"MMA ist kein Straßenkampf"

21. Oktober 2020

Fußball hat ihm nicht gereicht, Boxen auch nicht. Aber MMA war ein „voller Volltreffer“, wie er selbst sagt. Der 28-Jährige Aleksandar Rakic, Wiener mit serbischen Wurzeln, ist einer von drei Österreichern, die derzeit bei UFC (Ultimate Fighting Championship) unter Vertrag stehen. Wir haben mit dem Mixed- Martial-Arts-Kämpfer darüber gesprochen, warum er trotz seiner Erfolge und seinem Fame in der internationalen Szene wenig Unterstützung in Österreich bekommt.

Text: Aleksandra Tulej, Fotos: Zoe Opratko

Groß, breit gebaut, tätowiert: Als wir UFC-Fighter Aleksandar Rakić im Wiener Sportklub MALU
 in der Wiener Innenstadt treffen, entspricht er genau dem Bild, das man aus seinen Kämpfen kennt: Selbstbewusst, tough und einfach ein „Viech“. Aber als wir uns zum Interview hinsetzen, erfahren wir von Rakić mehr über die Hintergründe und Hürden, die er als MMA-Kämpfer in Österreich bewältigen muss – der toughe Austroserbe hat durchaus berechtigte Sorgen.

Aleksandar Rakić MMA
UFC-Aleksandar Rakić und biber-Aleksandra Tulej beim Interview im Wiener Sportclub MALU (Foto: Zoe Opratko)

Mixed Martial Arts steht dafür, dass viele verschiedene Kampfstile wie Boxen, Karate, Ringen und Muay Thai in einer Vollkontaktsportart vereint sind. Dazu zählen das Schlagen, Treten, Werfen und der Bodenkampf. Beim Bodenkampf darf zudem auch geschlagen und getreten werden, was das Hauptunterscheidungsmerkmal zu anderen Vollkontaktsportarten darstellt. Kein Wunder also, dass MMA oft als brutale Sportart aufgefasst wird.

„Das ist eine Straßenschlägerei, das ist kein Sport“ – diesen Stempel hat die Disziplin MMA
 in Österreich aufgedrückt bekommen. MMA sei den Leuten zu brutal, meint Aleksandar: „Es will einfach nicht anspringen. Boxen ist eine olympische Sportart und bekommt mehr Anerkennung – bei MMA denken sich die Leute: ‚Das ist eine Straßenschlägerei, das ist kein Sport.‘ Das wollen die Leute nicht sehen.“ Rakić weiß, wovon er spricht: „Ich bin die Nr.4 weltweit in meiner Gewichtsklasse, und trotzdem interessiert sich in Österreich keiner dafür. Das macht mich traurig.“ Es sei schwierig, in Österreich Sponsoren zu finden. „Die Leute schrecken ab, wenn sie MMA lesen. Sie wollen das nicht unterstützen. Wenn man Sponsoren findet, dann sind das Menschen, die in der Branche tätig sind, wie zum Beispiel Sportnahrungshersteller.“ Momentan hat Rakić drei Sponsoren: Einen aus Schweden, einen aus Holland und einen aus Wien – den Nahrungsergänzungshersteller Atombody.

Aleksandar Rakić MMA
Den Schriftzug "Es lohnt sich zu kämpfen" hat Rakić auf seinem Unterarm tätowiert. (Foto: Zoe Opratko)

MEHR SUPPORT AM BALKAN

Anders sieht das am Balkan aus, wo Rakić der übrigens als Halbschwergewicht antritt, eine große Fanbase hat: „In Serbien ist das anders. Da kann dich eine Apotheke sponsern, ein Supermarkt oder eine Baufirma. Da ist das Gang und gäbe. Am Balkan – wo meine Eltern herkommen - habe ich eine große Unterstützung, das merke ich immer, wenn ich runterfahre.
Die Leute lieben mich. Deshalb habe ich bei meinem letzten Kampf auch unter der serbischen Fahne gekämpft - ich will den Leuten etwas zurückgeben.“

Aber dennoch gibt der 28-Jährige Austroserbe die Hoffnung in seiner Heimat nicht auf: „Ich habe Österreich viel zu verdanken - vor allem an Trainingsmöglichkeiten. Es gibt nicht viele Österreicher in der UFC. (Anm. d. Red: drei) Ich repräsentiere ja das Land Österreich.“ Aber nach fünf Kämpfen fehlt medientechnisch immer noch jegliche Unterstützung – das will er ändern. „Ein Alexander Gustavsson hat MMA in Skandinavien berühmt gemacht. Das will ich in Österreich auch schaffen.“

Aleksandar Rakić MMA
Rakić erkämpfte sich schon 12 Siege (Foto: Zoe Opratko)

