„Mujaddara ist wirklich das Beste“

25. Juli 2018

Außen- und Integrationsministerin Karin Kneissl über ihre Liebe zum Arabischen, den brutalen Stellvertreter-Krieg in Syrien und ihren Respekt vor Menschen, die jetzt wieder in zerstörte Städte wie Aleppo zurückgehen. 

Von Nivin Haddad und Soza Almohammed (Fotos und Video)

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Geht es um Flüchtlinge oder um Migranten? Da müssen wir genau unterscheiden.

Schon länger wollten unsere syrischen Mitarbeiterinnen Nivin Haddad und Soza Almohammed wissen, wie gut denn das Arabisch von Außenministerin Karin Kneissl wirklich ist. Aber hört und seht selbst im biber-Video! Darüberhinaus liest du hier, was die auf Vorschlag der FPÖ in die Regierung entsandte Nahost-Expertin über den Krieg in Syrien zu sagen hat. Ihre Message ist klar: Wie damals nach dem Krieg in Österreich müssen auch die Syrer jetzt wieder ihr Land aufbauen.

BIBER: Frau Außenministerin, wie kommt es, dass Sie Arabisch sprechen?

KARIN KNEISSL: Ich wollte in arabischen Ländern, am Markt, unterwegs im Bus und auf der Straße mit Leuten reden. Deswegen begann ich zuerst an der Universität Wien Arabisch zu studieren. Aber leider war dieses Studium damals viel zu akademisch. Später studierte ich an der Hebräischen Universität in Jerusalem und lernte dort gleichzeitig Arabisch.

Wie schwer war das für Sie? 

Als ich zum ersten Mal am Markt war und ein Kilo Trauben kaufen wollte, sagte ich einer Beduinin in Bab Al-Amud: Guten Morgen, meine Dame! „Wie" kostet ein Kilo Trauben?

Sie sah mich an: „Was“? Alle Leute lachten.

Ich fühlte mich wie Shakespeare in Las Vegas. Dennoch habe ich Hocharabisch studiert. Damit hatte ich nie Probleme – egal ob in Marokko oder Bagdad.  Parallel lernte ich Umgangsarabisch, das zwischen Beirut und Jerusalem gesprochen wird.

Welches Wort auf Arabisch lieben Sie?

„Nai’man” - Das sagt man, wenn jemand aus dem Badezimmer oder vom Friseur kommt. Dieser Satz ist sehr schön und ich kenne diesen Begriff aus anderen Sprachen nicht.

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Mujaddara ist wirklich das Beste!

Welches arabische Gericht schmeckt Ihnen am meisten?

Mujaddara (ein Linsengericht, Anmerkung der Redaktion)! Ich esse ja kein Fleisch. Mujaddara ist wirklich das Beste!

Kommen wir zur Politik: Dem Krieg in Syrien. Warum ist die Lage dort so eskaliert?

Der Krieg in Syrien war kein Bürgerkrieg – es war von Anbeginn ein Stellvertreter-Krieg. Selbst zu Beginn des Krieges haben nicht nur Syrer gegen Syrer gekämpft, sondern bezahlte Kämpfer, die oft aus dem Ausland gekommen sind – aus den Golfstaaten, aber auch aus dem Iran. Ausländische Kräfte haben die Lage permanent eskalieren lassen, gleichzeitig zerfiel die Armee, aber auch die Opposition. Mich hat die Situation stark an den Libanon in den 80er Jahren erinnert.

Aber wer ist schuld am Krieg?

Die Lage ist viel zu komplex, um nur den einen Schuldigen zu benennen. Es sind viele grauenhafte Fehler und Fehleinschätzungen von allen Seiten gemacht worden. Von der Regierung, von Gruppen der Opposition - von ausländischen Regierungen. Ich möchte mir auch nicht die Arroganz herausnehmen, um zu qualifizieren, wer gut und wer böse unter den Akteuren ist. Ich möchte nur ausdrücklich jene mutigen Menschen in Syrien erwähnen, die etwa als Anwälte, Journalisten oder Aktivisten der Zivilgesellschaft vor dem Krieg für mehr Freiheiten unter dem Regime gekämpft haben. Aber selbst jene haben vor und zu Beginn der Proteste bereits davor gewarnt, dass Syrien in einen Krieg taumeln könnte. Und so ist es leider auch gekommen. Was einige 2002 noch an Reformen einforderten, galt 2004 nicht mehr, da viele Syrer fürchteten, ihr Land könnte zum zweiten Irak werden.

Wie beendet man so einen Konflikt?

