Mitternacht im Muskeltempel

06. Dezember 2012

Mitternacht im Muskeltempel

 

„Nachts trainieren, morgens präsentieren.“ Zwischen Mitternacht und Morgengrauen stürmen Muskelfreaks auf ganz Wien die Fitnessstudios. Doch wieso drücken sie um zwei Uhr morgens lieber Bankerl, als im Bett zu schlummern? Artur traf für biber die Nachtsportler.

Sport treibe ich, seitdem ich acht Jahre alt bin. Ich bin ein Sportjunkie. Wenn ich verreise, kommen die Trainingssachen als erstes in den Koffer, wenn ich irgendwo ankomme, suche ich als erstes das nächste Fitnessstudio auf. Ob früh oder spät am Tag, Training geht immer. Aber in der Nacht? In der Nacht schlafe ich.

Doch es gibt Menschen in Wien, die regelmäßig nach null Uhr Sport betreiben. Und nein, ich meine nicht den „Nachtsport“, an den viele von euch jetzt denken könnten. Ich meine das Betätigen von Gewichten, Laufband und Fitnessgeräten. Wer hat um drei Uhr in der Früh nichts Besseres zu tun haben als Bankerl drücken? Um dem nachzugehen, ziehe ich die Pyjamahosen aus und die Nikeshorts an.

McFit, ein Uhr früh, Wien-Neubau: Ich treffe Tobi, er passt nachts auf das gut besuchte Fitnessstudio auf und hat dementsprechend die wildesten Geschichte zum Erzählen:„Ich habe einmal ein neues Gerät auf der Trainingsfläche gefunden. Es war ein dildoartiger Gegenstand. Keine Ahnung, wo der herkam, und ehrlich gesagt: `Ich will es auch nicht wissen`!“ Das „neue Gerät“ wurde entfernt. Es bleibt nur zu hoffen, dass keiner der Kunden es vorher ausprobiert hat. „Ein anderes Mal“, erzählt Tobi, „torkelte auf einmal ein betrunkener Mann ins Gym hinein und wollte ein Bier bei mir bestellen.“ Der Gast, keiner wusste, wie er ohne Mitgliedskarte hineinkam, sei überzeugt gewesen, endlich in der richtigen Bar gelandet zu sein. Nachdem ihm Tobi erklärt hatte, dass er wirklich kein Bier verkauft, zeigte sich der unerwartete Gast verständnisvoll: „A Bacardi-Cola wär a ned schlecht!“

Es passiert angeblich auch nicht so selten, dass die Nachtsportler auf den Sportgeräten einschlafen und Tobi gezwungen ist, sie aufzuwecken. „Meistens tun sie dann so, als wären sie nie eingeschlafen und setzen die Übung fort. Manche zählen ihre Wiederholungen sogar extra laut weiter.“

Durch das Monitoring-System hat Tobi an der Rezeption Einsicht in alle Bereiche des Studios, auch in den Eingangsbereich. In einer Nacht konnte er ein Pärchen in den intimsten Situationen beobachten. Sie hatten sich wohl von Österreichs berühmtestem Muskelheld – Arnold Schwarzenegger – inspirieren lassen. Wie er zu sagen pflegte: „The best for your health is pumping and humping.“

Aber es gibt auch welche, denen es tatsächlich ums effektive Training geht. Zwischen Mitternacht und Morgengrauen, habe ich elf von der Sorte Nachsportler getroffen und sie gefragt, wieso sie um die Uhrzeit lieber pumpen statt schlummern?

 

Emre Y. (links), 21, Fleischhacker

Emre K., 21, Behindertenbetreuer

Getroffen: Wien Favoriten

Trainingszeit: 00:00-1:00

Gerät: Bizeps-Curl-Gerät

 

 

 

 

 

 

 

Emre und Emre nennen sich selbst: „Brüder von anderen Müttern mit verschiedenen Problemzonen.“

Der eine (links im Bild) will seinen Körper „definieren“ und macht mehrmals die Woche „Kraftsessions“, der andere Emre möchte hingegen Muskelmasse zulegen. Die beiden Türken kommen mindestens einmal in der Woche nachts trainieren: „Es ist um ein Uhr viel ruhiger! Außerdem treffen wir noch manchmal Freunde um die Uhrzeit.“

 

