"Mich kränkt nichts."

10. Juli 2015

 

Alltagsgeschichten-Schöpferin Elizabeth T. Spira über Fremdenhass, voyeuristische Veranlagungen und warum Österreich nach rechts tendiert.

Von Amar Rajkovic und Julia Alawneh (Mitarbeit)

Spira, Alltagsgeschichten, Kaisermühlen, Eier aus Stammersdorf
Foto: Milenko Badzic / First Look / picturedesk.com

Die ersten zehn Minuten des Interviews bestanden aus Lobhudeleien und Liebesbekundungen unseres Redakteurs Frau Spira gegenüber. Der 72jährige Fernsehjournalistin war das sichtlich unangenehm, deswegen ersparen wir euch die Details und springen sofort zum Interview.

Biber: Frau Spira, wie schaffen Sie es, dass Ihre Sendungen sowohl Trauer als auch Humor vermitteln?

Das Leben ist nicht nur tragisch oder nur lustig. Armut als ständige Tristesse und Erniedrigung zu zeigen, ist schrecklich. Selbst Menschen, denen es schlecht geht, verlieren nie ganz ihren Humor oder erleben seltsame Situationen.

Wie ist Ihr Zugang zur Flüchtlingsthematik?

Ich komme auch aus einer seltsamen Familienstruktur. Meine Eltern sind 1938/39 geflüchtet aus Österreich. Sie sind dann aber nach dem Krieg zurückgekommen. Meine Existenz in Wien war ebenfalls nicht ganz unproblematisch. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Genau deswegen sehe ich die Dinge wahrscheinlich ein bisschen anders als jemand, der nie aus seiner Heimat fliehen musste. Und ganz gewiss sehe ich die Dinge anders als die Frau Innenministerin.

Viele Ihrer Alltags-Geschichten stammen aus den 80ern und 90ern. Das vorherrschende Thema damals: Ausländer. So wie heute. Was hat sich verändert?

Das waren damals die anderen Fremden: die Gastarbeiter aus der Türkei und Ex-Jugoslawien. Diese sind bereits seit drei Generationen assimiliert und daher haben die Österreicher vor ihnen weniger Angst, als jetzt vor den Flüchtlingen.

Ein Beispiel: Tschechen zweiter Generation werden schnell aggressiv, wenn sie neuangekommene Tschechen sehen, die oft sehr arm sind. Viele Menschen die aus Italien oder eben der ehemaligen Tschechoslowakei gekommen sind, waren extrem bemüht, Deutsch zu lernen und sich zu assimilieren. Diese Menschen und jene aus zweiter Generation haben einen ganz besonderen Zorn auf jene, die herkommen und haben Angst, dass sie nun auch als „Fremde“ eingestuft werden. Der Fremdenhass und die Angst kommen nicht nur von Inländern, die seit Generationen hier leben, sondern auch von türkischstämmigen Österreichern. In Wien Favoriten wird sich wahrscheinlich kein Türke kritisch zur FPÖ äußern.

Warum fühlen sich Menschen von der rechten Politik der FPÖ angezogen?

Das weiß ich nicht, aber es gibt Länder, in denen die Bevölkerung bei Problemen nach links geht. Griechenland etwa. Dann wiederrum gibt es Länder, die nach rechts gehen. Ich befürchte, dass die meisten katholischen Länder wie Österreich nach rechts tendieren.

Nun zu etwas Aktuellerem. Kann die Art Verkuppelungssendung, wie Sie sie machen heute noch gut funktionieren?

Ich mache keine Verkuppelungssendung, sondern mich interessieren Geschichten, wie in diesem Fall über Einsamkeit, verlorene Liebe oder Sehnsüchte. Diese Geschichten kommen eben in dem Gewand dieser Sendung daher. Das Interesse der Zuschauer ist groß, da es so zu einem interaktiven Erlebnis wird, denn sie können sich ja selbst bewerben.

Es melden sich also wirklich auch die Jungen? In Zeiten von Parship und Tinder rechnet man nicht wirklich damit.

Es melden sich noch immer mehr Ältere als Junge, aber wir haben auch Mittdreißiger dabei. Das sind dann unsere Jungen. Die Geschichten stehen aber im Vordergrund. Mir ist es gleich, ob ein Mensch schön oder schirch, alt oder jung ist. Wichtig ist, ob er seine Geschichte im Fernsehen und somit in der Öffentlichkeit erzählen möchte.

Haben Sie noch Kontakt zur vorbildlich integrierten Österreicherin oder den Eiern aus Stammersdorf?

Aus den Alltagsgeschichten nicht mehr. Man kann nicht alles mit sich schleppen. Es wartet immer schon eine neue Geschichte. Ganz selten gibt es einzelne die sich melden, aber es ist eher wie ein Reisebericht, den man nur einmal aufzeichnet. Auch wenn mich die Menschen interessiert haben, schaffe ich es persönlich nicht in Kontakt zu bleiben. Ich bin weder Sozialarbeiterin noch Pfarrer.

Ihnen wurde oft Voyeurismus vorgeworfen, weil sie oft arbeitslose, sozial benachteiligte Menschen ins Zentrum rücken und sie damit der Kritik des Massenpublikums aussetzen. Zu Recht?

Das ist mir ständig vorgeworfen worden. Ich möchte mich da auch nicht verteidigen, denn ich mache es so, wie ich es sehe und mein Inneres geht niemanden etwas an. Es ist meine Leidenschaft. Ich werde oft als Voyeuristin dargestellt, aber wenn man als Fernsehmacherin nicht voyeuristisch veranlagt ist, wird man keinen Erfolg haben.

War Ihnen jemand schon einmal zu derb oder psychisch fragil, den Sie so nicht vor die Linse lassen wollten?

Ich habe für fast alles Verständnis, nur wenn sich jemand ausländerfeindlich oder rassistisch gibt, muss er es ertragen können, wenn er dann auch so von Außen wahrgenommen wird. Ich habe es dann trotzdem gezeigt, weil es ihnen nur dann peinlich wird, wenn es vor einem Publikum passiert. Ich weiß, diese Menschen schimpfen unentwegt, und mein Ziel war es diese Realität zu zeigen.

Gab es für Sie Momente in denen sie ihre Wut über die Dinge die gesagt wurden, nicht mehr zurückhalten konnten?

Nein. Ich wusste, ich habe eine gute Beute gemacht. Mich kränkt als Journalistin nichts.

TV-TIPP: 

Ab 12. Juli 2015 sind in ORF 2 acht "Alltagsgeschichte"-Klassiker zu sehen.

 

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