Mein neues Favoriten

10. April 2014

Richtige Favoriten-Urgesteine haben das längst erkannt. Der zehnte Bezirk verändert sich und ich mittendrin. Über Röhrenjeans, Tanzkurse und Streetart aus dem Arbeiterbezirk.

 

Von Jelena Pantić und Mafalda Rakoš (Fotos)

 

Schauplatz Absberggasse - hier habe ich meine frühen Kindheitsjahre verbracht. Fährt man vom Reumannplatz zwei Stationen mit der Tramlinie 6 Richtung Simmering, kommt man an jenen Ort, vor dem alle Nicht-Favoritner Angst haben. Diese Gegend beherbergt jedes einzelne Klischee, das über den zehnten Wiener Gemeindebezirk in Umlauf ist. Die Migrantenquote beläuft sich hier auf gefühlte 100%. Das Panorama ist hauptsächlich durch Wettbüros und Dönerläden geprägt. Und am Abend bekommt man es dank gruseliger Gestalten mit der Angst zu tun. Doch genau hier zwischen Zwiebelgeruch und Spucke am Boden fällt mir was ins Auge: ein riesiges Kunstwerk. Schon vor Monaten lachten mich die Graffitis von diesem alten Backsteingebäude an. Wird mein Favoriten etwa zum hippen Stadtteil?

 

Ostlicht, Hilger und Musikakademie

Warum ausgerechnet der Zehnte? Ich plaudere mit Frau Sandra Broeske von Loft City, die das Kulturangebot in der ehemaligen Ankerbrotfabrik verwaltet. Die Grundidee „wir machen etwas im Zehnten“ sei es nicht gewesen, eher der Zufall, dass die Ankerbrotfabrik am Markt war. „Es passte in das Konzept des Geschäftsführers Walter Asmus alte Industriegebäude zu beleben“, so Broese. Dort findet man jetzt unter anderem die Medienakademie „Deutsche Pop“, die Galerie von Ernst Hilger und die Ostlicht-Galerie für Fotografie. Es seien “hauptsächlich Studenten und Intellektuelle, die wir momentan zu unseren Besuchern zählen”, erzählt mir Frau Broeske. In der Kunstszene weiß jeder: Spannend ist, was nicht im Schicki-Micki-Rahmen der Innenstadt passiert. Mit Galerien und Ausstellungen können die Ureinwohner des Wiener Ghettos aber nicht viel anfangen. Noch nicht.

 

 

Cello in Favoriten

Absberggasse und Künstlerviertel in einem Satz hört sich für mich so fremd an. Ich begebe mich mit meiner Freundin und Kollegin Nour auf einen Spaziergang in der Gegend. Wir konnten uns gar nicht satt sehen an dem ganzen Vintage-Zeug, das sonst in den Schaufenstern des siebten Bezirkes zu finden ist. Da stehen wir also zwischen diesen gepimpten Backsteingebäuden und genießen das künstlerische Flair. Auf den Treppen sitzt rauchend ein Typ mit Ziegenbärtchen und Röhrenjeans, gleichzeitig kommen uns drei Menschen, gekleidet wie Museumsdirektoren, entgegen. Es ertönen die Klänge eines Cellos – ein Cello in Favoriten!

Um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume, gehe ich zu meinem kleinen, persönlichen Altar. “Unter dieser Straßenlaterne hat mir mein Daniel zum ersten Mal gesagt, dass er mich liebt”, sage ich zu Nour. Um die Ecke treffen wir auf ein paar Favoritner Ghetto Kids. Halbstarke, die rauchen, lachen und spucken. Gut, die Welt steht noch.

“Normalerweise schaut man hier niemandem ins Gesicht, damit man keins auf die Fresse kriegt”, erzählt mir Favoritnerin Martina am Telefon. Erst kürzlich hat sie aber ein Pärchen getroffen, das eher in die Schublade “siebter Bezirk, kauft im Bio-Laden ein” passen würde. “Man schaut sich an und lächelt, weil man weiß, dass man hier eigentlich nicht reinpasst”, fährt sie fort und grübelt darüber, ob es Hipster waren oder doch nur arme Studenten wie sie, die hier wohnen weil es günstig ist.

 

 

„Endlich mal was anderes.“

Die 22-jährige Andrea freut sich über die großen Veränderungen ihres Heimatbezirks. „Im Zehnten war früher wenig los“, erzählt sie und schwärmt von den Gratis-Tanzkursen von „Superar“. Regelmäßigen Musik-, Tanz- und Orchesterunterricht könnte sich sonst aus der Gegend kaum

jemand leisten. Nun heißt es Tanzbein schwingen statt Kickbox und Fitness.

Während ich die letzten Zeilen dieses Artikels schreibe, sitze ich wieder in der Brotfabrik. Nicht der Recherche wegen, sondern weil ich mich hier wohl fühle. Ich picke an der Scheibe der Ernst Hilger Galerie und lausche dem Treiben im Backsteinhof der ehemaligen Anker Brothalle. Plötzlich spricht mich ein junges Mädchen mit Kopftuch an: „Schön, gell? Endlich mal was anderes.“ Ich nicke zustimmend zurück. Ich mag das neue Favoriten!

 

 

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