Mein Vater, der Salafist

13. Juli 2015

Hassan ist salafistischer Imam und für viele ein fanatischer Gotteskrieger. Nicht für Jasmine. Die 20-jährige Maturantin schlüpfte in die Rolle der Journalistin und interviewte ihren Vater Hassan, den Salafisten.

Von Amar Rajkovic, Jasmine Rebh Ben Cheikh Taieb und Denis Baskan (Mitarbeit)

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Foto: Christoph Schlessmann

Jasmine: Hassan, würdest du dich als Salafist bezeichnen?

Hassan: Absolut, mit Stolz! Die Salafisten verbreiten die wahre und richtige Religion. Wir („Die Salafisten“) beziehen uns auf die ersten drei Generationen von Muslimen, auf die Gefährten und Begleiter des Propheten Mohammed (Arab.: Sahāba). Sie haben die Religion direkt vom Propheten übernommen.

Wenn ich auf Google „Salafismus“ eingebe, kommen als erste drei Suchergebnisse: „Die Gewaltideologie des Steinzeit-Salafismus“, „Bedrohung durch Islamisten erreicht neue Dimension“ und „Salafismus kann jede Familie treffen“. Warum wird der Begriff, den ich oft mit dir in Verbindung bringe, medial nur mit Gewalt und Fanatismus verlinkt?

Die Leute haben viele Vorurteile im Kopf. Sie sehen jemanden wie mich mit Bart, und denken automatisch an IS und Terrorismus. Ich würde gerne mal in einer Kirche neben einem Pfarrer stehen, damit mir dort alle Leute Fragen zum Islam stellen können. Würde ich irgendjemand fragen, welche zehn negativen Dinge ihm über Salafismus einfallen, hätte er in einer Minute hundert. Würde ich ihn nach positiven Aspekten fragen, müsste er sicher mehrere Tage überlegen. Das liegt an den Medien und ist sehr gefährlich. Die Muslime, weltweit, sind ständig in Verteidigungsposition. Wir Salafisten kämpfen hier an zwei Fronten: Gegen die, die gegen den Islam hetzen und gegen die Radikalen in unseren eigenen Reihen. Wir müssen den Islam richtig verkaufen, das ist unsere Verantwortung.

Was ist die häufigste Frage, die dir in Bezug auf den Islam gestellt wird?

Bist du glücklich mit deinem Leben? (lacht) Aber im Ernst, ich beantworte gerne Fragen. Vor allem in Bezug auf Religion ist es wichtig Fragen zu stellen.

In mir drängen sich viele Fragen auf und ich bin froh sie dir stellen zu können. Du hast mir nie den genauen Grund gesagt, warum du Imam geworden bist.

Ich bin mit 20 Jahren nach Österreich gekommen, jetzt bin ich 55. Ich war 30 Jahre lang auf der Suche. Seit zehn Jahren bin ich Imam, jetzt habe ich meinen Weg und den kann mir keiner wegnehmen. Für Außenstehende wirkt mein Weg vielleicht radikal, aber ich bin glücklich damit.

Warum gerade der Islam und keine andere Religion? 

Ich wurde als Moslem geboren, habe aber, wie viele andere Muslime, nicht den Islam praktiziert. Als ich dann das erste Mal wirklich gebetet habe, fühlte ich mich wie neu geboren. Davor fühlte ich mich leer, wie ein Tier.

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Foto: Christoph Schlessmann

Wie würdest du reagieren, wenn ich mit einem streng gläubigen Christen oder Juden als zukünftigen Ehemann nach Hause käme?

Dann würde ich sagen, „Auf Wiedersehen, du hast nichts gelernt von mir!“ (lacht) Würde er zum Islam konvertieren, wäre ich glücklich darüber und würde es akzeptieren. Ich glaube nicht, dass die Kombination funktioniert.

Kann die Liebe zu Gott stärker sein als die Liebe zu mir?

