„Migration gab es schon immer und wird es auch immer geben.“

23. Mai 2017

Cana Bilir-Meier ist eine sehr politische Künstlerin und Filmemacherin, die ihre Familiengeschichte in ihren Werken verarbeitet. 2016 war sie die erste Deutsch-Türkin, die den Birgit Jürgenssen-Preis erhalten hat. Heuer sind Arbeiten der 30-Jährigen Teil der Ausstellung „How To Live Together“ in der Kunsthalle Wien.

biber: Wie fließt deine türkische Identität in deine Arbeit und Familiengeschichte?
Cana-Bilir-Meier:
Viele meiner Arbeiten beschäftigen sich mit den Themen der Migration und Erinnerung und der Frage wie diese Stimmen und Geschichten erzählt werden können, die vielleicht nicht sichtbar sind oder unsichtbar gemacht werden. Unsichtbarkeit bedeutet aber auch Schutz, daher muss ich mich als Künstlerin fragen: Wen mache ich sichtbar und wie? In meiner eigenen Arbeit bin ich auch auf ein sehr großes teils privates, teils öffentliches Archiv gestoßen, aus dem ich viel schöpfen kann. Meine Familie mütterlicherseits sind arabische Aleviten, eine Minderheit in der Türkei. So wie die Türkei sind auch Österreich und Deutschland Gesellschaften der Vielen. Migration gab es schon immer und wird es auch immer geben. Interessant finde ich auch, dass die sogenannten GastarbeiterInnen in den Sechzigern in ein Land gekommen sind, in dem einige Jahre zuvor der Nationalsozialismus geherrscht hatte. Sie kamen in ein Land, dessen Strukturen zutiefst rassistisch waren. Dass dieser Rassismus auch noch heute institutionell wie auch gesellschaftlich verankert ist, beunruhigt mich sehr. Mich interessiert die Perspektive der Migration. Das ist ja auch meine eigene Geschichte und darüber kann ich am ehrlichsten sprechen.

cana bilir meier
Die Künstlerin Cana Bilir-Meier. (Foto: bereitgestellt)

Was möchtest du mit deiner Arbeit bewirken?
Mir geht es nicht darum, Menschen einen Spiegel vorzuhalten oder zu sagen, ich wüsste jetzt wie Zusammenleben funktioniert. Für mich stehen die Fragen und die Recherche meist im Vordergrund. Die Suche ist meine Arbeit. Das heißt, ich mache keinen Unterschied zwischen einer ‚fertigen’ und einer ‚unfertigen’ Arbeit, sondern binde die ZuseherInnen in diesen Prozess mit ein. So sind meine Arbeiten meist ‚Screenshots’ des Zustandes und entwickeln sich immer weiter, verändern sich oder lösen sich auf. Meist lerne ich in diesen Prozessen auch sehr viel über mich und die Arbeiten spiegeln mein Interesse und meine Gedanken wider.

Du hast 2016 den Birgit-Jürgenssen-Preis* erhalten. Was bedeutet er für dich?
Für mich war es schon etwas Besonderes, da ich finde, dass die Themen die ich behandle, also Themen von Migration, Rassismus, Erinnerung in Form von Poesie, Film, Performances und Text bisher noch nicht in der Geschichte des Preises vorkamen und ich die erste Person mit türkischem Bezug bin. Das Finanzielle ist natürlich auch eine weitere wichtige Unterstützung. So konnte ich meine Arbeit fortsetzen und das hat mich bestärkt. Noch dazu ist Birgit Jürgenssen selbst eine sehr faszinierende und bedeutende Künstlerin, deren Arbeit ich sehr schätze, nicht zuletzt, weil sie auch eine politische und feministische Position einnimmt.

* Dieser Preis wird jährlich an Studierende der Akademie der bildenden Künste Wien für eine Arbeit im medialen Bereich verliehen.

Kannst du dir aktuell vorstellen in der Türkei Kunst zu schaffen?
Erst vor ein paar Monaten hatte ich eine Einzelausstellung in Istanbul. Es schaffen so viele KünstlerInnen trotz der brutalsten Umstände ihre Arbeit fortzusetzen. Ich wünsche mir sehr, dass all die JournalistInnen und KünstlerInnen, einfach alle Menschen, wieder frei und unabhängig ihre Arbeit machen können. Im Moment ist das leider nicht der Fall. Trotzdem hilft es nichts, aufzugeben, sondern mehr als je zuvor für eine gerechtere Gesellschaft zu hoffen und zu kämpfen.

