Mein erstes Mal mit einem Imam

29. Oktober 2010

Die Arbeit bei biber ist ja schon eine spannende Sache und für mich als einzige Vollblut-Österreicherin in vielen Dingen Neuland. Aber ich denke, mit meiner Integration steht es recht gut - ich kann sogar schon ein bisschen auf Serbisch schimpfen (auch wenn meine Aussprache schrecklich sein muss, so wie die Ivana sich immer einen abgrinst!)! Jeden Tag lerne ich neue Lebensarten und Aspekte anderer Kulturen kennen. So weiß ich jetzt etwa, wie Familie Cucujkic bei einem dreitägigen Fest ihren Schutzheiligen mit Bergen an Essen abfeiert, was meine sonst so friedliche Kollegin Ivana Martinovic zum Ausrasten bringt und wo es die besten Cevapi gibt.

Und gestern Abend, da habe ich dann eben einen Imam getroffen. Ich dachte immer, Imame sind alte, furchteinflößende, langbärtige Männer, die Dinge erzählen, die mit meiner Welt wenig zu tun haben - ich hab's ja prinzipiell nicht so mit der Religion.
Ja, aber nicht so mein Imam! Tarafa Baghajati mochte ich vom ersten Moment. Weil er ein Sympathieträger ist, weil er sich Profiterol und eine Melange bestellt hat und ich ihn alles fragen durfte was ich wollte. Ich habe mich sehr ausführlich mit ihm über die Rolle der Sexualität im Islam unterhalten (lest ihr im nächsten Heft), über die Probleme und Berührungsängste, die dem Islam täglich begegnen und so einiges mehr. Wir sind eigentlich sehr lange in diesem kleinen Café gesessen und ganz ehrlich, ich hätte diese Gespräche noch viele Stunden fortsetzen können.

Weil ich persönlich Menschen mag, die sich für etwas einsetzen und versuchen, nach ihren Werten, die richtigen Dinge zu tun - und das tut dieser Mann. Er predigt die Werte seine Religion nicht nur, sondern lebt sie auch.

So ist Tarafa Baghajati einer der besten Streitkräfte an der Seite von Rüdiger Nehberg, die mit dem Projekt Target versuchen, in Afrika darüber aufzuklären, dass die Genitalverstümmelung bei Frauen ein Verbrechen ist. Er selbst ging persönlich zu vielen geistlichen Gelehrten und diskutierte mit ihnen diesen alten Brauch und überzeugte sie davon, dass es erstens für die Frauen - und in weiterer Folge für die Gesellschaft - schlecht ist und außerdem nicht in Allahs Sinne. Diese wiederum gingen in die Dörfer und predigten das dort. Und damit die Beschneiderinnen nicht arbeitslos werden, finanzierte man ihnen Nähkurse, damit sie auch in Zukunft von etwas leben können. Ihr merkt schon meine Begeisterung für dieses Projekt! Ihr müsst unbedingt das Buch "Karawane der Hoffnung" (ja, kitschiger Titel) von Rüdiger Nehberg lesen!!!!

Wie auch immer, was ich sagen wollte: ich wünsche mir mehr Menschen wie Tarafa Baghajati, die viel dafür tun, dass die Vorurteile gegen den Islam aufgeklärt werden und der durchaus bereit ist uralte Traditionen kritisch zu diskutieren, wenn sie Menschen schaden. Der zwar sicher sehr religiös ist, aber nicht fanatisch und den man fragen darf, wie es in seiner Welt eigentlich so ausschaut.

Seine Art zu leben ist zwar, glaube ich, nichts für mich - aber das muss ja auch nicht sein. Aber ich bin nach dieser Unterhaltung an Wissen und einer Erfahrung reicher.

Und ich persönlich finde es schön, wenn meine Welt bunter und vielfältiger wird!

Kommentare

 

...auch der meinung, dass man bei biber - schritt für schritt - mehr über andere kulturen kennen lernt (vor allem die serbische, türkische usw...). mir geht es genauso. der kulturelle austausch bei biber ist auf jeden fall eine tolle sache, denn man merkt, wie wenig man eigentlich von den anderen kulturen weiß. Vor biber war ich nur an die (durchaus kleine) italienische migrantengruppe orientiert, als würde es keine anderen kulturen in wien geben, dachte ich automatisch nur "an meine leute". nach dem motto "jeder unter sich". aber bei biber ist es anders, da konnte ich bis jetzt quasi als "aussenstehender" italiener ein wenig aus den kulturen, denkweisen und gefühlswelten anderer kulturkreise etwas mitbekommen bzw mitnehemen. und mit der zeit wird es immer mehr. mein wortschatz ist aber noch nicht so erweitert, daran muss ich noch arbeiten: Dober Dan!

 

es gibt auch ein großartige doku zum buch karawana der hoffnung.
gibts bei pro7 online glaub ich

 

bin gespannt auf den rest :)

 

freut mich für dich anna!

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