Mango, mein süßer Zeitfresser

03. Oktober 2018

Ich musste früher Mutter werden, als mir lieb war. Mein erstes Kind habe ich mir anders vorgestellt. Zum Beispiel hätte es ruhig meines sein dürfen.


von Maryam Ghanem

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Ich kann mich noch genau an diesen Tag zurückerinnern: An diesem Abend war ich auf meinem Maturaball. Um drei Uhr morgens stand ich in der Haustür und stellte verwundert fest, dass a) keiner schläft und b) meine Mutter sich zum Aufbrechen bereitmacht. „Meine Wehen haben eingesetzt“, sagte sie mir beiläufig in so ruhigem Ton, als wenn sie von ihrer Einkaufsliste sprechen würde. Meine Schwester kam auf die Welt, als ich 18 war. Zwei Tage nach meinem Geburtstag. Ich musste mir von da an nicht nur die Aufmerksamkeit teilen, die mir als einzige Tochter zugestanden hatte, sondern auch meine Geburtstagsfeier.

Baby, Mango, süss

Windeln statt Skripten

Ich tauschte Lernunterlagen gegen schmutzige Windeln und Ausschlafen gegen Aufpassen. Mein Vater half mit, wo er nur konnte, allerdings waren Zeit und Nerven knapp, weil er viel arbeiten musste. Anstatt mich vollends auf meine Matura zu konzentrieren, lies ich mich gerne von der Kleinen ablenken. Wer kann schon einem Baby samt winzigen Fingern und Füßen widerstehen?  Als meine Mutter nach der halbjährigen Karenz wieder arbeiten ging, war ich inzwischen Studentin. Von meinen Geschwistern war ich diejenige mit den meisten Freiheiten bzw. diejenige, die sich die Freiheiten nehmen konnte. Meine Devise, die leider Gottes gegen mich verwendet wurde: Keine Uni vor Mittag. Das kam dem Rest meiner Familie sehr gelegen, jetzt konnten sie mir guten Gewissens alle Verantwortung im Zeitraum von 8 bis 14 Uhr zuschieben.  Jemand musste schließlich die kleine Mango in den Kindergarten bringen. Ich war weniger begeistert. In dieser Zeit durfte ich nicht nur drei bis fünf Stunden schlafen, nein, ich hatte auch die Ehre, wachgesabbert zu werden. Den Sabber nehme ich für das kindliche Lächeln, das mir Mango dafür schenkt, jederzeit in Kauf. Ich habe elterliche Pflichten übernommen. Ich habe vier Eingewöhnungsphasen in vier verschiedenen Kindergärten hinter mir, auch Elternabende standen auf meiner To-Do-Liste.

Latexhandschuhe

Ich habe mein breitestes Grinsen aufgelegt, Interesse vorgeheuchelt und sogar diese lächerlichen Aufgaben mitgemacht. Dabei war mein einziger Wunsch, zuhause meine aktuelle Serie weiterzuschauen. Ich habe Playdates organisiert, an denen ich letztendlich selbst mit ihr spielen durfte. Auch Arzttermine und Magistratsbesuche haben sich gehäuft. Nicht gerade die Definition von Spaß für eine 19-jährige Studentin.  Die schlimmsten Tage, darauf muss ich euch jetzt vorbereiten, sind die, in denen dein Kind von einem Fieber oder einer anderen Krankheit geplagt wird. Du kannst nicht nur Schlaf vergessen, du kannst dich auch auf nervtötendes Geschrei und gewalttätige Auseinandersetzungen (Krone-Schlagzeile: „Baby schlägt Studentin“) einstellen. Mango war schon immer dickköpfig, aber wenn es darum ging, ihre Medikamente zu nehmen, hat sie eine neue Seite gezeigt: eine, die an einen Exorzismus erinnert. In den meisten Fällen braucht es zwei Personen, um ihr diese zwei Milliliter an Flüssigkeit einzuflößen. Wenn sie besonders energiereich ist, dann auch gerne mal drei. Nun stellt euch mich, halbtot, vor, wie ich um acht Uhr morgens alleine versuche, ihr Antibiotika zu geben. Da kommen alle Glieder, die mir zur Verfügung stehen, zum Einsatz. Ich bin mir nicht sicher, ob da ein direkter Zusammenhang besteht, aber ihr Stuhl riecht in dem Zustand immer besonders streng. Selbst ein umgebundenes Tuch und viel Parfüm verhindern nicht, dass dieser unmenschliche Gestank meine Geruchsrezeptoren herausfordert und meinen Würgreflex hervorruft. Ich schaue in der Regel weg und blicke gelegentlich zum Geschehen, um sicherzustellen, dass ich eh die richtigen Stellen abwische. Wenn der Windelinhalt besonders beträchtlich ist und er schon aus der Windel herausragt, greife ich auch gerne auf Latexhandschuhe zurück.

Baby, süss

Wut und Glücksgefühle

Mango ist ein Kind, das viel Aufmerksamkeit braucht und gewohnt ist. Ein Phänomen, das fast auf alle jüngsten Familienmitglieder zutrifft. Sie kann sich nicht selbst beschäftigen, was heißt, sie muss beschäftigt werden. Während der Rest meiner Familie nur darauf wartet, sich ihr zu unterwerfen, lasse ich sie gerne mal weinen. Man könnte meinen, ich bin in dieser elterlichen Beziehung der böse Cop. Irgendwer muss das ja machen. Außerdem ist Weinen bekanntlich gesund. Meine strenge Liebe hat keinen negativen Einfluss auf unsere Beziehung – ganz im Gegenteil, vermutlich ist sie der Grund für unsere unermessliche Liebe zueinander. Wenn sie was ausgefressen hat, kam sie bald zu mir, um sich zu entschuldigen und erträgt es nicht, wenn ich wütend auf sie bin.

Ich will euch mit all dem weder abschrecken, noch euch eine kinderlose Zukunft einreden. Ich werde voraussichtlich die nächsten zehn Jahre keine Mutter werden wollen, trotzdem: Kinder sind etwas unvergleichlich Schönes. Mango greift nach meiner Hand, wenn ich mich alleine fühle. Mango lacht mich an, wenn es das Universum gerade nicht macht. Mango streichelt meinen Arm, wenn ich mich nach Zuneigung sehne. Kinder spüren so etwas, und Mango erst recht. Sie erweckt Gefühle in mir, die sich nicht beschreiben lassen, Gefühle, die mir kein anderer geben kann. Mango wird immer mein erstes Kind bleiben.

 

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