Historisch gesehen enden Kriege selten aus rationaler Einsicht aller Betroffenen, sondern aus Erschöpfung. Die Menschen in Syrien sind schon lange erschöpft. Sind es auch die politischen Akteure? Mir hat bereits vor einem Jahr Staffan de Mistura, der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, gesagt: „Der Krieg neigt sich dem Ende zu. Die Regierung möge nicht Sieg rufen und die Opposition möge verstehen, dass sie den Krieg verloren hat.“ Ich habe ihn vor kurzem wieder dazu befragt, ob es nun endlich so weit ist und er hat zugestimmt. Er möge Recht behalten.

Was macht Sie optimistisch?

Ich beobachte erste positive Anzeichen abseits der großen Politik. Immer mehr Leute kehren etwa nach Syrien zurück. Ich selbst habe geflüchtete armenische Freunde, die wieder in ihre Heimat nach Aleppo zurückgehen. Viele von ihnen sind im Schmuckgeschäft tätig und sagen: Wir haben dort unsere Kunden, wir gehen wieder dorthin zurück.

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biber-Mitarbeiterin Nivin Haddad im Interview

Die Städte sind zerstört. Wie soll man dort leben?

Ich habe wirklich den größten Respekt vor meinen Freunden, die wieder zurückgehen. Sie könnten auch woanders leben – leichter leben. Aber denken wir zurück an Österreich nach dem Krieg im Jahr 1945. Auch bei uns waren die Städte zerbombt, Wien war ein Trümmerhaufen. Aber die Österreicher – darunter auch meine Großeltern –haben alles wieder selbst aufgebaut. Nach jedem Krieg müssen die Menschen die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen.

Als wir Syrer 2015 nach Österreich gekommen sind, wurden wir sehr freundlich aufgenommen. Heute hat sich die Stimmung komplett gedreht. Was ist da schiefgegangen?

Ich war eine der Ersten, die bereits damals gesagt hat, so kann das nicht gutgehen. Deutschland hat damals betont, Flüchtlinge aus Syrien nicht zurückzuweisen. Aber was ist dann passiert? Es wurden inflationär syrische Pässe gefälscht – für Ägypter, Palästinenser oder Marokkaner, die damit nach Europa kamen. Viele Jordanier haben plötzlich eine syrische Großmutter ausgegraben. Plötzlich waren auch sie Syrer und verließen ihre Heimat – obwohl sie daheim für 600 Euro einen ordentlichen Job hatten. Da wurde viel Betrug verübt – zu Lasten der echten Flüchtlinge. Zudem kam es zu einem kompletten Kontrollverlust der europäischen Regierungen an den Grenzen. Das hat die Menschen in Europa schockiert. Es war ein Fehler, der jetzt mühsam repariert werden muss.

Man hat den Eindruck, die österreichische Regierung will gar keine Flüchtlinge mehr in Europa?

Geht es um Flüchtlinge oder um Migranten? Da müssen wir genau unterscheiden. Wir brauchen eine korrekte und legale Migrationspolitik in Europa. Zudem muss der Schutz für politisch verfolgte Menschen gewährleistet sein. Aber diese Vermischung zwischen Migration und Asyl muss aufhören. Wir müssen hier ganz neue Instrumente finden.

Warum dauert das so lange?

Weil europäische Staaten ganz unterschiedlich betroffen sind von der Flüchtlingsfrage. Für die Iren ist der Brexit das große Thema, für Italien die Flüchtlingsfrage. Denken wir nur an uns in Österreich zurück: So richtig betroffen waren wir in Österreich auch erst als in den Verkehrsnachrichten im Radio plötzlich die Flüchtlinge auf der Autobahn ein Thema waren. Europa muss sich in dieser Frage erst finden. Zentral scheint mir, dass wir die zuständigen Asyl-Behörden zu den Menschen bringen müssen und nicht die Menschen zu den Asyl-Behörden. Derzeit schaffen es die Stärksten nach Europa und nicht die Schwächsten. Das ist ein darwinistisches Prinzip, das ich ablehne.

Besteht die Möglichkeit, dass Syrer, die hier Asyl bekommen haben, wieder zurückgeschickt werden, wenn der Krieg vorbei ist?

Ja sicher, Asyl ist temporär und nur Schutz auf Zeit, solange die Verfolgung oder Bedrohung aufrecht ist. So steht es in der Genfer Flüchtlingskommission.

Bisher wurde das in Österreich nicht praktiziert. Wären Sie dafür, dass Flüchtlinge zurückgeschickt werden, wenn die Fluchtgründe nicht mehr gegeben sind?

Ich bin in der glücklichen Lage, nicht Richterin in Asylfragen sein zu müssen. Aber ja, das ist konform mit der Genfer Flüchtlingskonvention, wobei bei einer Außerlandesbringung nicht nur diese der Maßstab ist, sondern die Richter auch auf Konformität mit europäischen Menschenrechten prüfen. Es handelt sich demnach um ein komplexes Rechtsverfahren in jedem individuellen Fall.

 

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