Oguzhan (links), 18, Maurer

Muhammed, 20, Baumaschinentechniker

Getroffen: Wien Favoriten

Trainingszeit: 00:00-1:30

Gerät: Hanteln

„Ich bin leider der Jüngste! Klein aber fein.“ Um das zu kompensieren, trainiert Oguzhan nun seit vier Monaten regelmäßig. Obwohl er als Maurer arbeitet, hat er nachts noch genug Energie für Krafttraining. Respect! Sein Freund Muhammed ist Baumaschinentechniker und schon seit vier Jahren in Fitnessstudios anzutreffen. Er trainiert auch wegen der Arbeit in der Nacht. Seine Passion ist Thaiboxen: den ersten professionellen Kampf hatte er im März dieses Jahres. Es war der Vorkampf vom Weltmeistertitel-Kampf von Fadi Merza. Muhammed hat seinen Kampf gewonnen. Fadi auch.

 

Viktor, 47, Inhaber einer Baufirma

Getroffen: Wien Favoriten

Trainingszeit: 00:30-1:30

Gerät: Laufband

 

Viktor kommt aus Kroatien und lebt seit 25 Jahren in Wien. Er ist selbstständig und besitzt eine Baufirma. Nachdem er letztes Jahr einen Schlaganfall hatte, empfiehl ihm sein Arzt regelmäßig Sport zu treiben. Seitdem kommt er 2-3 mal die Woche ins Fitnessstudio. Er trainiert hauptsächlich Ausdauer und nur ab und zu ein bisschen Kraft. „Ich brauche keine Muskeln, ich hab‘ schon drei Kinder und eine Frau.“ Das Nachtraining ist genau sein Ding: „Ich schlafe besser, habe am nächsten Tag mehr Energie und kann mit einem nicht so schlechten Gewissen meine Zigarette rauchen.“

 

 

Billel, 20, Kellner

Getroffen: Wien Favoriten

Uhrzeit: 00:00-1:30

Gerät: Kabelzug/Brusttraining

 

Billel ist der polnisch-tunesische Arnold Schwarzenegger. Wegen seiner „Figur“ achtet er sehr auf seine Ernährung – trennt das Jahr in „Season“ und „Off-Season“. Im Sommer macht er strenge Diät – kaum Kohlenhydrate – und trainiert vor allem Ausdauer. Im Winter kehrt er den Spieß um und legt Muskelmasse zu. „Dieses Jahr habe ich mein Rekordgewicht von 105 Kilogramm erreicht“, erzählt er stolz. Zum Kraftsporttraining hat ihn wirklich seine Schwarzenegger-Begeisterung bewegt.

 

 

Tanja, 26, Verkäuferin

Getroffen: Wien Neubau

Trainingszeit: 0:00-1:30

Gerät: Rudern/Rückenmuskulatur

„Am Anfang wollte ich nur ein bisschen abnehmen. Nachdem ich aber mein Ziel erreicht hatte, war ich schon fitnesssüchtig.“ Tanja arbeitet bis 20 Uhr im Verkauf, wohnt in der Nähe vom Fitnessstudio und kommt drei Mal die Woche immer in der Nacht zum Training: dann sind die Geräte frei und es ist ruhig. In den zwei Jahren ist sie nur einmal von einem Fremden angemacht worden, der sei aber ein sehr netter Typ gewesen, und habe sie,, nachdem er gemerkt hat, dass sie nicht interessiert sei, in Ruhe gelassen. Als ich sie getroffen habe, war sie grad’ dabei, ein sehr anstrengend aussehendes Power-Circle zu trainieren.

 

 

Von links: Xiaogang (24), Pengxia (18), Sisi (21) und Jay (27), alle aus China.

Getroffen: Wien Neubau

Trainingszeit: 2:00-3:00

Gerät: Laufband und Kurzhanteldrücken

 

„In der Nacht ist es ruhig und man schläft besser nach einer Fitness-Session“, sagt Jay, der Bubble-Tea-König vom Naschmarkt. Er hat vor kurzem seine Freundin Sisi überzeugt, mit ihm trainieren zu gehen. Die beiden arbeiten in einem chinesischen Lokal am Naschmarkt und wie sie selbst sagen, sie haben den besten Bubble Tea in Town (Rechte Wienzeile 37). Sie laden mich freundlicherweise auch  gleich auch auf einen Tee ein. Pengxia und Jay trainieren hauptsächlich Kraft, Sisi und Xiaogang verbringen ihre Trainingszeit am Laufband. Die vier Chinesen kommen immer gemeinsam ins McFit und immer in der Nacht. Sie essen nie nach dem Training, da sie Angst haben zuzunehmen.

 

Von Artur Zolkiewitz und Philipp Tomsich (Fotos)

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