Und wie ist das mit türkischer Kunst in Österreich?
Mein Film ‚Prolog Yorgun Savaşçı 28229/2’ setzt sich mit dem Abriss des ältesten Kinos in Istanbul, dem Emek Sinemasi, 2013 und vor allem dem Kino und der Zensur in der Kunst auseinander. Ich habe den Film auf der Diagonale gezeigt und war sehr erstaunt, dass so wenige über das Kino in der Türkei und die türkische Filmgeschichte Bescheid wissen. Warum wird dieses Wissen nicht gelehrt? Es leben so viele TürkInnen  in Österreich. Ich wünsche mir, dass die Perspektive der MigrantInnen künftig selbstverständlich reflektiert und nicht als etwas Anderes betrachtet wird. Das hat natürlich mit Machtstrukturen zu tun. Mit der Frage, welche KünstlerInnen in Sammlungen vertreten werden. Es wäre sicher einmal eine Studie wert, sich die österreichischen Sammlungen anzuschauen und diese im Hinblick darauf zu untersuchen, wie viele KünstlerInnen mit Migrationshintergrund  da aufscheinen.

Wie nimmst du an der Ausstellung „How To Live Together“ in der Kunsthalle Wien teil?
Für mich bedeutet „Zusammenleben“ vor allem in einer Gesellschaft der Vielen zu leben und dies anzuerkennen und sichtbarzumachen - aber auch dafür zu kämpfen und Vielfalt einzuklagen. Diese Kämpfe für ein gutes Leben haben schon viele Menschen vor mir ausgetragen und werden das auch künftig tun - darum geht es in meiner Arbeit. Konkret zeige ich einen Film, eine Audioarbeit und ein Buch. Ich arbeite hier die Geschichte meiner Tante Semra Ertan auf, die sich 1982 als Protest gegenüber dem Rassismus in Deutschland selbst verbrannte.

semra ertan, cana bilir meier
Cana erarbeitet die Geschichte ihrer Tante, Semra Ertan, die sich aus Protest verbrannte. (Foto: Cana Bilir-Meier, Semra Ertan (Filmstill), 2013, © Cana Bilir-Meier, Courtesy die Künstlerin)

Du bist auch beteiligt am TRIBUNAL NSU-Komplex auflösen. Magst du dazu noch etwas sagen?
Das Tribunal NSU-Komplex auflösen fand vom 17. bis 21. Mai 2017 in Köln Mühlheim statt und widmete sich zahlreichen offenen Fragen rund um den NSU-Komplex und klagt institutionellen sowie alltäglichen Rassismus in Deutschland an. Im Mittelpunkt steht dabei das migrantisch situierte Wissen der vom Nazi-Terror Betroffenen. Dieses Wissen soll sichtbar und hörbar werden. http://nsu-tribunal.de/

Im Rahmen dieses Tribunals wurde ich beauftragt einen Spot zu produzieren, der zur Mobilisierung entstand. Ich habe mich in meinem Spot „Bestes Gericht“ mit der Fernsehsendung „Richter Alexander Hold“ befasst, bei der ich mit der Darstellerin Lale Yilmaz, meiner Cousine, die Sendungen gemeinsam gesichtet habe. Die Spots werfen Spotlights auf die rassistischen Verhältnisse, welche rechte Netzwerke und deren Taten erst möglich machen. SPOTS verstehen dabei Ästhetik als politisches Handeln. Sie setzen der dominanten täterfixierten Bildpolitik und den medialen Überschreibungen rund um den NSU-Komplex etwas entgegen. Sie drehen Sichtbarkeiten um, stellen Widerstandsgesten dar, formulieren Fragen und Anklagen und wollen so eine breitere gesellschaftliche Debatte anstoßen: http://tribunal-spots.net

Was? „How To Live Together“

Wann? 25. Mai – 15. Oktober 2017

Wo? Kunsthalle Wıen, Museumsplatz 1, 1070

Weitere Infos unter: www.kunsthallewien.at

Dieser Artikel ist Teil einer entgeltlichen Kulturkooperation mit der Kunsthalle Wien. Die redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber.

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