Die Frage stellt sich für mich nicht. Nichts ist größer und wichtiger als Gott.

Wäre es dir lieber, wenn ich das Kopftuch tragen würde?

Absolut, da wäre ich wahnsinnig stolz.

Wie viel bedeute ich dir als Frau?

Wahnsinnig viel! Ich habe erreicht, was ich von dir wollte und jetzt, mit 20, gehst du deinen Weg. Das macht mich glücklich.

Welchen Stellenwert haben Frauen in deinem religiösen Weltbild?

Frauen sind heilig im Islam. Wir Männer verstehen oft nicht, was Mütter durchmachen, wenn sie ein Kind gebären. Ich erzähle euch eine Geschichte über den Propheten: Ein Salafist aus dem Kaukasus kommt zu Muhammed a.s. und fragt: „Sag mir, Prophet, welcher Mensch steht mir am nächsten?“

Ummuk – Deine Mutter!“, sagt der Prophet.

„Und wer noch?“ „Deine Mutter!“

 „Wer noch?“ „Deine Mutter!“

„Wer noch?“ „Dein Vater.“

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Foto: Christoph Schlessmann

Soll ich am besten einen Araber heiraten?

Nein, das muss nicht sein. Ich habe eine Österreicherin geheiratet und bin glücklich mit ihr.

Warum magst du es nicht, wenn ich dich Prediger nenne?

Prediger sind für mich christliche Pfarrer, ich bin ein Imam. Oft nennen mich Gläubige „Sheikh“, was mir nicht gefällt. Ich bin Hassan und möchte auch so angesprochen werden.

Wie reagierst du auf misstrauische Blicke in der Straßenbahn?

Oh, die gibt es ständig. Da gab es beispielsweise einen Vorfall, bei dem mich ein besoffener Mann in der Straßenbahn wüst und laut beschimpft hat. Die anderen Fahrgäste haben sich umgedreht, an ihren Blicken konnte ich sehen, dass ein Teil von ihnen dem Mann innerlich zustimmte. Ich habe zu Gott gebetet, dass er mir die Kraft geben soll, stark zu sein, um nicht aggressiv auf diese Beleidigungen zu reagieren. Als der Mann allerdings ausgestiegen ist, sind einige Leute auf mich zugegangen, um mir zu sagen, dass ich so eine Person nicht ernst nehmen soll. Ich war gerührt von dieser Unterstützung.

Was hältst du von radikalen Jugendlichen, die aus ihrer Heimat ausreisen und in einem fremden Land unschuldige Menschen töten?

Diese Jugendlichen haben keine Ahnung. Würden sie den Islam richtig verstehen, wüssten sie, dass man die Religion auf andere Art verteidigen muss. Es gilt den Islam zu verkaufen, ihn zu predigen.

Was hältst du von der Idee, alle Predigten in den Moscheen auf Deutsch zu halten?

Super Idee! Es ist aber wichtig, dass der Koran dabei richtig ins Deutsche übersetzt wird. Wir (die Imame) möchten das dann aber selber machen, ohne Einmischung durch die Behörden.

Was wünscht du mir für die Zukunft?

Das alles gut wird, wirklich alles!

 

Infobox: Salafismus

Der Begriff „Salafiya“ setzt sich zusammen aus dem arabischen Wort für „Vorgänger, Altvordere“ (salaf) und der Feminin-Form der Nisbe-Endung (-iya). Der Begriff Salafiya kann als „die Orientierung an den frommen Altvorderen“ wiedergegeben werden. Zu verschiedenen Zeiten haben sich Bewegungen herausgebildet, deren Verständnis des Islam sich an der Frühzeit der Religion orientiert und das daher von ihren Anhängern als unverfälscht angesehen wird. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein Fundamentalismus im Wortsinne, da viele Jahrhunderte theologischer Entwicklung ignoriert werden, um direkt zu den Quellen Koran und Sunna zurückzugehen.

 

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