VON ANFANG AN EIN ENERGIEBÜNDEL


Schon als Kind hatte Rakić viel Energie. Zu viel, wie er selbst sagt. Schnell war klar: Irgendein Sport zum Auspowern muss her. Er hat es zuerst im Volksschulalter mit Fußball probiert – nach den Trainings war er allerdings auch immer noch nicht seine überschüssige Kraft los, es hat einfach nicht gereicht. „Als ich 13 war, wurde ich dann aus dem Team gekickt. Weil ich zu aggressiv
 war. Also nicht so, dass ich mich schlagen wollte, sondern einfach beim Spielen selbst war ich zu aggressiv.“ Also musste ein anderer Sport her: Sein Vater meldete ihn daraufhin beim Kickboxen an. Nach 5 Jahren Kickbox- und Boxtraining reichte Rakić aber auch das nicht: „Das war nach 40 oder 50 Kämpfen, ich war Staatsmeister und Landesmeister, das war so 2009 und 2010. Da wusste ich, dass ich noch etwas Ultimativeres will. Boxen ist ja nur ein Standkampf aber MMA beinhaltet ja auch noch Ringen, Jiu-Jitsu und so weiter.“ Und Rakić hat sich gleich voll reingehängt. „Ich habe nichts anbrennen lassen. Im Mai habe ich begonnen zu trainieren und im Oktober hatte ich schon den ersten Kampf.“ Verletzungen bei MMA sind nicht selten, 2016 reißt sich Rakić das Kreuzband, eine Katastrophe. Was aber dann folgte, war ein steiler Aufstieg: „Nach meiner Verletzung hatte ich einen Comeback-Fight. Nachdem ich den gewonnen hatte, hat mir mein Manager den UFC-Vertrag auf den Tisch gelegt. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, ob ich bereit dafür bin.“ Aber er hat nicht lange gezögert und unterschrieben. Das war im März 2017, seitdem hat Rakić fünf UFC-Kämpfe hinter sich und auch zwei Knie-Operationen – einmal Kreuzband und einmal Meniskusriss am selben Bein - haben Rakić nicht demotivieren lassen. Im Gegenteil.

Aleksandar Rakić MMA
Foto: Zoe Opratko

„DIE RUSSEN UND CHINESEN SIND VIEL BESSER ALS DIE ÖSTERREICHER.“

Mittlerweile ist MMA zu seinem Beruf geworden. Er hat eine abgeschlossene Lehre als Hotelfachmann, aber wenn man
 bis zu 20 Stunden die Woche trainiert, lässt sich das mit den Arbeitszeiten in der Gastronomie einfach nicht vereinbaren. Wie sein Training konkret aussieht? „Immer anders. Zum Beispiel aber so: In der Früh Ringen und Jiu Jitsu und am Abend dann Boxen – je nach Kampf. Dazu gehören auch Grundlagen, Ausdauer und so weiter.“ Er trainiert auch in mehreren Wiener Gyms. Momentan hat Rakić vier Trainer – was auch mit Kosten verbunden ist. Nur weil jemand bei UFC unter Vertrag steht, bedeutet das nicht gleich ein millionenschweres Konto. „UFC zahlt für einen Trainer und mich das Hotel und den Flug, für den Rest muss ich selber aufkommen“, so Rakić, der schon UFC-Kämpfe in Korea, Toronto oder Las Vegas bestritten hat. Sein Lebensmittelpunkt ist aber Wien – hier lebt er auch mit seiner Frau und seinem einjährigen Sohn. „Ein Kind zu haben ist das beste im Leben, ehrlich“, sagt er uns grinsend.

Was der Lockdown im Frühling für ihn als Profisportler bedeutet hat? Immerhin waren ja Kontaktsportarten für mehrere Wochen verboten. „Ich hatte das Glück, dass ich in meiner Garage Krafftraining machen konnte, es hat mich körperlich also nur stärker gemacht. Es hat mich auch hungrig gemacht – ich wollte wieder Kämpfen.“

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Rakić trainiert bis zu 20 Stunden die Woche (Foto: Zoe Opratko)

Was Rakić sich für MMA in Österreich wünscht? „Dass es populärer wird. Dass in Schulen im Turnunterricht Kampfsport angeboten wird, wie Boxen, Ringen oder Judo.“ Das hätte ihm als Kind viel bedeutet. „Man sieht das auch bei der Olympia: Die Russen und Chinesen sind viel besser als die Österreicher. Weil das hier nicht gefördert wird. Dabei haben wir hier so viele gute Talente, die dadurch verloren gehen.“

Was seine Pläne für die Zukunft sind? „Ich will Champion in meiner Gewichtsklasse werden. Den Titel noch ein paar Mal verteidigen. Vielleicht ins Schwergewicht wechseln und später einmal ein eigenes Gym in Wien aufmachen.“ Und natürlich: „Ein UFC Event nach Wien bringen“. 

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Aleksandar Rakić; Foto: Zoe Opratko

ALEKSANDAR RAKIĆ                                     

  • Größe: 196 cm
  • Gewicht: 93 kg
  • Nationalität: Österreich
  • Geburtsdatum: 6.2.1992
  • Kämpft aus: Wien, Österreich
  • Geburtsort: Wien
  • Team: Gym 23 American Top Team
  • Kampfstil: Kickboxer  

 

 

 

 

 

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