Leute in eine Opferrolle und beschuldigen Europa für alles, was in meinem Heimatland passiert ist. Genauso wie es hier Menschen verschiedener politischer Ansichten gibt, gibt es auch bei uns Konservative, Rechte und Liberale. Darüber wird aber leider wenig gesprochen.

Ging etwas verloren, weil du nicht mehr in deiner Muttersprache schreibst?

Es ist nichts verlorengegangen, vielmehr habe ich etwas dazugewonnen. Ich habe mir zum Ziel gemacht Deutsch zu lernen, um schreiben zu können. Ich habe eine Geschichte und will diese Geschichte weitererzählen. Angefangen habe ich auf kleinen Bühnen mit Poetry Slams und nicht zuletzt half mir das Publikum, meinen Weg zum Buchautor zu schaffen. Wenn Corona überstanden ist, freue ich mich auf viele Lesungen, die ich gerne musikalisch begleiten lasse und in denen ich das Publikum miteinbeziehen kann.

„Sisi, Sex und Semmelknödel“ beschreibt viele Situationen und Gespräche, die mit deiner österreichischen Freundin Alena und ihrer Familie stattgefunden haben. War Liebe für dich der Schlüssel zu Österreich?

Auch wenn mittlerweile Alena und ich in einer anderen Konstellation sind, spielte und spielt sie natürlich eine große Rolle dafür, dass ich hier ankommen konnte. Wir sind auf eine besondere Art miteinander verbunden, und das nicht nur durch unseren gemeinsamen Sohn Naël. Als ich Alena kennenlernte, lebte ich noch im Flüchtlingsheim. Sie war offensichtlich keine Araberin und keine Muslima. Von meinen Mitbewohnern kamen teilweise abfällige Kommentare darüber, dass ich eh „schon integriert“ sei, ein „Europäer“ oder „Österreicher“ oder kein Muslim mehr. Das Wort „integriert“ war beinahe schon ein Schimpfwort. Solche Dinge habe ich aber wirklich nur von Männern gehört. Das entsteht durch ein traditionelles Männerbild, mit dem ich in Syrien schon zu kämpfen hatte. Oder sie sind einfach neidisch.

Nach dem antisemitischen Anschlag auf eine Grazer Synagoge durch einen syrischen Asylwerber kündigte Ministerin Susanne Raab neue Wertekurse für Geflüchtete aus muslimisch geprägten Ländern an. Wo liegen die größten Versäumnisse bei der Integration, nach der Fluchtbewegung von 2015?

Man müsste zunächst festlegen, was Integration überhaupt bedeutet. Wann bin ich integriert? Ich bin kein Politiker, sondern ein Künstler. Weder will ich alles schönreden, noch in den Sand setzen. Ich erlebe, dass es Probleme gibt. Es gibt eine gewisse „Männerwelt“ in der Community, die gezielt verhindern will, dass sich ihre Frauen integrieren. Indem sie Gelder nehmen, damit die Frauen abhängig von ihnen sind, oder ihre Ehefrauen möglichst schnell schwängern, damit sie keine Deutschkurse machen und nicht arbeiten gehen, aber sich dafür zuhause um das Kind kümmern und so weiter. Als Politiker muss man Lösungen dafür anbieten und so etwas wie Wertekurse helfen da herzlich wenig. Klar, wenn man die Wertekurse nicht besucht, bekommt man keine Geldleistungen. Aber das bedeutet nicht, dass die Inhalte tatsächlich in den Köpfen bleiben.

Was könnte man hier gezielt ändern, um Fortschritte zu machen?

Ich würde die gesamte Arbeitsweise ändern. Um Menschen zu erreichen muss man ihre Sprache sprechen. Sprache ist dabei symbolisch gemeint. Ich musste Deutsch lernen, um meine Botschaft an die ÖsterreicherInnen zu vermitteln. Man müsste diese Kurse anders nennen, weil auch Flüchtlinge Werte haben. Sie müssen das nicht von den Österreichern lernen. Das ist abwertend.

Wie könnte man dieser Abwertung außerhalb der Wertekurse entgegenwirken?

In den letzten Jahren habe ich Workshops an über 250 Schulen geleitet. Auch viele sogenannte Brennpunktschulen mit hohem Ausländeranteil waren dabei. Für mich war es spannend zu sehen, wie bemüht Lehrerinnen und Lehrer waren, mit Schülern über harte Themen wie Radikalisierung und Islamisten zu sprechen. Wenn ich in der Klasse stand, ging es um vollkommen andere Dinge. Ich rede nicht von oben herab mit den Jugendlichen, sondern bin in diesen Momenten einer von ihnen. Ich finde, wir brauchen andere Methoden und einen Raum für glaubwürdige Vorbilder, mit denen sich die Jugendlichen identifizieren können.

Häufig werden aber gerade so kritische Menschen wie du, die in der Community als „gut integriert“ gesehen werden, in konservativen Kreisen auch nicht gut aufgenommen.

Es wird immer Menschen geben, die sich selbst einer Veränderung für immer verschließen werden. Es verhält sich genauso wie bei den schon erwähnten Österreichern, die mich niemals akzeptieren werden, vielleicht weil ich Omar heiße und schwarze Locken habe. Ich erwarte nie, dass ich zu 100 Prozent bei allen Jugendlichen in den Schulen ankomme. Zumindest kann ich einen Großteil von mir überzeugen. Nicht nur an den Schulen, sondern auch in den Moscheen. Moscheen können Orte sein, an denen in schlimmen Fällen Radikalisierung und in den besten Fällen Integration stattfindet. Workshopleiter, die selbst einen Bezug zum Islam haben, können hier viel bewegen. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die als wertvolle Ressource eingesetzt werden könnten. Aber wer unterstützt uns?  Das muss die Politik mitbedenken.

 

 

Leseempfehlung:

Sisi, Sex und Semmelknödel – Ein Araber ergründet die österreichische Seele
Omar Khir Alanam
288 Seiten
2020 erschienen beim Verlag „edition.a“

Omar Khir Alanam 

 

 

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